Interview mit Gloria: Musik machen? Nur mit Haltung

Pop Mark Tavassol (43, Ex-Wir-Sind-Helden) und Klaas Heufer-Umlauf (34, Ex-„Circus Halligalli“) sind die fleißigen Lieschen der deutschsprachigen Pop-Poesie. Auf „Da“, ihrem dritten Album in vier Jahren, klingen die zwei Freunde musikalisch gewohnt gelassen, die wieder sehr ernsthaften Texte gleichwohl haben trotz gelegentlicher Überkomplexität richtig Kraft. Wir unterhielten uns mit dem Duo in Hamburg.

  • Gloria

    Klaas Heufer-Umlauf (l.) und Mark Tavassol bleiben auf dem dritten Album „Da“ ihrem Stil treu – und legen Wert auf Texte, die zum Nachdenken anregen. Foto: Peter Kaaden

Scenario: Ihr Zwei seid bereits Freunde gewesen, bevor Ihr Gloria gegründet habt. Hat sich Eure Freundschaft mit den Jahren verändert?
Mark Tavassol:
Die intensivste Zeit unserer Freundschaft war die Phase, als wir anfingen, zusammen Musik zu machen, es aber noch nicht klar war, was daraus wird. Da haben wir uns als Freunde nochmal gründlich geprüft und auch viel gestritten.

Scenario: In wieviel Prozent aller Fragen seid Ihr einer Meinung?
Mark:
Früher waren es fünfzig, jetzt sind es ungefähr achtzig Prozent. Wir reiben uns aneinander, aber wir reiben uns auch nicht zu sehr. Wir kennen uns natürlich besser als am Anfang, aber das heißt nicht, dass wir eine perfekt geölte Maschine wären.

Scenario: "Da" ist ein musikalisch gefälliges und eher ruhiges Album, Eure Texte aber sind alles andere als leichtverdaulich oder bequem.
Mark:
Das ist schon immer unser Stil gewesen. Wir arbeiten mit Metaphern, und beim Texten sind wir nicht so sehr in der direkten Form zuhause. Was aber nicht heißt, dass wir uns hinter Verklausulierungen verstecken.

Scenario: „Immer noch da“ ist Euer deutlichster Text auf dem neuen Album. Es ist ein Lied gegen den Rechtsextremismus. Ein Thema, bei dem man mit Subtilität nicht weiterkommt?
Klaas Heufer-Umlauf:
Genau. „Immer noch da“ ist eine ganz klare Beschreibung aus der Perspektive eines Geflüchteten. Was dem hier alles entgegenschlägt! Diskriminierung, fehlende Toleranz, ein fehlendes Verständnis für gesellschaftliche Offenheit. Wir sind noch längst nicht so weit, als dass man einen solchen Song nicht mehr schreiben müsste. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, was für eine Strömung sich bei der Bundestagswahl manifestiert hat. Uns macht das Angst. Es ist erschreckend.

Nicht zu helfen, ist unerträglich

Scenario: Was konkret?
Klaas:
Wir beide sprechen viel darüber, und wir finden es schlimm, wie die Menschen, die vor Kriegen flüchten, inzwischen an der EU-Außengrenze ausgesperrt werden. Nur weil die Züge nicht mehr ankommen, ist das Elend dieser Menschen doch nicht vorbei. Es gibt sie immer noch, und sie sind immer noch hilfsbedürftig. Wir Deutsche sind geographisch und wirtschaftlich in einer prädestinierten Position, diesen Leuten zu helfen. Aber wir machen es nicht, und das ist unerträglich.

Scenario: Wie unerträglich ist es für Dich, mit jemandem wie AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel zu sprechen, so wie Du es in Deiner Pro7-Politsendung „Ein Mann, eine Wahl“ getan hast?
Klaas:
Ich fand es nicht unerträglich, sondern erhellend, mit Alice Weidel zu sprechen. Man merkte so richtig, wie sie unsicher wurde, weil sie überhaupt nicht sie selbst sein kann, weil sie in dieser Partei eine Rolle spielt.

Scenario: Welche?
Klaas:
Eine bürgerlich-weltoffene. Aber sie ist nicht der Lage, das wirklich darzustellen. Diese ganze Partei führt ein schlechtes Bauerntheater auf, alle in dem Ensemble haben ihre Rollen, aber das Dilemma ist offensichtlich: Die gesamte Partei ist rechtsradikal und rassistisch. Ich hoffe, dass den Leuten, die AfD gewählt haben, dieses Licht bald aufgeht.

Scenario: Seid Ihr guter Dinge, dass sich die Partei im Bundestag selbst zerlegen wird?
Mark:
Es würde mich nicht wundern, dass sich diese Partei von innen heraus zerfleischt, auch weil viele undiplomatische Menschen für die AfD im Bundestag sitzen werden. Mit Frauke Petry ist es ja schon losgegangen. Vor laufender Kamera auszusteigen, das hat mich an die berühmte Pressekonferenz erinnert, bei der sich Tic Tac Toe damals trennten. Andererseits: Nur darauf zu setzen, dass die Partei sich selbst zerstört, wird nicht reichen. Dann ist der Schlange der Kopf abgeschlagen, aber die Menschen, die auf eine funktionierende, rechtsextreme Partei setzen, die sind immer noch da. Man muss sich also Gedanken über die Gesellschaft und ihre Zerrissenheit machen.

Scenario: Warum ist es Euch so wichtig, Musik mit Haltung und Botschaft zu machen?
Mark:
Wir sind immer schon gesellschaftlichen Themen gegenüber zugewandt. Das war schon mit einer früheren Band Wir Sind Helden so. Für uns gehören Musik und Haltung zusammen. Wir beobachten teilweise mit Unverständnis, wie sich die Schlagerszene verhält. Nicht alle, es gibt auch Schlagerstars mit Herz und Seele, aber gerade die Kolleginnen und Kollegen, die Stadien füllen, verlieren nicht ein Wort darüber, was in Deutschland gerade passiert. Das ist bestenfalls Kalkül, um niemanden zu vergrätzen und weil die eigenen Verkaufszahlen wichtiger sind als die Entwicklung der Gesellschaft. Schlimmstenfalls ist es stillschweigende Zustimmung. Beides ist nicht zu tolerieren.

Scenario: In Eurem Lied „Erste Wahl“ geht es um all die frustrierten Lügen- und Hassbürger. Wie sollte man mit denen umgehen?
Klaas:
Viele dieser Leute haben keine Ahnung von Politik. Man muss überlegen, wie man deren Interesse weckt. Schon an den Schulen sollten die Leute immunisiert werden gegen Demagogie und Populismus.

Scenario: Willst Du nach „Ein Mann, eine Wahl“ auch weiterhin Politik ins Fernsehen bringen?
Klaas:
Ja. Was ich mit der Sendung versucht habe und auch gerne weiterhin versuchen möchte, ist die Trennung zwischen Politik und Gesellschaft aufzuheben. Wenn die Leute merken, dass Politik bedeutet: Dein Leben, deine Stadt, dein Viertel, dein Platz in Europa, dann ist viel erreicht. Wenn du „Gesellschaft“ draufschreibst anstatt „Politik“, und das Ganze noch unterhaltend, informativ und lustig umsetzt, dann schaffst du einen Anreiz, sich mit diesen Themen zu beschäftigen.

Scenario: Wie sieht Deutschland in zehn Jahren aus?
Mark:
Naja, ungefähr so wie heute. Das Erstarken der Rechtspartei ist natürlich ein Schock, der uns erst vor Augen führt, wie gut wir es politisch lange Zeit hatten. Aber wie Heiner Geissler einst sagte: Es gibt 15 Prozent Nazis in Deutschland. Die kommen hinter dem Ofen hervor, wenn es einer schafft, sie zu rufen. So wie einst Ronald Schill in Hamburg.
Klaas: Mich würde sehr interessieren, wie die Welt wohl in 50 oder 100 Jahren aussieht. Trotz aller Rückschläge werden wir global ja immer vernünftiger. Wie mag man in den USA im Jahr 2100 wohl auf den derzeitigen Präsidenten schauen? In zehn Jahren aber wird unsere Gesellschaft nicht grundsätzlich anders aussehen als jetzt.

Scenario: Was werden die Geschichtsbücher dereinst über Gloria schreiben?
Klaas:
Um Gottes Willen. Es muss viel geschehen, dass wir dort einen Platz finden. Soweit denken wir nicht in die Zukunft. Wir hoffen, dass wir uns als Gloria wandeln und doch immer ganz bei uns bleiben.

Grenzen erkennen, Gleichgewicht erhalten

Scenario: Worum geht es im Stück „Süchtig“?
Klaas:
Um die Anforderungen, die an einen gestellt werden und die immer höher werden. Man wird als Loser hingestellt, wenn man nicht alle seine vermeintlichen Optionen ausschöpft. Viele erkennen nicht, wann sie nicht mehr optimieren, sondern schon abbauen. Man sollte lernen zu erkennen, wo seine Grenzen sind und wie man sein Gleichgewicht erhält. Mit seelischer Ausgeglichenheit ist nicht zu spaßen.

Scenario: Handelt auch „Sturm“ von diesem Thema?
Mark:
Indirekt ja. „Sturm“ ist eine Aufforderung, Umbrüche zuzulassen, weder privat noch beruflich zu konservativ zu denken, so nach dem Motto „Ich wohne in dieser Stadt, mit diesem Menschen und diesem Job, ich kenne hier die beste Pizzeria, und das muss immer so bleiben“. Umbrüche können bereichern. Man lässt sie nur viel zu selten zu.
Klaas: Dabei hilft ein gewisses Grundvertrauen. Man muss sich manchmal sagen „Was ist denn das Schlimmste, was mir passieren kann?“ Wir beide haben uns für Berufe entschieden, in denen der Wandel etwas Beständiges ist. Oft ist es das größere Risiko, an einer Sache kleben zu bleiben, bis sie irgendwann definitiv ins Leere laufen wird, als etwas Neues zu wagen.
Gloria auf „Da“-Tour:
13. Dezember, 20 Uhr
FZW, Dortmund
14. Dezember, 20 Uhr
Skaters Palace, Münster
Karten gibt es im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline Tel. 0209 / 14 77 999.



AUTOR
Steffen Rüth
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    19. Oktober 2017, 10:32 Uhr
    Aktualisiert:
    20. Oktober 2017, 05:55 Uhr
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