Timo ist spielsüchtig: Spaß zu Anfang, Probleme am Ende

Die meisten Menschen spielen aus Spaß. Für sie ist das Glücksspiel eine unproblematische, ja, sogar schöne Freizeitbeschäftigung. Für mich nicht, denn ich bin spielsüchtig.

  • Glücksspiele

    Der Automat gewinnt fast immer. Trotz bitterer Erfahrungen geben viele Spielhallenbesucher die Hoffnung nicht auf, am „einarmigen Banditen“ den Jackpot zu knacken. Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild)

Es gibt unterschiedliche Sorten von Spielern. Einige professionelle Poker-Spielerinnen und -Spieler versuchen zum Beispiel, ihren Lebensunterhalt ganz oder teilweise durch Glücksspiele zu bestreiten. Sie spielen viel und regelmäßig, behalten dabei aber jederzeit ein kontrolliertes und distanziertes Verhältnis zum Spiel.

Andere hingegen verlieren diese Distanz. Für sie können sich aus dem Glücksspiel zunehmend Probleme entwickeln. Sie wenden immer mehr Zeit und Geld dafür auf, versuchen Verluste wieder auszugleichen und verlieren zunehmend die Kontrolle über ihr Spielverhalten. Zu diesen Menschen gehöre auch ich.
Spielautomaten und Sportwetten sind mein größtes Laster. Vor etwas über drei Jahren hat es bei mir mit harmlosen Sportwetten mit niedrigen Einsätzen angefangen. Alle paar Wochen mal einen Schein. Zwei Euro Einsatz. Alles kontrolliert.

Dann kamen die Spielautomaten. Einmal in einer Bar fünf Euro reingesteckt. Nur zum Spaß. „Vielleicht gewinne ich ja was“, dachte ich mir, naiv, wie ich war. Das war nicht der Fall. Trotzdem gingen mir die Lichter und Geräusche eine Zeit lang nicht mehr aus dem Kopf.

Ein paar Wochen später – ich dachte mittlerweile überhaupt nicht mehr daran – sind ein Freund und ich zufällig an einer der zahlreichen Spielhallen unserer Stadt vorbeigelaufen und ich habe gesagt: „Komm, sollen wir nicht ein bisschen zocken? Es ist so heiß draußen und wir haben doch eh nichts Besonderes vor.“ Er war einverstanden.

Wir gingen hinein, setzten uns zu zweit an einen freien Automaten. Ich hatte überhaupt keine Ahnung wie so ein Ding funktioniert.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Geldeinzahlung habe ich mir die Spiele angeguckt, die man an diesem Automaten spielen konnte. Natürlich kannte ich keins und habe mich deshalb ein wenig durch die verschiedenen Seiten geklickt und fand plötzlich ein Spiel, das mir was sagte: „Book of Ra“. Ich habe es noch nie gespielt, aber schon einmal davon gehört. Also nehme ich das. Das Spielprinzip ist simpel. Auf fünf Walzen drehen sich verschiedene Symbole, die in einer Reihe einen Gewinn ausschütten. Nach zwei oder drei Drehern ertönte plötzlich ein lautes Klingeln: 30 Euro Gewinn, bei einem Einsatz von zwei Euro. Einfach so. Ich habe das Geld natürlich auszahlen lassen und war dementsprechend aufgedreht.

Zu dieser Zeit hatte ich nicht gearbeitet, gerade mein Abitur bestanden und war überwältigt, wie einfach es scheinbar ist, in einer Spielhalle Geld zu gewinnen. So fängt es meistens an. Als würden die Automaten es merken, wenn vor ihnen ein Anfänger sitzt.

Zwei Tage später sind mein Freund und ich wieder in die Spielhalle gegangen. Warum auch nicht?! Wir sagten uns: „Wir haben Zeit und verdienen damit sogar ein bisschen Geld. Also hin!“ Auch dieses Mal verließen wir die Halle mit einem kleinen Gewinn.

Kostenlose Getränke und kein Zeitgefühl mehr

Wir fingen an, immer öfter unsere Zeit in diesen dunklen Hallen zu verbringen. Damals gab es dort auch kostenlose Getränke und Snacks. Man konnte hier ganz schnell einen ganzen Nachmittag oder Abend verbringen. Durch geschickte Tricks verloren wir als Spieler auch unser Zeitgefühl. Vorhänge vor allen Fenstern und das Fehlen von Uhren an den Wänden sorgten dafür, dass die Zeit wie im Flug verging – und ich merkte es gar nicht.

Danach begann ich, auch mal alleine zocken zu gehen. Dann kamen die ersten Verluste. Zehn Euro, 15 Euro, nichts Weltbewegendes. Ich hatte bis auf mein Taschengeld kein geregeltes Einkommen und war sonst eigentlich sehr verantwortungsbewusst, was den Umgang mit Geld angeht. Aber in der Spielhalle habe ich dieses Verantwortungsbewusstsein vergessen. Ich fing an, immer mehr Geld zu verspielen, immer mit der Hoffnung, meine vorherigen Verluste wieder reinzuholen.

Als ich mein Studium aufnahm, habe ich BAföG bekommen, knapp 300 Euro pro Monat. Zu meiner schlimmsten Zeit bin ich unzählige Male am Tag zur Bank gerannt, um Geld abzuheben. Bis dann alles weg war. Mein ganzes Geld! An einem Tag!

Vom lockeren Spiel-Spaß zu schwerwiegenden Problemen – das geht rasend schnell, musste ich lernen. Ehe ich mich versah, musste ich Geld leihen oder lügen. Und an diesem Punkt fing ich an, zu realisieren, dass der Spaß beim Spielen schon lange vorbei ist.

Und hat sich seitdem was geändert? Nicht wirklich. Ich schäme mich immer noch zu sehr, es meiner Familie oder meiner Freundin zu sagen. Bis auf ein paar Kollegen weiß niemand von diesem Verlangen, das ich nicht kontrollieren kann.

Und warum erzähle ich das? Ich hatte gehofft, dass ich auf diese Weise den Mut finde, mich irgendwem anzuvertrauen. Aber wem mache ich was vor, ich werde sowieso mit niemandem reden und erst recht nicht aufhören?! Dafür ist es schon zu spät.

Fangt nie damit an, lasst einfach die Finger davon!
Geht es Euch wie Timo? Bei psychischen Problemen jeder Art könnt Ihr Euch an die Erziehungsberatung Vest wenden: Tel. 02361 / 92 61 83 10



AUTOR
Timo Kaiser* (21) (Name v. d. Red. geändert)
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    15. Mai 2018, 12:20 Uhr
    Aktualisiert:
    8. August 2018, 03:33 Uhr
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