Reise-Tipp: Tallinn: Viel sehen, wenig reden

Rom, Paris, Prag – das sind Städte-Trips-Klassiker – und viele waren zumindest in einer der drei Städte schon unterwegs. Doch manchmal muss man sich trauen, auf nicht ganz so ausgelaufenen Wegen zu wandern – wie wäre es da zum Beispiel mit Tallinn?

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    Die Alexander-Newski-Kathedrale ist das schönste Gebäude in Tallinn, findet Annika. Foto: Annika Mittelbach

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    Wunderschön von oben: Tallinn. Foto: Annika Mittelbach

Als ich mich entschieden habe, nach Tallinn zu fahren, wurde ich von etlichen Leuten gefragt, wieso ich dorthin möchte und wo das überhaupt ist. Also: Tallinn ist die Hauptstadt von Estland und liegt direkt an der Ostsee. Auf die baltischen Staaten bin ich schon vor ein paar Jahren durch einen Trip nach Riga aufmerksam geworden und mir wurde häufig erzählt, dass Tallinn sogar noch ein Stückchen schöner sein soll.

Zudem sind die Flüge von Weeze in die estnische Hauptstadt sehr günstig, sodass sich so ein kurzer Trip dorthin perfekt an mein studentisches Budget anpasste. Die Idee war da, die Idee wurde umgesetzt. Knappe fünf Tage habe ich dort verbracht und kann Euch sagen: Schöner als Riga ist Tallinn keinesfalls. Doch schön ist es dort allemal.

Tallinn hat eine historische Altstadt, die mit Touristenattraktionen an jeder Ecke gespickt ist. Denn ein Geheimtipp ist die Stadt dank zahlreicher Kreuzfahrtschiffe, die jeden Tag Tausende Touristen in die Stadt spülen, schon lange nicht mehr. Überall hört man mitten in Estland Deutsche reden. Es ist verhext, egal wie weit weg man fährt, man trifft doch immer wieder auf Deutsche.

Doch zurück zur Altstadt. Der historische Stadtkern von Tallinn ist mit einer Mauer umgeben sowie 26 Türmchen mit roten Ziegeldächern. Man sieht überall süße kleine Häuschen und Kopfsteinpflaster, hier scheint das Leben irgendwie noch in Ordnung zu sein.

Geschichte erfahren auf der Free-Walking-Tour

Bei einer Free-Walking-Tour durch die Stadt erfahre ich einiges über die Geschichte Estlands – vor allem über die Besetzung des Landes. Denn hier hatte gefühlt schon jedes andere Land seine Finger im Spiel, vor allem die Deutschen und die Russen. Letzteren ist aber zumindest das meiner Meinung nach schönste Gebäude in Tallinn zu verdanken, die Alexander-Newski-Kathedrale. Viele andere Attraktionen, sind dagegen wenig attraktiv. Zum Beispiel der ehemalige Kanonenturm „Kiek in de Kök“.

Man kann sich in der Altstadt einen Wolf laufen und von „Attraktion“ zu „Attraktion“ gehen, um am Abend mehr als schmerzende Füße zu haben. Oder man macht die wirklich coolen Sachen. Ich habe dort drei absolute Favoriten in mein Herz geschlossen.

Erstens: Ich liebe Wasser. Und Tallinn liegt nun mal direkt an der Ostsee. Das ist natürlich nicht so warm wie das Mittelmeer, doch man kann hier durchaus wunderbar am Strand liegen, sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen und ab und an mal ins kühle Nass springen. Dicker, fetter Pluspunkt – gerade für einen Städtetrip!

Zweitens: Das „Energy Discovery Centre“. Als mein Mitbewohner mir dieses Museum zu nachhaltigem Strom und technischem Zeugs vorgeschlagen hat, war ich deprimiert. Physik interessiert mich nicht, dachte ich. Das würden die langweiligsten Stunden meines Lebens, dachte ich. Aber es ist das perfekte Museum, in dem man problemlos stundenlang irgendwelche physikalischen Phänomene erleben kann. Spielerisch kann man sich an jeder Station austoben und lernt dabei überraschenderweise sogar etwas.

Drittens: Okay zugegeben, das ist auch ein klassisches Touristen-Ziel, doch der Tallinner Fernsehturm ist wirklich cool. Der Turm ist ein Stück weit raus, etwa eine halbe Stunde mit dem Bus. Dort bekommt man einen Panoramablick in 170 m Höhe geboten, der einfach atemberaubend ist. Man kann die Altstadt und die Strände sehen, sowie jede Menge Wald um Tallinn herum.

Als Tourist kann man per se in Tallinn immer was Schönes unternehmen. Doch man kann nicht mit den Einwohnern ins Gespräch kommen. Unsere Fremdenführerin hat uns einen Witz erzählt, der ernst gemeint war, über die estnische Bevölkerung: „Ein unsozialer Este guckt beim Reden auf seine eigenen Füße. Ein sozialer Este guckt beim Reden auf die Füße seines Gegenübers.“ Und mehr wird es auch wirklich nicht. Geht man in einen Supermarkt, bezahlt man an automatischen Kassen.
Hat man eine Frage, wird man entweder ignoriert oder kurz abgespeist. Die Esten als reserviert zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Aber na ja, wenn jeden Tag Tausende peinliche deutsche Touristen mit Kreuzfahrtschiffen in meiner Stadt einfahren würden, hätte ich auch keine Lust, mit denen zu reden.

Wer also eine schöne Stadt mit vielen Unternehmungsmöglichkeiten sucht, kann in Tallinn fündig werden.
Wer mit den Einheimischen in Kontakt treten und das wahre Estland kennenlernen möchte – nun, der darf mir später erzählen, wie er das angestellt hat.



AUTOR
Annika Mittelbach
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    25. Juli 2018, 16:07 Uhr
    Aktualisiert:
    25. Juli 2018, 16:12 Uhr