Bleib auf dem Teppich!: Von guten und schlechten Ratschlägen

Manchmal steht man an einem Punkt im Leben und weiß nicht mehr so richtig vor und zurück. In solchen Situationen ist man verwundbar und die Mitmenschen um einen herum können die eigene Ratlosigkeit förmlich riechen. Unangenehm wird es dann, wenn sie einem mit vermeintlich gutem Rat zur Seite stehen wollen...

  • Ein Basset ruht ab

    Manche Sprüche wie „Bleib auf dem Teppich“ fühlen sich wie versteckte Kritik an. Diese Fellnase juckt das aber nicht, sie beherzigt so einen Ratschlag liebend gerne. Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild)

Generell ist es ja meistens nett gemeint. Ein guter Rat, der soll ja schließlich weiterhelfen, um den Wald vor lauter Bäumen zu sehen, auf dem Teppich zu bleiben, um Ordnung in den Kopf zu kriegen. Doch das Gegenteil von gut ist gut gemeint. In vielen Fällen sind Ratschläge leider oft alles andere als gut. Die Menschen, die Ratschläge verteilen, sind meistens nämlich selber die, die einen guten Ratschlag vertragen könnten. Sie selber kriegen ihr Leben nur selten wirklich auf die Kette. Es ist ja oft auch einfach viel angenehmer, sich mit den Fehlern und Unzulänglichkeiten anderer zu beschäftigen als mit den eigenen.

„Ich würde ja an deiner Stelle...“ oder „Mach das doch einfach mal so...“ kommt dann aus ihren Mündern und man denkt sich, „ja, danke für nichts. Erstens bist du nicht ich und zweitens wäre es so einfach, hätte ich es wahrscheinlich auch schon selbst gemacht, meinst du nicht?“

Den feinen Unterschied zu erkennen zwischen einem gut gemeinten und einem guten Rat ist die Kunst, die es zu erlernen gilt. Auf manche Menschen kann man hören und bei anderen sollte man sich geräuschunterdrückende Kopfhörer aufsetzen und sie reden lassen.

Die Komplexität nicht berücksichtigt

Dabei erkennt man selbst den Unterschied eigentlich immer ganz gut. Angenommen, die Notsituation bäumt sich gerade vor einem auf und man weiß nicht wirklich, was zu tun ist. Der gut gemeinte – aber nicht unbedingt gute – Rat kommt dann meistens ohne Nachfrage oder Bitte, sondern wird einfach so auf einen losgefeuert. Zudem ist er häufig sehr eindimensional gedacht und berücksichtigt nur selten die persönliche Komplexität, die die ganze Situation ja so schwierig macht.

Und selbst wenn es nur ein Schritt nach dem anderen ist, wenn es einem selbst schwerfällt, ist es mit „Mach es doch lieber so“ nicht getan. Zudem kommt dazu der Nachsatz im Sinne von: „Tu das, was ich sage, nicht das, was ich tue.“ Ein Beispiel: Der Ratschlaggebende führt eine nervige On-Off-Beziehung und weiß eigentlich, dass diese auf lange Sicht im Grunde zum Scheitern verurteilt ist. Trotzdem rät er einem anderen, der auch in so einer doofen Beziehungssituation steckt: „Achte auf dein eigenes Glück, geh lieber! Das wird doch nichts mehr.“ Daran erkennt man zwei Dinge. Ersten: Zwischen Worten und Taten liegen manchmal Welten. Und zweitens: Jeder hat so seine eigenen Problemchen und geht ganz anders mit diesen um.

Doch es gibt natürlich auch die andere Sorte Ratschläge, und zwar die, die manchmal von unseren besten Freunden kommen, von unseren Eltern oder einfach von Menschen, die ein hohes Einfühlungsvermögen haben. Ein gutes Zeichen ist zum Beispiel immer, wenn einem der Rat nicht aufgedrängt wird. Manchmal fragen gute Ratgeber sogar vorher, ob sie ihren Senf dazugeben sollen oder ob man eher jemanden sucht, der nur zuhören soll, damit man selber auf den goldenen Weg kommt.

Ich finde Ratschläge gut, die in diese Richtung gehen. „Pass auf, ich war mal in einer ähnlichen Situation wie du gerade und habe so oder so gehandelt. Vielleicht kannst du dir aus dieser Erfahrung was für dich rausziehen, auch wenn ich weiß, dass du nicht ich bist und und dass deine Situation – auch wenn sie ähnlich scheint – trotzdem nicht dieselbe ist wie meine damals.“

Eltern und Freunde können gute Ratgeber sein, müssen sie aber nicht. Natürlich verfolgt auch jeder irgendwo seine eigenen Intentionen damit. Wenn Eure Eltern Euch beispielsweise sagen, Ihr sollt Euer Studium auf jeden Fall durchziehen, auch wenn Euch Zweifel plagen, ob das Fach das Richtige für Euch ist, sind sie vielleicht nicht unbedingt die richtigen Ansprechpartner. Sie wollen natürlich in erster Linie, dass es Euch gut geht und haben Sorge um Euch.

Doch die Sorge habt Ihr selber. Redet in solchen Situationen vielleicht mit Menschen, die in einer ähnlichen Situation waren! Ich (als Studentin) würde jedem, der unzufrieden mit seinem Studium ist, empfehlen, noch mal umzuschwenken. Denn ein Studium, was keine Freude bereitet, wird zum Job, der keine Freude macht.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass...

Und das dürfte Eurem persönlichem Glück im Weg stehen. Aber auch hier: Ich kenne Euch und Eure Situation nicht genau. Ich selber habe nur die Erfahrung gemacht, dass es für mich genau das Richtige war.
Vielleicht denkt Ihr beim nächsten Mal, wenn Euch ein guter Rat in den Sinn kommt, kurz nach, bevor Ihr die Leute damit bombardiert. Ist es ein guter Rat oder ist er nur gut gemeint? Mit wem spreche ich eigentlich und gibt es da nicht noch mehr Faktoren, die ich in die Situation miteinbeziehen muss? Ein gut gemeinter Rat kann jemanden, der in Not ist, nämlich nicht nur verunsichern, sondern ihm die Situation auch weiter unnötig schwer machen. Jeder ist anders. Jeder braucht einen anderen Rat. Und manchmal tatsächlich nur mal jemanden zum Reden.


AUTOR
Annika Mittelbach
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    9. November 2018, 16:38 Uhr
    Aktualisiert:
    9. November 2018, 16:41 Uhr