Draxler im Interview: "Ich bin kein Heuchler"

GELSENKIRCHEN Das „Gesicht des FC Schalke 04“ (O-Ton Manager Horst Heldt) sieht glücklich und zufrieden aus. Wer mit 19 Jahren schon über 50 Bundesligaspiele bestritten hat, den DFB-Pokal gewonnen, Nationalspieler ist und über Champions-League-Erfahrung verfügt, hat auch allen Grund dazu. Doch im Interview mit unserer Zeitung macht Julian Draxler schnell klar, dass sein Hunger auf Erfolg noch längst nicht gestillt ist.

  • Draxler im Interview

    Julian Draxler ist innerhalb kürzester Zeit ein fester Bestandteil der Schalker Mannschaft geworden. Foto: Friso Gentsch (dpa)

Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren haben Sie eine folgenschwere Entscheidung getroffen.
(überlegt) Die Schule trotz langer Überlegungen zum Glück doch nicht abzubrechen?

Nein. Sie haben Ihren ersten Profivertrag unterschrieben.
Da kann man mal sehen, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Müssen Sie sich manchmal kneifen, wenn Sie Ihre rasante Karriere Revue passieren lassen?
Das kommt ab und zu noch vor. Dann führe ich mir vor Augen, wie schnell ich aus der A-Jugend den Sprung in den Profibereich geschafft habe. Mittlerweile bin ich aber natürlich in der Realität angekommen und versuche, jeden Tag im Training hart an mir zu arbeiten, um noch besser zu werden.

War es schon immer Ihr Ziel, Profi-Fußballer zu werden?
Ja. Ich spiele seit der F-Jugend auf Schalke und hatte nie ernsthaft andere berufliche Dinge ins Auge gefasst, weil ich gemerkt habe, dass ich mithalten kann.

Fand Ihre Entscheidung in der Familie uneingeschränkte Zustimmung?
Im Großen und Ganzen ja. Auch meine Mutter hat mich sehr unterstützt, obwohl sie gleichzeitig aber auch Bedenken hatte, weil ich so viel Zeit für den Fußball geopfert habe und andere Dinge zu kurz gekommen sind. Letztlich standen die Familie, Freunde und Bekannte aber alle hinter mir.

Was sind die größten Veränderungen, seit Sie Profi geworden sind?
Das öffentliche Interesse ist enorm gestiegen. Auf der Straße werde ich fast immer erkannt. Ich kann nicht mehr so ungestört wie früher nach draußen gehen und etwas unternehmen. Außerdem bin ich vorsichtiger geworden, wem man was erzählen kann. Ansonsten hat sich nicht so viel geändert. Mein Freundeskreis ist der Gleiche geblieben.

Verkleiden Sie sich schon mal, um ungestört zu sein?
Das nicht. Riesen Sonnenbrillen jetzt im Winter aufzusetzen, das wäre albern. Wenn ich einkaufen gehe, setze ich mir schon mal eine Kapuze auf, um nicht sofort aufzufallen.

Welche Dinge als Profifußballer genießen Sie?
Ich finde es sehr angenehm, dass ich schon so viel von der Welt gesehen habe. Reisen ist eines meiner Hobbys.

Sie nutzen auch stark die neuen Medien. Als Sie sich im Champions-League-Spiel gegen Montpellier den Unterarm brachen, haben Sie sich im Krankenhaus sofort per Facebook zu Wort gemeldet.
Das war der Tatsache geschuldet, dass ich den Fans eine schnelle Rückmeldung geben wollte. Außerdem war ich zu diesem Zeitpunkt bei Facebook insgesamt etwas aktiver, weil ich im Krankenhaus Langeweile hatte. Aktuell habe ich 106.000 Follower. Damit bin ich als Schalker Spieler gut dabei. International gesehen ist aber noch viel Luft nach oben. Mesut Özil hat beispielsweise sechs Millionen Follower.

Können Sie nach zwei Jahren im Profifußball jetzt besser nachvollziehen, dass einige Talente zu früh abheben?
Ja. Die Risiken, die es als Profi gibt, habe ich schon selbst kennen gelernt. Wenn plötzlich Leute auf der Straße mit dir Fotos machen wollen. Da kann einem schon mal im Hinterkopf der Gedanke kommen: Du hast es geschafft. Doch ich besinne mich schnell und sage mir immer: Du bist ein ganz normaler Junge und musst wie jeder Andere noch eine Menge lernen

Wer bremst Sie, wenn Sie in der Gefahr sind, abzuheben?
(lächelnd) Wenn ich mal großkotzig werden sollte, dann hauen meine Mutter und mein Vater sofort dazwischen. Aber das kommt selten vor.

Sie wohnen schon seit einem Jahr mit ihren Bruder Patrick zusammen. Wie klappt der Männerhaushalt?
Ohne Probleme. Unsere Wohnung ist immer sauber. Der Kontakt zu den Eltern ist aber weiter sehr eng. Wir wohnen nur einen Steinwurf von Ihnen entfernt und sehen uns fast täglich.

Auf Schalke herrschte gegen Ende der Hinrunde einige Unruhe. Wie haben Sie die Turbulenzen als junger Spieler empfunden?
Daran habe ich mich schon gewöhnt. Wir haben den besten Saisonstart seit 41 Jahren hingelegt, sind dann aber leider etwas eingebrochen.

Warum?
Dafür habe ich bis heute keine Erklärung. Jetzt haben wir beim Rückrunden-Auftakt drei Punkte eingefahren. Das war für die Mannschaft und den gesamten Verein sehr wichtig. Aber es war auch noch nicht alles Gold, was glänzt.

War der Trainerwechsel richtig?
Es bringt nichts, jetzt zurück zu schauen. Wir müssen den Blick nach vorne richten. Ich hoffe, dass Huub Stevens dem Verein in anderer Funktion erhalten bleibt.

Was macht der neue Trainer Jens Keller für einen Eindruck?
Einen sehr positiven. Wir haben in den vergangenen Wochen intensiv gearbeitet. Gegen Hannover hat man schon gesehen, dass sich unser Umschaltspiel stark verbessert hat. Natürlich müssen wir uns in der Defensive steigern. Aber ich bin überzeugt davon, dass wir auf einem guten Weg sind.

Fühlen Sie sich als Stammspieler des FC Schalke 04?
Ich bin noch nicht der unumstrittene Stammspieler, aber fester Teil der Mannschaft. Mein Ziel ist es, dass ich jedes Spiel von Anfang an bestreite. Momentan sieht es gut aus. Auch meine Torausbeute habe ich gesteigert. Jetzt habe ich schon vier Treffer erzielt, im Vorjahr waren es in der ganzen Saison in der Liga nur zwei. So kann es weiter gehen.

Dabei spielen Sie jedoch nicht auf ihrer Lieblingsposition.
Stimmt. Das ist die Zehn. Aber mittlerweile habe ich mich auf der linken Seite festgespielt. Wenn der Trainer meint, dass ich dort besser aufgehoben bin, spiele ich dort auch gerne. Hauptsache es hilft der Mannschaft.

Sind Sie nicht doch etwas enttäuscht, dass Sie auf der „Zehn“ nicht getestet werden?
Das stimmt so nicht. In der Vorbereitung habe ich dort auch gespielt. Sollte Lewis Holtby den Verein verlassen, wird man sehen, welche Überlegungen der Trainer anstellt. Mein Vorteil ist, dass ich zentral, aber auch links oder rechts spielen kann.

Sie haben Ihren Vertrag vorzeitig bis 2016 verlängert. Können die Fans davon ausgehen, dass Sie so lange auch Schalke treu bleiben?
Davon gehe ich aus. Bis 2016 ist es aber noch eine lange Zeit. Da will ich keine Versprechen abgeben, weil man im Fußball nie weiß, was alles passieren kann. Fakt ist jedoch, dass ich mich auf Schalke sehr wohl fühle.

Für Fußball-Romantiker ist diese Aussage enttäuschend. Sterben die Fußballer aus, die Ihre Karriere nur bei einem Verein bestreiten?
Das mag so sein. Doch ich bin kein Heuchler, der große Rede schwingt. So nach dem Motto: Ich bleibe mein Leben lang auf Schalke. Das kann ich nicht, weil ich nicht weiß, wie sich meine Karriere und der Verein weiter entwickeln werden.

Haben Sie eine Ausstiegsklausel in Ihrem Vertrag?
Nein.

Was war Ihr bisher schönstes Erlebnis auf Schalke?
Mein Tor im DFB-Pokal-Viertelfinale gegen den 1. FC Nürnberg in der Nachspielzeit. Das war ein unbeschreibliches Gefühl.

Und die größte Enttäuschung?
Generell immer die Trainerwechsel. Das beschäftigt mich immer mehrere Tage, wenn ein Trainer den FC Schalke 04 verlassen muss.

2014 finden die Weltmeisterschaft in Brasilien statt. Mit Julian Draxler?
Das ist mein Ziel. Ich hoffe, dass ich im Februar gegen Frankreich zum Kader gehöre.

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AUTOR
Frank Leszinski
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    24. Januar 2013, 22:19 Uhr
    Aktualisiert:
    27. Mai 2013, 15:59 Uhr