Warum Lena genervt ist: Der Soundtrack des Fernbusses

Von Berlin nach Dortmund nach Berlin nach Dortmund nach Berlin – wie oft ich schon am Nordeingang des Dortmunder Hauptbahnhofs in der Kälte gewartet habe, um mal wieder das Vest zu besuchen und meine Mutter zu sehen. Bisher immer mit dem Fernbus.

  • Fernbus

    Jugendredakteurin Lena hätte sich im Fernbus auch gerne Kopfhörer aufgesetzt, um das Gelaber der Mitfahrer nicht mit anhören zu müssen. Leider hatte sie keine dabei… Foto: Pixabay

Ich habe zusammengerechnet wahrscheinlich schon Monate meines Lebens in Bussen verbracht. Habe mich in kleinen Minivans zusammengerollt, als es an der Grenze zu Montenegro zu schneien anfing und es keine Heizung gab. Wurde in Albanien fünf Kilometer vom Stadtzentrum auf der Hauptstraße rausgeworfen. Habe mich am kaugummibeklebten Sitz festgeklammert, während rumänische Fahrer ihre Lust am Leben am Steuer auslebten. Bin auf Holzsitzen mit baumelnden Traumfängern über mir nach Ungarn getuckert. Und nichts davon habe ich so gehasst wie meine Fernbusfahrten zwischen meiner Uni-Stadt Berlin und Dortmund.
Warum ich immer wieder Bus fahre? Es ist manchmal günstiger. Und da enden meine Argumente auch schon.

So läuft es üblicherweise ab mit dem Fernbus: Kurz vor Abfahrt kriegt man eine Mail, man solle doch 15 Minuten zu früh an der Bushaltestelle sein. Nach dem 30-minütigen Warten auf den verspäteten Bus und dem Einreiben aller Wunden nach dem Ellenbogenkampf an der Bustür „genieße“ ich dann die sieben Stunden, die die Busfahrt dauern soll. Rechnen muss man eher neun. Irgendeine Vollsperrung ist da immer.

Pipipause und kein WLAN

Und zwanzig Minuten vor dem Ziel braucht der Fahrer plötzlich dringend noch seine halbstündige Pause, es knackt, und die Durchsage kommt: „So, Treffen am Bus um 19.25 Uhr. Am besten hier Pipipause machen, denn die Toilettentüren im Bus klemmen nach der Überschwemmung vor fünf Stunden ein bisschen, und WLAN geht nicht, hört auf, mich danach zu fragen!“

Natürlich teilt man die Fahrt mit solchen, die günstig fahren wollen – das können liebe Rentner sein, die von Berlin vor dem Mauerfall erzählen. Geflüchtete, die ein bisschen schüchtern nach der Haltestelle fragen. Darüber kann ich mich immer freuen. Leider sind diese immer in der Minderheit gegenüber drei Sorten, die mich auf jeder Fahrt begleitet haben. Da sind die alkoholisierten Fußballfans, bei denen ich mich stets frage, wie trinkschwach man sein muss, um sich nach einem Bier bereits wie ein Affe zu benehmen. Vier Stunden lang hörte ich zwangsweise das „Olé“-Grölen, ohne Konversation dazwischen.

Meistens in Lauschweite sitzt das aggressive Pärchen, das sich mit Anfang 20 verlobt hat und nun keinen abfälligen Kommentar über die Mitfahrenden spart. „Der da vorne hört sich aber auch echt gern reden. Und überhaupt, was isst der denn da?“ Ich in Hörweite bekomme leider nichts von dieser „konstruktiven“ Kritik ab, lediglich hasserfüllte Blicke, wenn ich mal in Richtung des Paares atme.

Abiturienten und ihre Alltagsgeschichten

Am wenigsten Geld für den Zug haben Abiturienten. So darf ich öfter gespannt lauschen, wie doof Lisa doch eigentlich ist, wie die letzte Französischarbeit lief und dass man „voll keinen Bock auf Hausaufgaben hat, ey.“ „Ich mach‘ nach der Schule eh nichts mit Mathe, und die Jacqueline meinte letztens, dass Justin mich gar nicht richtig lieben würde, voll die blöde Kuh, Alter!“ Das ist also der Soundtrack, der mich begleitet. Neulich durfte ich eine Nachtfahrt wie gewohnt mit allen drei Typen genießen, ganz präsent die Alkoholisierten, die während dieser Nacht(!)-Fahrt nichts Besseres zu tun hatten, als Rihanna mit ihren Handys abzuspielen, sich regelmäßig mit dem Bier zuzuprosten und zu quatschen. Irgendwo bei Hannover kamen sie entweder an oder wurden vom genervten Busfahrer rausgeschmissen. Daraufhin fuhr das aggressive Pärchen zu Höchstformen auf.

Bei meiner Ankunft in Dortmund um sechs Uhr morgens war ich einer kriminellen Tat recht nahe. Doch dann passierte etwas anderes: Völlig übernächtigt vergaß ich meinen Rucksack im Fernbus. Als mir das klar wurde, reagierte ich erst mal spontan mit Tränen. Dass ich soeben tief in die Bürokratiehölle der Fernbusse gestürzt war, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Ich telefonierte mit der Hotline, keine Hilfe, nur: „Füllen Sie das Formular aus!“

Meine Mutter und ich fuhren dem Bus hinterher bis nach Düsseldorf, verpassten ihn um wenige Minuten. Der Bus und somit der Rucksack mussten irgendwo in der Nähe geparkt sein, aber keine Spur von ihm. Gedanklich hörte ich: „Füllen Sie bitte das Formular aus!“ Was ich wirklich hörte, war: „In drei Wochen melden wir uns bei Ihnen.“ Drei Wochen?! Ohne Laptop, ohne Uni-Unterlagen, ohne Schlüsselbund, für einen Rucksack, der in diesem Moment garantiert in Laufweite war. Das war der Schockmoment, der mich zum Umdenken bewegte.

Meinen Rucksack habe ich nie wiedergesehen. Nach drei Wochen kam eine generische Mail mit der kurzen Info, dass er noch nicht gefunden wurde und man für Nachfragen bereitstände. Auf meine Nachfrage kam noch mal die exakt selbe Mail. Und dass man für Nachfragen bereitstände. Ich fahr‘ jetzt Zug.


AUTOR
Lena Gibbels
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    16. Februar 2018, 15:31 Uhr
    Aktualisiert:
    17. Mai 2018, 03:34 Uhr
THEMEN