Interview mit Halsey: Die rosarote Brille abgezogen

Halsey, geboren vor 22 Jahren als Ashley Nicolette Frangipane unweit von New York, ist nicht nur bekannt für ihren knackigen Electro-Pop, sondern auch für ihre unverblümten Aussagen. Mit „Hopeless Fountain Kingdom“ (kl. Foto) bringt sie ihr zweites Album auf den Markt. Wir haben mit ihr gesprochen.

  • Halsey

    Drei Superkräfte hat Halsey laut Eigenaussage. Sie kann überall schlafen, in jeder Stadt den besten Kaffee auftreiben und sich an jeden Menschen erinnern, den sie irgendwann im Leben getroffen hat. Für uns hat sie noch zwei weitere: Halsey sieht super aus und singt auch so. Foto: Universal Music

Scenario: Du sagst, das neue Album ist von Baz Luhrmans „Romeo und Julia“-Film beeinflusst, und das Video zur Single „Now Or Never“, bei dem Du Regie geführt hast, erinnert an „Mad Max“.
Halsey
: Ich bin der totale Kinofreak. Filme habe ich mir immer schon aus einer sehr nerdigen Perspektive angeguckt. Ich will bald selbst in einem Film mitspielen, am liebsten wäre ich die Superheldin.

Scenario: Hast Du eine geheime Superkraft?
Halsey:
Eine? Ich habe sogar drei! Und geheim sind die alle nicht, denn ich verrate sie dir jetzt. Ich kann überall schlafen. Ich finde in jeder Stadt schnell den besten Kaffee. Und, die wichtigste Superkraft von allen: Ich kann mich an jeden einzelnen Menschen erinnern, den ich irgendwann in meinem Leben getroffen habe.

Scenario: Ist das eine tolle oder eher eine gruselige Eigenschaft?
Halsey:
In meinem Job ist das super, ich habe ja andauernd mit Menschen zu tun, und die Fans lieben es, wenn ich noch weiß, wer sie sind. Kompliziert ist allerdings, dass diese Sache meinen Gefühlshaushalt regelmäßig durcheinanderbringt. Weil ich mich Leuten sehr schnell sehr nah fühle, und mich auch immer an ihre Geschichten und total viele Details erinnere. Umgekehrt ist das fast nie so.

Scenario: Denkst Du, Du bist „Bad at Love“, wie Du in einem Deiner neuen Lieder behauptest?
Halsey
: Wer von sich sagt, er habe die Liebe verstanden, der ist garantiert superschlecht darin. Bei mir wird es langsam besser. Ich habe viele Fehler und dumme Sachen gemacht, aber ich reife allmählich heran. Es ist seltsam. Als ich 19 war, lebten wir richtig zusammen wie Frau und Mann, beinahe spießig. Wir hatten ernste Krisen und Traumata, machten viele Veränderungen durch. Ich war so jung und fühlte mich so erwachsen. Jetzt erst erkenne ich, wie unreif ich in Wirklichkeit war.

Scenario: Ist „Hopeless Fountain Kingdom“ von dieser einen konkreten Beziehung inspiriert?
Halsey:
Ja. Ich war, mit Pausen, drei Jahre mit diesem Menschen zusammen. Bis ich merkte, dass ich ihn nicht mehr liebte, sondern nur nicht allein sein wollte. Diese Klarheit zu haben, hat mir sehr gut getan. Er war meine erste richtig große Liebe – bis ich die rosarote Brille abnahm.

Scenario: Ist das derselbe Junge wie jener Junkie-Ex-Freund in „Ghost“, dem Song, der Dir übers Internet den Durchbruch brachte?
Halsey:
Nein, in „Ghost“ ging es um einen meiner ersten Boyfriends überhaupt. Ich war 17, zog in Brooklyn von Sofa zu Sofa und wusste nichts Richtiges mit dem Leben anzufangen. Eines Tages lud ich „Ghost“ auf SoundCloud hoch, plötzlich rannten mir die Labels die Hütte ein und ein paar Monate später war ich nicht mehr Ashley, sondern Halsey.

Scenario: Was war denn so chaotisch bei Euch zu Hause?
Halsey:
Meine Eltern sind noch total jung. Sie wollten das Beste, aber nie lief bei uns irgendetwas nach Plan. Es gab kaum Struktur und Regeln. Ich fühlte mich wohl, ich würde meine Kindheit nicht tauschen wollen, doch manchmal wäre es schön gewesen, Eltern zu haben, die mir Ratschläge und Hilfe hätten geben können.

Scenario: Du bist mit 16 ausgezogen.
Halsey:
Ja, aber ich kam noch mal zurück und machte die High School fertig. Anschließend bin ich nach New York gezogen, und jetzt wohne ich in Los Angeles.

Scenario: Ein ziemlicher Kontrast. Gefällt es Dir dort?
Halsey:
L.A. ist anders, aber die Stadt tut mir gut. Ich bin dort viel alleine, was mir früher schwerfiel, aber heute gelingt es mir immer besser. Ich wohne mit meiner besten Freundin, die auch meine Assistentin ist, in einem großen Haus. In meinen neuen Song „Alone“ erzähle ich, wie ich dort meine Einweihungsparty veranstaltete.

Scenario: Wir nehmen an, das war ein rauschendes Fest oder liegen wir damit falsch?
Halsey:
Eine verrückte Nacht. 200 Leute waren in meinem Haus, und ich bin um kurz nach zehn Uhr abends schlafen gegangen. Am nächsten Tag war das Haus halb verwüstet und noch wochenlang meldeten sich Leute und meinten: „Supergeile Party“.

Scenario: Warum bist Du ins Bett gegangen?
Halsey:
Ich wollte, dass die Leute Spaß haben, aber ich wollte einfach kein Teil mehr davon sein. An der Seitenlinie fühle ich mich wohler.

Scenario: In „Eyes Closed“ geht es um den ersten Flirt nach der langjährigen Beziehung. Ein etwas traurig-schöner Song.
Halsey:
Ja, aber ein ehrlicher. Ich beschreibe eine realistische Situation. Wenn du anfängst, neue Leute kennenzulernen, kannst du gar nicht anders, als eine neue potenzielle Liebschaft mit deinem letzten Freund zu vergleichen. Du suchst entweder nach jemandem, der möglichst ähnlich ist. Oder nach dem kompletten Gegenteil. Ich tat beides. Und irgendwie ist es immer unangenehm, dieses Gefühl, sich nach einer langen Liebe auf jemand Neues einzulassen.

Scenario: Dein größter Hit war bislang „Closer“ mit den Chainsmokers, auch mit Justin Bieber hast Du ein Duett gesungen. Keine Scheuklappen vor sehr poppigem Pop?
Halsey:
Nö, das ist nicht mehr zeitgemäß. Sia oder
Lady Gaga sind ja auch extrem Pop und trotzdem cool. Ich liebe Popmusik – und ich bin im Herzen ein Punk. Das geht super zusammen.
 

 



AUTOR
Steffen Rüth
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    6. Juli 2017, 14:43 Uhr
    Aktualisiert:
    7. Juli 2017, 04:45 Uhr