Interview mit Namika: Nie wie ein Popstar gefühlt

Mit ihrer vor drei Jahren veröffentlichten Megahitsingle „Lieblingsmensch“ hielt sich Namika zehn Monate lang in den deutschen Singlecharts und erreichte Platz Eins. Nun legt Hanan Hamdi, so der bürgerliche Name der 26-Jährigen aus Frankfurt am Main, mit dem Pop-Album „Que Walou“ nach. Wir sprachen mit der Enkelin marokkanischer Einwanderer über ihre Wurzeln, Feminismus und ihre Zusammenarbeit mit Farid Bang.

  • Namika

    Namika ist zurück mit neuem, sehr autobiografischem, Album. Foto: David Daub

Scenario: Namika, was heißt der marokkanische Ausdruck „Que Walou“ auf Deutsch?
Namika:
„Que Walou“ hat zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen. Zum einen „für nichts“, wenn man sich also umsonst und ohne Erfolg abgemüht hat, und zum anderen: „dafür nicht“ im Sinne von „gern geschehen“. Ich verbinde beide Bedeutungen auf meinem Album zum eigenen Mantra: Selbst, wenn ich etwas vergeblich gemacht habe, habe ich es gern gemacht.

Scenario: Im Titelstück singst Du über Deine Kindheit, die nicht immer einfach war.
Namika:
Ja. Wir hatten nicht viel. Ich habe meinen Vater nie kennengelernt, auch der Vater meiner Geschwister war irgendwann weg. Dementsprechend konnte meine Mutter nicht arbeiten gehen und hat Hilfe vom Staat bekommen, Hartz IV. Das war eine harte Zeit, doch ich schätze diese Zeit auch. Ich kenne den Kontrast und bin dankbar für alles, was gerade passiert. Mit meiner Geschichte möchte ich den Leuten auch Mut zusprechen. Die Verhältnisse, aus denen du kommst, müssen kein Hindernis dafür sein, etwas aus deinem Leben zu machen.

Scenario: Du hast schon als Teenager Hip-Hop gemacht. Wie sehr wurde Dein Leben auf den Kopf gestellt, als Du vor drei Jahren mit „Lieblingsmensch“ plötzlich einen Riesenhit hattest?
Namika: Verändert hat sich, dass es deutlich mehr Interesse an mir als Person und an meiner Musik gegeben hat. Ich habe viel mehr live gespielt, ohne Ende Interviews gegeben, der Alltag ist seitdem viel stärker durch meinen Beruf geprägt. Mein Selbstbildnis aber hat sich nicht verändert. Meine Freunde sind dieselben geblieben, meine Familie behandelt mich wie immer und als Popstar habe ich mich sowieso noch nie gefühlt.

Scenario: Kann es sein, dass Dein neues Album persönlicher ist als das erste?
Namika:
Das kann nicht nur sein, das ist so (lacht). Jetzt, da mich mehr Menschen kennen, hatte ich das Gefühl, mehr über mich erzählen zu können. Ich wollte beim Debüt auch noch nicht alle Themen rausschießen. „Que Walou“ ist also definitiv autobiographischer als „Nador“.

Den Vater nie kennengelernt

Scenario: Das Stück „Ahmed (1960-2002)“ handelt von Deinem Vater. Was weißt Du über ihn?
Namika:
Meine Mutter hat mir erst vor kurzem sehr viel über ihn erzählt. Ich musste hartnäckig nachbohren, ich glaube, sie wollte mich auch ein bisschen schützen. Ohne ihre Geschichten hätte ich diesen Song gar nicht schreiben. Mein Leben lang war immer diese Lücke da, ich habe meinen Vater ja nie kennengelernt. Dieses Loch ist jetzt ein Stück weit geschlossen.

Scenario: Hättest Du Deinen Vater gerne kennengelernt?
Namika:
Auf jeden Fall. Mit 14, als ich alt genug war, um zu realisieren und zu verstehen, was geschehen war, denn bis dahin fand ich es ganz normal, nur eine Mama zu haben, kam der Anruf, dass er verstorben sei. An Krebs.

Scenario: In „Hände“ wiederum geht es um Deine Großmutter. Was ist das Besondere an den Händen Deiner Oma?
Namika:
Ihre Hände haben wirklich sehr viel getragen, wortwörtlich. Zum Beispiel uns Kinder. Und wenn ich hinfiel, haben die Hände meiner Großmutter mich gestreichelt. Meine Oma war immer eine sehr selbstlose Person. Ich bin unheimlich dankbar für alles, was sie für uns gemacht hat.

Scenario: „Hände“ ist ein Duett mit - ausgerechnet - Farid Bang. Hast Du überlegt, ihn nachträglich vom Album zu streichen wegen seiner antisemitischen und frauenfeindlichen Entgleisungen, die rund um die „Echo“-Verleihung in die breite Öffentlichkeit gelangt sind?
Namika:
Nein. Selbstverständlich finde ich viele seiner Texte nicht gut, und jeder, der mich kennt, weiß, dass ich mit Hass nichts anfangen kann. Aber ich finde es schön, dass Farid es geschafft hat, auf diese Weise eine Frau zu würdigen. Und dass er sich auf mich und meine Musik eingelassen hat.

Scenario: Was verbindet Euch?
Namika:
Tatsächlich unser Schicksal. Auch er wuchs ohne Vater auf und wurde von seiner Oma großgezogen. Mich hat berührt, dass ihn das berührt. Und der Song ist und bleibt ein schöner Song, der mit den jüngsten Ereignissen nichts zu tun hat.

Oma und Mutter geben Kraft

Scenario: Kann es sein, dass starke Frauen in deinem Leben eine wichtige Rolle spielten?
Namika:
Voll. Auch mein Opa war zwar ein Vorbild, er ruhte immer wie ein König in sich selbst und hat wenig geredet. Doch speziell meine Oma und meine Mutter waren immer wie Löwinnen. Sie haben mir sehr viel Kraft gegeben fürs Leben. Und meine Mutter hat mich sehr geprägt mit dem Satz „Mach dich niemals abhängig“. Das habe ich auch nie. Als Musikerin bin ich selbständig, und nur heiraten und hoffen, dass mein Mann mich ernährt, das käme nie infrage.

Scenario: Du bist als eine von nicht so sehr vielen Frauen im deutschen Hip-Hop verwurzelt. Hat Deutschrap ein Problem mit Frauen?
Namika:
Nein, das würde ich so nicht unterschreiben. Warum sollen wir von der Musikszene erwarten, dass sie vorangeht, so lange wir insgesamt nicht von Gleichberechtigung reden können? Wenn man zum Beispiel als Frau für den gleichen Job weniger Geld bekommt als ein Mann, dann ist das immer unfair, egal, in welcher Branche.

Scenario: Siehst Du dich als Feministin?
Namika:
Natürlich. Für mich ist jeder Mensch ein Feminist, der an die Gleichberechtigung der Geschlechter glaubt. Fremd ist mir allerdings die kämpferische Art des Feminismus. Mit den Themen und Gedanken einer Alice Schwarzer, die sicher viel geleistet hat in ihrer Zeit, kann ich mich heute nicht mehr so gut identifizieren. Ich hasse auch ganz bestimmt nicht wahllos Männer. Ich finde, wir haben heutzutage insgesamt als Frauen nicht mehr die krassen Probleme wie damals. Wir sind auf einem guten Wege.

Scenario: Woran merkst Du das?
Namika:
Zum Beispiel an der Jugend, der Generation nach mir. Bei denen ist das gar nicht mehr so wichtig, welches Geschlecht man hat. Man ist Mensch und mit den anderen Menschen auf Augenhöhe. Und wo das nicht funktioniert, sollten Gesetze her. In manchen Fragen, etwa bei der gleichen Bezahlung, sind Länder wie Dänemark weiter. Obwohl wir eine Bundeskanzlerin haben.

Scenario: Feministische Politik macht Angela Merkel sicherlich nicht.
Namika:
Da stimme ich dir zu. Auch das ist wohl eine Generationenfrage. Trotzdem kann ich von der Kanzlerin meines Landes erwarten, dass sie die Frauen von heute fragt, wo der Schuhe drückt. Aber dafür muss man halt erstmal Interesse haben und auch Interesse zeigen.

Scenario: Kann man sagen, dass Du mittendrin steckst in aktuellen Debattenbegriffen wie „Heimat“, „Integration“, Migration“ und „Identität“?
Namika:
Also: Heimat ist bei mir ganz klar Deutschland. Eine Integration war nicht nötig. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, in meinem Pass steht „Deutsche“. Das steht auch auf dem Dokument meiner Großeltern, die damals nach Deutschland eingewandert bin. Laut Definition bin ich auch keine Migrantin mehr, der Status fällt ab der dritten Generation sozusagen weg.

Scenario: Hast Du die marokkanische Staatsbürgerschaft noch?
Namika:
Ja, die habe ich auch. Marokko möchte nicht, dass die Auswanderer ihre Staatsbürgerschaft abgeben.

Scenario: Neben den ernsten Liedern gibt es auf „Que Walou“ auch heitere Stücke, etwa das fröhliche „Liebe Liebe“. Handelt das Liebeslied von jemand bestimmtem?
Namika:
Nein, nein. „Liebe Liebe“ ist ein Liebeslied an die Liebe als solche. Ich vermisse ein bisschen das Gefühl von Verliebtheit. Vielleicht klappt es ja mit Frühlingsgefühlen im Sommer.

Scenario: Wie ist denn der Flirt mit dem Franzosen ausgegangen, den Du in deiner aktuelle Single „Je ne parle pas francais“ so anschaulich beschreibst?
Namika:
Die Geschichte ist wirklich passiert. Im Urlaub hat mich dieser junge Mann auf Französisch angesprochen, nur leider ist von meinem Schulfranzösisch wenig hängengeblieben. Ich habe ihn einfach weiterreden lassen, weil ich die Sprache so schön fand. Nach einer halben Stunde ist jeder von uns seines Weges gegangen.

 


AUTOR
Steffen Rüth
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    11. Juni 2018, 10:47 Uhr
    Aktualisiert:
    13. Juni 2018, 04:50 Uhr
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