Stottern: Wenn Wörter plötzlich im Hals stecken bleiben

Das Französisch-Referat steht an, das weiß ich allerdings schon seit einer Woche. Trotz meiner Vorbereitung fühle ich mich sehr unwohl, mein Herz schlägt mir bis zum Hals und innerlich hoffe ich, dass es bloß nicht auffällt: mein Stottern.

  • Selin Stottern

    Hand runter, liebe Selin! Du bist wunderbar, wenn Du Dich entspannst und locker bist! Foto: Privat

Ich will unbedingt locker bleiben, doch ich bin einfach zu aufgeregt. Dabei ist es ganz egal, ob es da um die mündliche Beteiligung im Unterricht geht, um ein Telefonat oder um einfaches Vorlesen der Hausaufgaben im Unterricht.

Fange ich erst einmal an, ein Referat zu halten, bin ich unglaublich aufgeregt. Meist bleibe ich beim Sprechen einfach stecken und bekomme gar nichts mehr heraus oder nur mit sehr viel Mühe – und das macht mich meist wütend und traurig, da es sich echt blöd anhört. Ich stehe dann vor der ganzen Klasse und schaue in viele verwunderte Gesichter, die mich anstarren und nicht wirklich wissen, was gerade los ist. Ich sehe, dass meine Klassenkameraden von mir erwarten, dass ich jetzt mal endlich weiterspreche. Nur leider erhöht das den Druck bei mir umso mehr.

In solchen Momenten wünsche ich mir, im Erdboden zu versinken oder dass ich so normal wie jede andere Person sprechen kann. Ich fühle mich dann sehr unwohl und mein Selbstbewusstsein sinkt erheblich. So ist es keine Seltenheit, dass ich mich bei Gesprächen schon öfter frage, ob ich weniger intelligent bei meinem Gegenüber ankomme und dieser vielleicht sogar denkt, dass ich dumm bin, da ich ja nicht einmal vernünftig sprechen kann.

Ich möchte einfach nicht anders sein und ein wesentliches Problem ist doch, dass ich so gut wie niemanden kenne, der auch stottert, und es den Leuten schwerfällt, meine Gefühlslage bei Referaten, beim Vorlesen oder wie es mir allgemein damit geht, zu verstehen, da sich niemand in der gleichen Lage befindet wie ich.

Hoffnung, sich nicht mehr schwach zu fühlen

Ich habe mich lange schwach und klein gefühlt, doch als ich hörte, dass es Hilfe gibt, hatte ich etwas Hoffnung. Mir kann jemand also wirklich helfen, dass ich genauso flüssig sprechen kann wie alle anderen? Damals war das für mich unglaublich.

„Das Stottern an sich ist ja nicht dein Problem, sondern das Verhalten, was du im Laufe des Stotterns lernst, um Stottern zu vermeiden, das ist wohl eher dein Hauptproblem“, erklärt mir die ausgebildete Stottertherapeutin Renate Kaufmann, bei der ich mir Hilfe hole. „Die Hauptarbeit der Therapie ist, die Akzeptanz von Stottern zu lernen. Sich offen zu zeigen, bewusst sprechen und ohne das Sprechen zu kontrollieren, egal ob ein Symptom kommt, oder nicht“, erläutert sie ihre Arbeit. Sie erklärt mir in den Sitzungen auch, dass die Angehörigen eine große Rolle spielen: „Stottern ist auch ein soziales Problem. Viele Eltern sind unglücklich und machen sich Sorgen, dass ihr Kind immer stottern wird. Das Problem ist, dass hierbei bereits das Tabu beginnt.“

Ein wichtiger Tipp ist also, dass Eltern aufrichtig und offen damit umgehen und ihr Kind fragen, ob es sich beim Sprechen ständig anstrengt und ob das Wort stecken bleibt, falls sich Anzeichen von Stottern bemerkbar machen. Eltern können ihrem Kind also helfen, denn es sollte keine Angst vorm Sprechen haben.
Ein weiterer Tipp ihrerseits ist, dass wenn ein Kind im Vorschulalter länger als sechs Monate stottert, zumindest eine Beratung angebracht wäre.

Zu guter Letzt noch ein Tipp an alle anderen Jugendlichen, denen es wie mir geht: Wenn Ihr merkt, dass Euch Euer Sprechverhalten nervt und traurig macht, dann sprecht unbedingt mit Euren Eltern oder Freunden darüber und lasst Euch helfen! Ihr braucht Euch fürs Stottern nicht zu schämen, Ihr könnt ja schließlich nichts dafür. Das Wichtigste ist, dass es Euch gut geht und Ihr Euch wohlfühlt, wenn und während Ihr sprecht.

Heute bin ich 15 und muss sagen, dass mir die Therapie einiges gebracht hat. Ich bin so viel mutiger geworden, sage schon fast immer das, was ich sagen will, und kämpfe immer weniger gegen die Symptome an, die mittlerweile immer seltener auftreten. Stottern ist nur ein kleiner Teil von mir. Mich machen so viele andere schöne Sachen aus und das ist es, worauf es ankommt. Ich kann mich immer entscheiden, wie ich über mich denke und Stottern muss meine Stimmung nicht negativ beeinflussen. Ich bin glücklich, wenn ich es sein will, und muss mein Glück nicht von Sachen, Erlebnissen oder eben vom Stottern abhängig machen.
Und das Referat in der Schule? Das bekomme ich auch noch hin!


AUTOR
Selin Altunkaya
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    28. Mai 2018, 14:04 Uhr
    Aktualisiert:
    17. August 2018, 03:33 Uhr
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