Sascha Riether im Interview: "Der Schweinehund ist mir nie öfter begegnet als mit Magath“

GELSENKIRCHEN Am 18. Mai ist Feierabend. Dann beendet Sascha Riether seine Profikarriere. Zuvor blickt der 36-Jährige im Interview zurück. Obwohl Riether wegen eines Innenbandanrisses im rechten Knie noch nicht wieder trainieren kann, hat er noch Hoffnung, in dieser Saison wenigstens ein paar Minuten für Schalke 04 zum Einsatz zu kommen.

  • Sascha Riether

    Schalkes Sascha Riether. Foto: Thomas Eisenhuth/Archiv

In jeder Trainingseinheit sieht man Sie um jeden Ball fighten, obwohl sie für Schalke in dieser Saison noch nicht zum Einsatz gekommen sind. Sind Sie im positiven Sinne ein bisschen fußballverrückt?
Riether: (lacht) Das ist einfach meine Mentalität. Ich weiß, dass ich hier auf Schalke bin, weil ich immer alles gegeben habe. Ich will jedes Trainingsspiel gewinnen und meine Mitspieler mitreißen. Gerade in dieser schwierigen Saison für Schalke braucht man Spieler, die voran gehen.

Hatten Sie schon als kleiner Junge den Wunsch, mal Fußball-Profi zu werden?
Überhaupt nicht. Ich komme zwar aus einer Familie, wo sich alles um Fußball drehte. Mein Vater war Trainer, mein älterer Bruder Carsten war ein großes Talent, den leider eine Verletzung stoppte. Ich war zunächst immer der Kleine, der so mitgezogen wurde. Aber mir hat der Fußball immer mehr Spaß gemacht. Dass ich einmal Profi werde, hätte ich nie gedacht.

Welcher Trainer hat Sie am meisten beeindruckt?
Es wäre nicht fair, sich einen herauszupicken. Wichtig für meine Karriere war besonders mein erster Coach Volker Finke, der mich zum Profi gemacht hat. Aber auch von allen anderen habe ich sehr viel gelernt.

Den größten Erfolg feierten Sie als Deutscher Meister mit dem VfL Wolfsburg im Jahr 2009 unter Trainer Felix Magath. War Magath so speziell, wie er in der Öffentlichkeit manchmal rüberkommt?
Es war die mit Abstand anstrengendste Zeit meiner Profi-Laufbahn. Er hat von jedem Spieler sehr viel verlangt. Der Schweinehund ist mir in dieser Zeit nie öfter begegnet als unter Felix Magath.

Waren Sie auch bei der legendären Bergtour 2008 in der Schweiz im Wolfsburger Trainingslager dabei, als Stürmer Grafite einen Kreislaufkollaps erlitt?
Das war ein denkwürdiges Erlebnis. Nach der Einheit am Morgen hieß es, am Nachmittag gehen wir nur Kaffee trinken. Das Dumme war nur, zu Fuß war der Ort auf einem Berg fünfeinhalb Stunden entfernt. Magath sagte: Seppo Eichkorn geht voraus. Jede Minute, die ihr später kommt, kosten 50 Euro.

Wie haben die Spieler reagiert?
Alle haben sich angestrengt, denn niemand wollte bezahlen. Ich war in einer Gruppe ziemlich weit voraus und habe erst später mitgekriegt, dass Grafite den Berg sozusagen runter rollte, weil er sich nicht wohl fühlte. Kein Wunder, denn wir hatten vorher gut gegessen, weil wir auf solch eine Bergtour nicht vorbereitet waren.

Und als Sie ihr Ziel erreichten...
Waren die meisten Spieler völlig unterzuckert, und wir haben uns wie die Tiere auf den Kuchen und die Getränke gestürzt.

Mal losgelöst von diesem Erlebnis. Ist eine gute Fitness das A und O, um im Profifußball zu bestehen?
Auf jeden Fall. Das Spiel ist schneller und athletischer geworden. Es gibt auch immer mehr Wettbewerbe. Wenn du nicht richtig fit bist, hast du keine Chance.

Was braucht man noch, um Bundesliga-Spieler zu werden?
Professionalität und Einstellung. Ich habe während meiner Laufbahn viele Super-Talente erlebt, die es nicht geschafft haben, Profi zu werden, weil sie andere Dinge im Kopf hatten.

Was hat sich noch in den 17 Jahren ihrer Profi-Laufbahn verändert?
Die Altersstruktur der Kader ist eine ganz andere geworden. Zu meiner Anfangszeit als Profi schafften ein, zwei A-Jugendliche den Sprung in den Seniorenbereich. Mittlerweile sind bei vielen Mannschaften die jungen Spieler in der Überzahl. Ein bisschen ist der Jugendwahn ausgebrochen.

Welchen Gegenspieler haben Sie gefürchtet?
Mit Bayern-Star Franck Ribéry habe ich mir viele heiße Duelle geliefert. Vor dem Spiel war ich immer besonders aufgeregt, wenn ich gegen ihn spielen musste.

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre Laufbahn zurück, die am 18. Mai enden wird?
Grundsätzlich bedaure ich nichts. Auch wenn sich die eine oder andere Entscheidung vielleicht im Nachhinein als falsch erwiesen hat, habe ich daraus gelernt. Wenn ich zurückblicke, habe ich viel erlebt. Mit Wolfsburg Deutscher Meister, mit dem 1. FC Köln abgestiegen, zwei Länderspiele für Deutschland gemacht.

Gibt es noch eine kleine Hoffnung, dass Sie vielleicht am letzten Spieltag noch mal für ein paar Minuten zum Einsatz kommen?
Ich probiere alles. Das wäre eine Supersache. Aber zunächst einmal hoffe ich, dass wir am Sonntag gegen Augsburg gewinnen.

Haben Sie noch Zweifel am Klassenerhalt?
So schön der Derby-Sieg war, wir dürfen uns jetzt nicht zurücklehnen. Wir brauchen noch Punkte. Deshalb heißt es, sich professionell auf die letzten drei Spiele vorzubereiten.

Apropos Derbysieg: Wo haben Sie diesen Erfolg diesmal gesehen? Beim 4:4 standen Sie mit ihrer Familie im Schalker Fan-Block.
Das ging diesmal nicht, weil meine Frau Sarah Geburtstag hatte. Wir haben mit der Familie und Freunden das Spiel zu Hause gesehen. Jeder hatte ein Schalke-Trikot an. Bei dem Ergebnis war es ein rundum gelungener Tag.

Schalke hatte in dieser Saison ansonsten wenig Grund zum Feiern. Warum verlief die Saison so enttäuschend?
Zunächst einmal muss man festhalten, dass wir zwar in der Vorsaison Vizemeister geworden sind, aber nicht alles super lief. Womöglich hat der eine oder andere gedacht, das geht jetzt so weiter. Dann kam der Fehlstart mit fünf Niederlagen und es entwickelte sich ein negativer Lauf. Jeder, der einmal Fußball gespielt hat, weiß: Es gibt so Phasen, da kannst du machen, was du willst, es läuft einfach nicht.

Hat Sie der Trainerwechsel besonders berührt, weil Domenico Tedesco ein starker Befürworter war, dass Ihr Vertrag noch einmal verlängert wurde?
Nicht nur deshalb, sondern weil ich einfach jeden Tag viel von ihm gelernt habe. Für mich ist er ein Top-Trainer, der seinen Weg machen wird.

Wie sieht Ihr Weg nach dem Karriereende aus?
Ich habe meine Unterlagen für den Trainerschein gerade zusammengesucht. Fußball bleibt mein Leben. Ich will meine Erfahrungen weitergeben. In welcher Form auch immer, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.
 
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