Tanita übt Gesellschaftskritik: Die Zeit rennt - und wir gleich mit ihr?

Meine Güte, die Zeit vergeht viel zu schnell – nicht nur meine Oma sagt regelmäßig diesen Satz – und sie ist auch nicht die Einzige, die das Gefühl hat, die Zeit würde rennen. Wie ein Marathon, der nie endet. Unser Alltag ist schnelllebig geworden, aber müssen wir wirklich wie eine Herde Ochsen mitziehen?

  • Sanduhr

    Unsere (Lebens-)Zeit verrinnt, also sollten wir jeden Tag versuchen, das Beste draus zu machen. Wie genau? Manchmal innehalten, den Moment genießen. Foto: dpa

Noch so ein Spruch: „Der Montag ist der schlimmste Tag. Wenn der überstanden ist, schafft man den Rest der Woche auch noch.“ Bin ich die Einzige, bei der an diesem Mittwoch der Gedanke aufkommt, dass in unserer Gesellschaft eindeutig etwas schiefläuft? Die Zeit rennt viel zu schnell, aber hoffentlich vergehen die Tage bis zum Wochenende wie im Flug. Meine Mutter würde jetzt sagen: „Merkste selbst, ne?“

Jetzt müssen wir also einfach was an unserem Leben ändern, oder wie läuft das? Ganz nach dem Motto „Wenn du nicht glücklich bist, dann änder was.“ Das Problem an diesem Spruch ist, dass er öfter über die Lippen gebracht als umgesetzt wird. Da denkt man sich doch: Danke für die Anmerkung, so einfach ist das aber nicht immer! Nicht jeder Mensch hat die Möglichkeit, einfach etwas zu ändern.

Ich spreche jetzt nicht vom klassischen Beispiel: Familienvater mit Kind, Frau und einem Berg an Verantwortung zu Hause. Es gibt auch Menschen, die keine Unterstützung erhalten. Sei es der psychische Aspekt, wenn es zum Beispiel um den Halt der Familie geht. Oder der finanzielle, wenn das entsprechende Kleingeld fehlt, um mal etwas zu wagen. Stattdessen passen wir uns lieber an und fügen uns ein ins System. Wie bei einem Puzzle, bei dem alles zusammenpasst, damit es ein schönes Endprodukt ergibt. Genauso wie wir das Produkt unserer Gesellschaft sind.

Und plötzlich muss ich mich rechtfertigen

Auf dem letzten Geburtstag, auf dem ich war, musste ich mich dafür rechtfertigen, warum ich mir denn ein Leben ohne Kinder vorstellen könne. Das sei ja wohl der normale Werdegang: Schule, Studium, Hochzeit, Haus und zum krönenden Abschluss gibt’s den Nachwuchs. Ich frage mich: Warum entscheiden wir nicht mehr aus dem Bauch heraus? Ich meine damit, wirklich mal auf sein (eigenes!) Gefühl zu hören. Fühle ich mich gerade so, als könnte ich mir in Zukunft Kinder vorstellen? Wenn man sich die aktuelle Nachrichtenlage anschaut, ist es doch völlig nachvollziehbar, wenn sich Menschen dagegen entscheiden.

Oft überdenke ich mein Leben, in dem es helle, aber auch dunkle Zeiten gibt. Worum sich wohl alles dreht, ist, mit ihnen klarzukommen. Warum sind zum Beispiel Depressionen immer noch so ein Tabuthema? Wenn Menschen Hilfe in Anspruch nehmen können, damit ihr Lebensgefühl besser ist, warum nicht?! Das Leben ist viel zu kurz „um einfach damit zu leben“. Lieber man sucht sich schnell Hilfe…

Wenn ich mir die ganzen oberflächlichen Instagram- und Facebook-Accounts anschaue, finde ich es gar nicht mehr so abwegig, dass bereits 14-jährige Jugendliche an Depressionen erkranken. Was entsteht da online für ein Druck? Wir anderen User schauen einfach zu und machen mit. Auch ich mach‘ da mit, keine Frage. Habe erst vor Kurzem ein Foto von mir hochgeladen, schön in Pose gesetzt vorm Kolosseum in Rom. Um allen zu zeigen, wie gut es mir doch geht.

Klar, jeder Mensch gibt nur das von sich preis, was er preisgeben möchte. Oder glaubt Ihr etwa, ich lade ein Bild von mir hoch, wo ich gerade wach werde um sieben Uhr morgens? Mit geschwollenen Augen nicht zu vergessen, als hätte ich drei Nächte durchgezecht. Natürlich nicht. Aber warum eigentlich nicht? Was stimmt mit uns nicht, dass wir immer alles perfekt darstellen wollen als würden wir uns in einem Werbespot befinden?

Klar, durch das Internet und die globalen Kommunikationsmöglichkeiten verändert sich viel. Aber es ist nicht so, dass das Internet eine neue Gesellschaft erschafft. Die Gesellschaft befindet sich, mit oder ohne Internet, in einem ständigen Wandel. Es ist viel mehr so, dass es die Menschen genauer widerspiegelt und reflektiert.
Wir bekommen mehr mit und daher ist es umso schwieriger, aus dem Reizüberfluss die wichtigen Dinge, und damit meine ich die für jeden persönlich wichtigen Dinge, herauszufiltern. Ein sehr kluger Mann namens Albert Einstein hat mal gesagt: „Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, ein erfolgreicher Mensch zu sein, sondern ein wertvoller.“ Ob es nun für die Firma, die Familie oder die beste Freundin ist.

Ich für meinen Teil habe mir vorgenommen, mehr zu hinterfragen, auf mein Gefühl zu hören und das Leben mit all seinen Möglichkeiten mehr wertzuschätzen. Und wenn es nur ein freundliches „Guten Morgen“ meiner Mutter ist. Das Leben besteht nicht daraus, den ganzen Tag auf den Abend zu warten, die ganze Woche auf Freitag, das ganze Jahr auf den Urlaub und das ganze Leben auf bessere Zeiten.

Denn was würde meine Oma jetzt sagen? Genau: „Meine Güte, die Zeit vergeht viel zu schnell.“


AUTOR
Tanita Neukum
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    18. April 2018, 16:39 Uhr
    Aktualisiert:
    17. Juli 2018, 03:33 Uhr
THEMEN