Sina interviewt Elisabeth: Die Jugend meiner Oma

Glücklich ist, wer Oma und Opa hat. Wo Mama und Papa schon längst mit uns geschimpft hätten, drücken sie ein Auge zu. Sie hören uns zu, nehmen uns in den Arm und bei ihnen gibt’s oft Kaffee und Kuchen. Jederzeit können wir mit unseren Sorgen zu ihnen kommen: Sie wissen Rat, denn sie sind lebenserfahren. Jetzt sollen sie zu Wort kommen – hier bei Scenario. Unsere Jugendredakteure und Leser wollen wissen, wie „die Jugend ihrer Großeltern“ aussah. Heute befragt die 21-jährige Sina Dietz ihre 103-jährige Oma Elisabeth Bönte.

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  • Die Jugend meiner Oma Sina mit Elisabeth

    Süßes Foto! Nicht nur der Altersunterschied, sondern auch die Größe unterscheidet Sina (l.) und ihre Oma Elisabeth. Foto: Privat

  • Die Jugend meiner Oma_Elisbeth Sinas Oma

    Lieblingsplatz: Elisabeth auf „ihrer“ Bank am alten Friedhof in Recklinghausen mit einem Buch in der Hand. Foto: Privat

Sina: Was war Dein Lieblingsplatz und wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?
Elisabeth:
Als ich so alt war wie Du, saß ich gerne auf der Bank des Alten Friedhofs am Lohtor in Recklinghausen – und habe gelesen. Auf dem Friedhof waren zwar meine Großeltern begraben, aber der Grund, weshalb es mich dorthin zog, war ein anderer. Ich habe damals mit meinen Eltern in einer Wohnung auf der Breite Straße in Recklinghausen gelebt. Beim Spazieren auf dem Weg zum Lohtor führte es mich immer über den Kirchplatz – und dann eben auch über diesen uralten Friedhof. Es gab dort eine Mauer, die den Friedhof von den Häusern und der Straße trennte.

Auf der Seite des Friedhofs stand vor dieser Mauer eine Bank. Das war meine stille Ecke – irgendwann nannte ich sie „meine“ Bank. Ich habe mir immer Bücher mitgenommen und beim Lesen die Zeit um mich herum vergessen. Aber nur im Sommer, sonst war es zu kalt dort.
Den Friedhof gibt es ja heute noch. Ich war zuletzt 1935 dort, dann kam der Krieg und ich bin nach Marl gezogen. Ob „meine“ Bank heute noch steht, weiß ich leider nicht.

Sina: Wie hast Du Dir das Erwachsenwerden vorgestellt?
Elisabeth:
Ich bin im Februar 1915 geboren – ein paar Monate nach Beginn des Ersten Weltkrieges. Die Jahre danach bedeuteten für mich und meine Familie schwierige Zeiten. Es war schwer, nach der Schule einen Job zu finden. Gedanken ums Erwachsenwerden habe ich mir nie gemacht. Es gab wichtigere Dinge, als seine Gedanken damit zu füllen. Ich hatte Glück und konnte mit 14 Jahren in ein Internat nach Luxemburg gehen und dadurch meine Schulzeit verlängern, bis ich 19 war. Als ich zurückkam, habe ich meiner Mutter in der Heißmangel geholfen. Das war aber kein Geschäft von Dauer. Eines Tages habe ich mir beim Straßenbahnfahren den Finger an der Tür eingeklemmt. In dem Moment kam mir die Idee: „Bewirb dich bei der ,Vestischen’!“ Das habe ich dann getan und war glücklich, einen Beruf gefunden zu haben, der mir sogar Spaß machte.

Sina: Was war der schönste und was war der schlimmste Moment in Deinem Leben?
Elisabeth:
Schöne Momente gab es viele, aber meine schönste Zeit war die im Internat in Luxemburg. Wir waren damals so frei und haben ein unbeschwertes Leben geführt. Es gab da immer so leckeres Essen und ganz viel frisches Obst.

Besonders schwer hat es mich getroffen, als mein Mann in den Krieg eingezogen wurde. Unsere Tochter war gerade elf Monate alt, als er zunächst in die Kriegsausbildungsstätte nach Hamm musste. Dort konnte ich ihn noch besuchen. Als der Krieg seinen Höhepunkt erreicht hatte, ging es für ihn an die Front. Ich wusste dann nicht mehr, wo er war. Das war schrecklich. Es ging alles so schnell. Und dann hörte ich lange nichts mehr von ihm. Irgendwann meldete er sich aus Russland. Ich wusste nun, dass er noch lebte, aber der Krieg war noch nicht vorbei.

„Die andauernde Angst, ihn zu verlieren“

Die andauernde Angst, ihn zu verlieren, gehörte zu den schlimmsten Augenblicken in meinem Leben. Kurz vor Weihnachten, nach Ende des Krieges, lag dann auf einmal ein Zettel in meinem Briefkasten. Eine Nonne aus einem Berliner Krankenhaus schrieb mir, dass mein Mann den Krieg überlebt hatte. Dafür war ich sehr dankbar. Schließlich kam er einige Wochen später endlich wieder nach Hause.

Sina: Wer war Deine erste Liebe und wie ist es gelaufen?
Elisabeth:
Ach, es gab einige Bekanntschaften, aber richtig verliebt war ich das erste Mal mit 25 Jahren. Ich habe es Dir ja schon oft erzählt, aber die Geschichte wie ich meinen Mann kennenlernte, bringt mich auch immer wieder zum Lachen.

Bei der „Vestischen“ ist damals eine bekannte Persönlichkeit gestorben. Deshalb war die ganze Mannschaft auf dem Weg zu einer Beerdigung nach Herten. Auf einmal machte der Fahrer der Straßenbahn eine Vollbremsung. Es machte rumms, und ich fiel rückwärts in die Arme eines Mannes. Bei dem Versuch, mich zu entschuldigen unterbrach er mich und sagte: „Macht nichts, ich heirate dich ja sowieso!“ Und er sollte Recht behalten.

Nach der Beerdigung gab es nur Kaffee. Der schmeckte scheußlich und wir hatten Hunger. Dann sind wir beide etwas essen gegangen und so nahm das Schicksal seinen Lauf. Unsere erste gemeinsame Wohnung hatten wir in Recklinghausen, geheiratet haben wir im Jahr 1941, kurz vor seinem Einzug in den Krieg.

Sina: Was wundert Dich an meiner Generation? Hast Du Fragen an uns?
Elisabeth:
Ich finde es gut, dass die Jugend heutzutage viel freier Entscheidungen treffen kann, als wir früher. Damals war alles sehr streng. Zum Beispiel in der Schule. Man musste still sitzen und die Hände zusammenfalten. Heute können die Schüler viel mehr mitreden. Die Kinder und Jugendliche dürfen ja sogar ihre Meinung und Kritik am Unterricht äußern – das durfte man in meiner Jugend nicht.

Trotzdem wundert mich Euer übermäßiger Handykonsum. Früher haben Kinder mit Puppen gespielt, heute kennt Ihr nur noch das neue iPhone und die Nintendos – das muss doch nicht sein! Gerade bei dem schönen Wetter gibt es so viel mehr zu sehen, als nur das leuchtende Handy-Display.
Was wisst Ihr über die Jugendjahre Eurer Großeltern? Nicht so viel, oder? Das wollen wir mit Euch ändern! Schreibt uns an, wenn Ihr mit Eurer Oma oder Eurem Opa dabei sein wollt: scenario@medienhaus-bauer.de