Interview mit Foo Fighters: Nicht seltsam, sondern stimmig

Wenn es um Rock’n’Roll geht, ist die US-amerikanische Band Foo Fighters schon seit Jahren immer ganz vorne mit dabei. Am 15. September veröffentlicht sie ihr neues Album „Concrete and Gold“. Wir haben mit Frontmann Dave Grohl gesprochen.

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    Stillstehen fürs Foto ist okay, aber bitte nicht in der Musik! Dave Grohl (3.v.l.) liefert mit seinen Kollegen der Foo Fighters am 15. September ein dynamisches Rock-Album ab. Foto: Sony Music

Scenario: Der Einfluss der Siebziger und Bands wie den Beatles ist mitprägend für "Concrete and Gold". „Happy ever after“ oder „Dirty water“ rufen Erinnerungen wach an Alben wie „Pet Sounds“ von den Beach Boys und „Sgt. Pepper’s“ von den Beatles. Dein Freund Paul McCartney spielt auf dem neuen Song „Sunday Rain“ Schlagzeug. Was sagt er zum neuen Album?
Dave Grohl:
Er liebt es. Paul und ich unterhalten uns vor allem über das Songschreiben, er geht ähnlich vor wie ich und hat vergleichbare Prioritäten.

Scenario: Welche?
Dave:
Die Melodie muss sitzen. Der Krach ist leicht, du kannst mit wenig Mühe eine der lautesten Bands der Welt sein, das bringt uns auch großen Spaß, aber besonders anspruchsvoll ist es nicht, Lärm zu machen. Die echte Herausforderung steckt aber in der Melodie. Als Kind war ich der größte Beatles-Fan überhaupt, wegen der Beatles lernte ich Gitarre zu spielen, ihre Platten waren meine Musikschule.

Scenario: „Concrete and Gold“ ist ein äußerst dynamisches Album. Sanfte und harte Passagen folgen oft unvermittelt aufeinander, etwa in „T-Shirt“ oder dem Titelstück, und bei aller Vertrautheit hört sich die Platte doch wieder anders an als die vorherigen…
Dave:
Das ist immer unser Ziel. Einige meiner liebsten Bands sind jahrzehntelang einem sehr konstanten Sound treu geblieben, Motörhead und AC/DC zum Beispiel, und ich liebe sie dafür, immer ihr Ding gemacht zu haben. Mit mir und den Foo Fighters verhält es sich anders. Für uns fühlt es sich immer so an, als gäbe es noch neues Terrain zu erobern. Doch nicht nach der Devise „Wir müssen endlich unser verdammtes Reggae-Album machen“, sondern ungezwungen und freihändig.

Scenario: Warum ist das so wichtig?
Dave:
Als Band bleibst du lebendig, wenn du experimentierst. Wir wussten früh, dass wir uns stilistisch breit aufstellen und so ein weites musikalisches Feld bespielen wollten. Deshalb wirken die Kontraste, die wir auf der Platte und teilweise innerhalb einzelner Stücke haben, auch nicht seltsam, sondern stimmig.

Scenario: Produziert hat das Album Greg Kurstin, das ist zunächst mal eine überraschende Wahl, denn Kurstin ist vor allem als Produzent von Popstars wie Adele, Sia oder Katy Perry bekannt.
Dave:
Ja, aber ich wusste das anfangs, als ich Greg kennenlernte, gar nicht. Ich war ein Fan seiner Band The Bird and the Bee, wir unterhielten uns über Musik und die große Bandbreite an Stilen, die wir lieben. Greg ist ein studierter Jazzmusiker, er hat auch schon Punk gemacht, und seine Band macht wunderbar luftigen Seventies-Pop und Softrock. Ich wusste, dass wir gemeinsam bestens ausgerüstet sind, um dieses Album zu machen, das extrem in eine weiche, harmonische, aber genauso extrem in eine harte, dissonante, dunkle Richtung gehen sollte. Irgendwas zwischen Beach Boys, Bee Gees, Queen und Slayer, das war unser Ansatz.

Warme Gefühle bei Hip-Hop bekommen

Scenario: Shawn Stockman wirkt auf Eurem Album mit, einer der Sänger der berühmten 90ies-A-Capella-Gruppe Boys II Men, vor allem bekannt durch „End of the toad“ und „I’ll make love to you“. Shawn verstärkt den Chor im Song „Concrete and Gold“. Wie kam es dazu?
Dave:
Wir sind uns auf dem Parkplatz des Studios begegnet, ich habe ihn gefragt, er hat zugesagt, fertig. Ich habe eine Affinität für diese Art von Liebes-Soul aus den 90ies, ich kann auch bei HipHop und R’n’B warme Gefühle bekommen. Boys II Men waren Giganten, ihr Gesang wirklich wunderbar.

Scenario: In „Happy ever after“ singst Du über Dein „Shangri La“, also Dein persönliches Paradies. Hast Du es schon gefunden?
Dave:
Ich suche noch. Der Song ist lustig, er handelt von meinem Leben nach der Band. Ich stelle mir vor, einen Ort gefunden zu haben, an dem ich auch ohne die Foo Fighters zufrieden bin.

Scenario: Kannst Du Dir denn ein Leben ohne die Foo Fighters ausmalen?
Dave
: Natürlich kann ich das. Schon nach unserem ersten Album dachte ich: „Vielleicht ist jetzt schon Schluss“. Nach jeder Platte denke ich, es könnte die letzte gewesen sein. Aber ich habe nicht vor, die Foo Fighters zu beenden, absolut nicht. Vieles macht mir heute noch mehr Spaß als vor 22 Jahren, als wir anfingen.

„Das Leben ist eine wunderbare Sache“

Scenario: Du singst in „T-Shirt“ die Zeile „I just wanna sing a fucking love song / pretend there’s nothing wrong“, und in „The sky is the neighbourhood“ geht es um eine schlaflose Nacht, in der Du Dir Sorgen um die Verwundbarkeit unseres Planeten machst. Welche Verantwortung siehst Du für Dich als Rockmusiker und Sprachrohr?
Dave:
Die Verantwortung, meine Lieder zu singen. Das ist jetzt ein Griff in den Klischeekasten, aber die Idee des Silberstreifs am Horizont war und ist immer ein wichtiger Teil unserer Songs. Ich lese jeden Tag die New York Times und die Washington Post, ich gucke CNN und Fox, und wie viele andere kann ich kaum glauben, mit was für einer Verantwortungslosigkeit und Ignoranz unser Präsident versucht, seinen Job auszufüllen. Aber die Welt fühlt sich nicht zum ersten Mal hoffnungslos an. Solange es noch menschliches Mitgefühl und rational denkende Zeitgenossen gibt, wird man solche Phasen durchstehen. Es kommt auf uns Menschen an, zu erkennen, dass das Leben, die Liebe zu deinen Nächsten, der ganz normale, wunderbare Alltag größer und mächtiger sind als Grenzen, Kleingeistigkeit und Geld. Das Leben ist eine wunderbare Sache, lasst es uns genießen!

Scenario: Im Video zu „Run“ rockt Ihr als alte Herrschaften das Seniorenheim. Kann das Alter kommen?
Dave:
Das Alter ist doch schon da. Wenn wir auf Festivals spielen, dann treffe ich immer diese mächtig erfolgreichen Musiker, die 15 oder 20 Jahre jünger und viel hübscher sind als ich. Während ich in meinem Bart immer mehr graues Haar entdecke. Aber ich mag das. Vor langer Zeit spielten wir mit Neil Young, ich stand hinter der Bühne und bewunderte diesen forschen, lauten, genialen Kauz mit seinem langen, grauen Pferdeschwanz. Bald werde ich auch so aussehen. Ich freue mich drauf.



AUTOR
Steffen Rüth
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    11. September 2017, 15:32 Uhr
    Aktualisiert:
    11. September 2017, 15:43 Uhr
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