Interview mit Marteria: "Ich habe die Nacht verloren und den Tag gewonnen"

Marteria ist zurück. Der Rostocker Rapper spricht mit Scenario über das aktuelle Album „Roswell“ und alte Anekdoten, seinen Abschied vom Rausch und die neue Nüchternheit. Und er erklärt, was es mit dem Fisch auf seiner Wade auf sich hat.

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    Was wächst Marteria da aus seinen Wangen? Er ist wohl ein "gottverwandter Alien". Foto: Paul Ripke

Bei Marteria (34) weiß man gar nicht, wo man anfangen soll: Ex-Fußballprofi, Ex-Model, Ex-Schauspielschüler und inzwischen einer der erfolgreichsten Rapper des Landes. Dazu leidenschaftlicher Angler und exzessiver Weltenbummler. Zeit für ein Interview mit ihm über Lieblingsländer und Königsfische, alte Erinnerungen und neue Musik – und die Vorteile des nüchternen Lebens.

Scenario: Du hast mal gesagt, jedes Album muss sich von seinem Vorgänger unterscheiden, inwiefern grenzt sich „Roswell“ von Deiner Nummer-1-Platte „Zum Glück in die Zukunft II“ ab?
Marteria:
Bei der Arbeit zur letzten Platte war ich extrem viel im Nachtleben unterwegs, das war eine düstere Platte mit viel Melancholie und Tiefe. Das neue Album geht eher nach vorne. (...) Das Wichtigste ist aber immer die Message. Jeder Mensch hat eine Meinung, ich finde es ganz wichtig, dass man diese Meinung vertritt.

Scenario: Ist das nicht selbstverständlich?
Marteria:
Bei vielen Künstlern habe ich das Gefühl, dass sie das nicht tun - vielleicht aus Angst, Fans zu verlieren. Ich mag es, wenn Musik auch mal wehtut und man darüber nachdenken kann. Wer mein Album hört, geht im Endeffekt in meinen Kopf hinein - was interessiert mich, was hat mich bewegt?

Scenario: Auf „Roswell“ sind viele biografische Songs, etwa über Deine Jugend in Rostock, Deine Angel-Leidenschaft oder Deine Zeit als Model in New York. Wo nimmst Du die Erinnerungen her?
Marteria:
Ich habe vor länger Zeit eine alte Box mit Reimbüchern gefunden. Der neue Song „Skyline mit zwei Türmen“ hat sechs oder sieben Zeilen, die ich mit 17 in New York geschrieben habe. Wenn Du das wieder liest, kommen all die Erinnerungen hoch. Wie Du damals langgerannt bist, als Alien in dieser wunderschönen, wahnsinnigen Stadt. Die spannendste Stadt der Welt, auch wenn die Wahrheit manchmal anders aussieht.

Scenario: Wie sieht sie denn aus?
Marteria:
In Interviews liest sich das immer so großartig - der war mal Model in New York. Aber das war ein ganz schöner Kampf. Oft lag ich heulend mit Heimweh im Bett. In dem Alter vermisst du deine Freunde total. Da kommt eine Sehnsucht, ein Teil von etwas zu sein, einfach nur integriert zu sein. Jemanden kennenzulernen, mit dem man mal eine halbe Stunde Basketball spielen kann. Noch heute bin ich die Hälfte des Jahres Ausländer, daher kommt wahrscheinlich auch meine Alien-Thematik - wie es ist, sich fremd zu fühlen.

Scenario: Du reist leidenschaftlich gerne, hast schon über 60 Länder auf dem Konto. Welche Region fasziniert Dich am meisten?
Marteria:
Afrika hat mich besonders in seinen Bann gezogen: der Vibe, die Farben, die Herzlichkeit, die dir entgegenkommt. In Südamerika ist es ähnlich. Meistens sind es die Leute, die wenig haben, wo du viel bekommst - da wird das letzte Stück Brot geteilt mit dir. Ich war in Uganda in einem verrückten Slum. Dort kannten die nur einen Deutschen - das war Campino, weil er dort mal drei Wochen geschlafen hat. Das war so ein Wahnsinn. Ich kann nur jedem empfehlen, zu reisen. Es ist das Beste, was man auf der Welt machen kann.

Model zu sein hat keinen Spirit

Scenario: Du warst nicht nur Model, sondern auch Schauspielschüler, Profi-Fußballer (U17-Nationalmannschaft) und nun Musiker. Welchen dieser Jobs sollte Dein Sohn eher nicht machen?
Marteria:
Model! Das ist nicht cool, weil du nichts kreierst. Als Schauspieler kreierst du deine Rolle, als Fußballer ein Spiel als Musiker einen Song. Aber als Model bist du nur eine Marionette für einen Designer. Das hat keinen Spirit.

Scenario: Der Song „Tauchstation“ schließt mit Deinem Berliner Partyleben ab. Du trinkst seit zwei Jahren kein Alkohol mehr, verzichtest auf härtere Drogen. Wie fühlt sich das nüchterne Leben an?
Marteria:
Sehr angenehm, alles ist klarer. Ich habe den Tag gewonnen, aber die Nacht verloren. Und es gab ja auch einen ernsten Grund. Ich hatte ein schweres Nierenversagen und wäre fast gestorben. Dir muss sowas selbst passieren, damit du es sein lässt. Das ist ein abgedroschener Spruch, aber er ist wahr.

Scenario: War das ein Wendepunkt im Leben? Welche Gedanken gingen Dir damals im Krankenhaus durch den Kopf?
Marteria:
Du musst dir eingestehen, was du für ein Mensch bist. Ich bin nie der Ein-Bier-Typ gewesen. Ich war auch keine krasser Alki, aber ich war exzessiv. Wenn wir feiern waren, dann auch mal drei Tage im (Berliner Club) Berghain. Ich habe es gehasst, nach Hause zu gehen. Es gab es aber auch exzessive Sport- oder Ruhephasen. Beim Alkohol habe ich mir gedacht, ich lass das jetzt komplett. Das ist auch ein Extrem. Und mir hat das Angeln geholfen. Für viele ist das langweilig, aber ich bin Raubfischangler, das ist etwas sehr intensives, sehr sportliches. Komischerweise lerne ich auf der ganzen Welt Leute kennen, die auch eine intensive Rauschphase hatten und jetzt im Angeln einen Ausgleich finden.

Scenario: Was hat es mit dem Blue Marlin auf sich? Du hast dem Fisch ein Lied gewidmet und sogar auf Deine Wade tätowiert.
Marteria:
Das ist der Königsfisch der Angler. Die berühmteste Kurzgeschichte der Welt, „Der alte Mann und das Meer“, dreht sich um den Blue Marlin. Der Hemingway-Fisch wurde auf der Seite von Kuba gefangen. Ich habe ihn vor Jamaika geangelt, also praktisch im selben Meer. Es tat mir erst unfassbar leid, weil es so ein wunderschöner Fisch ist. Aber das ganze Dorf hat eine Woche davon gegessen. Er ist so ehrenhaft ein Teil von uns geworden.

Scenario: Vor acht Jahren hattest Du Deine erste Headliner-Tour. Jetzt spielst Du noch einmal in den kleinen Clubs von früher. Im Gegensatz zu damals war die Tour in weniger als 60 Sekunden ausverkauft.
Marteria:
Damals kamen im Schnitt gerade mal 80 Leute, aber wir waren total begeistert. Heute wollen wir uns die verrückten Erinnerungen wieder ins Gedächtnis rufen, bevor es dann zu „Rock am Ring“ geht. (...) Live ist unser Ding. Aber ich habe da echte Ehrfurcht vor. Ich sehe das immer noch wie ein 18-Jähriger. Es war immer mein größter Wunsch, dass Menschen zu meinem Konzert kommen. Oft habe ich auf der Bühne durch den Vorhang geschielt und gehofft, dass noch ein paar an der Abendkasse sind. Einmal haben wir vor einem Besucher gespielt. Einer! Aber wir haben gespielt!
Marteria kommt auf großer „Roswell“-Tour auch in unsere Nähe:
2. Dezember, 20 Uhr
Lanxess-Arena, Köln
4. Dezember, 20 Uhr
Messe + Congress Centrum Halle Münsterland, Münster
Karten gibt es ab 41,49 Euro im RZ- und SZ-Ticketcenter oder unter der Ticket-Hotline Tel. 0209 / 14 77 999.



AUTOR
Jenny Tobien
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    24. Mai 2017, 16:01 Uhr
    Aktualisiert:
    27. Mai 2017, 06:15 Uhr
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