Interview mit Chefket: Im Hip-Hop eine Rarität

Der Albumtitel „Alles Liebe (Nach dem Ende des Kampfes)“ wirkt sperrig, ist aber Programm. Denn endlich kann sich der stimmlich sanft-samtige Soulrapper Chefket, der eigentlich Sevket Dirican heißt und 1981 als Sohn türkischer Einwanderer im schwäbischen Heidenheim groß wurde, musikalisch wieder auf das konzentrieren, was ihm am Wichtigsten ist: Und das ist die Liebe. Wir sprachen mit dem Wahl-Berliner über seine neuen Songs – und auch über gute und schlechte Zeiten.

  • Chefket

    „In Heidenheim wusste ich nie, ob die Leute mir applaudieren, weil sie mich von klein auf kennen“, berichtet Soulrapper Chefket, der sein (musikalisches und privates) Glück deshalb in Berlin suchte – und fand. Foto: Roman Goebel

Scenario: Wie bist Du zum Hip-Hop gekommen?
Chefket:
Ich bin mit einem Kumpel aufgewachsen, der ein Stück älter war und mich mit Kassetten versorgt hat. Tracy Chapman fand ich damals genial. Mit 17, 18 fing ich an, Songs zu schreiben und erste Konzerte mit meiner Band zu spielen. Damals ging es eigentlich in allen meinen Liedern um die Liebe. Ich wohnte noch zu Hause im beschaulichen Heidenheim bei Stuttgart, hatte nicht so wahnsinnig viele Probleme und konnte mich in meiner Musik ganz den Mädchen, Gefühlen und Beziehungen widmen.

Scenario: Hört man sich nun Songs wie „Aufstehen“, „High“ und „Immer“ an, darf man wohl annehmen, dass es mit der Liebe inzwischen geklappt hat.
Chefket:
Ja, ich lebe in der Polygamie. Meine erste Liebe wird immer die Musik sein, aber ich bin auch definitiv sehr glücklich, dass ich mein Leben mit meiner Freundin teilen kann. Niemand ist gern allein, und niemand ist frei von Emotionen.

Scenario: „Wo du stehst“ ist aber ein Liebeslied an Deine Mutter, oder?
Chefket:
Grundsätzlich habe ich bei dem Stück an alle Menschen gedacht, die einen Raum heller machen, sobald sie ihn betreten. So ein Mensch ist auch meine Mutter. Sie ist eine sehr lustige und warmherzige Person. Und sie hat, im Gegensatz zu meinem Vater, immer an das geglaubt, was ich mache. Sie war sogar die Einzige, die zu den schlechten Beats, die ich als Teenager in meinem Dachbodenzimmer machte, tatsächlich tanzte.?

„Ich musste raus aus meiner Kleinstadt“

Scenario: 2006 bist Du nach Berlin gezogen…
Chefket:
Ich musste raus aus meiner Kleinstadt, denn in Heidenheim wusste ich nie, ob die Leute mir applaudieren, weil sie mich von klein auf kennen, oder weil sie meine Musik wirklich gut finden. In Berlin wollte ich das herausfinden.

Scenario: Die Stadt hat allerdings nicht auf Dich gewartet – und das Geld war knapp.
Chefket:
So ist es. Außer einer Matratze und ein paar Kartons hatte ich nichts. Doch in Berlin war das egal, dort bist du nicht gleich der Loser, bloß weil du von deiner Musik noch nicht leben kannst. Ich habe ungefähr ein Jahr gebraucht, um Gleichgesinnte zu finden und zu wissen, wo der HipHop in Berlin stattfindet. Und abends konnte ich mir am Späti für 20 Cent eine einzelne Zigarette kaufen und mit Leuten quatschen, denen es ähnlich ging. Ich habe mich in Berlin schnell ziemlich zu Hause gefühlt.

Scenario: Hast Du immer daran geglaubt, es eines Tages mit Deiner Musik zu schaffen?
Chefket:
Ich habe gewusst, dass ich gut bin, und dass es nicht sein kann, dass es nicht funktioniert. Ich habe mir selbst vertraut. Und 2015 kam tatsächlich die Wende.

Scenario: Dein Album „Nachtmensch“ schaffte es in die deutschen Album-Top-Ten…
Chefket:
Genau. Und auch der Geschmack hatte sich gedreht. Hip-Hop mit souligen Elementen und Gesang ist plötzlich wieder gefragt. Mein vermeintlicher Makel ist jetzt meine Stärke. Ich bin einer der wenigen Rapper, der ohne Autotune (Anm.: eine Stimmverzerrungs-Software) singen kann. Damit bin ich gerade eine Rarität.?
 
Chefket könnt Ihr live in Eurer Nähe rappen hören und sehen:
Mittwoch, 3. Oktober, 20 Uhr
Live Music Hall
Köln
Samstag, 6. Oktober
21 Uhr
Skaters Palace
Münster
Karten gibt es ab 27,50 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline Tel. 0209 / 14 77 999.



AUTOR
Steffen Rüth
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    7. September 2018, 11:00 Uhr
    Aktualisiert:
    7. September 2018, 11:15 Uhr