Schöffengericht: Kein Tag ohne Angst und Schmerzen

MARL Wegen Betruges, Urkundenfälschung und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz musste sich eine 30-jährige Frau vor dem Schöffengericht verantworten. Um höhere Dosen eines starken Schmerzmittels zu erhalten, soll sie in 71 Fällen Rezepte ihrer behandelnden Ärzte gefälscht haben. Das Verfahren wurde jetzt eingestellt.

Zwölf Jahre ist es her, dass die Angeklagte zum ersten Mal zusammenbrach. Ohne Vorwarnung fiel die Hälfte ihrer Lunge zusammen. Danach passierte es immer wieder. Seitdem hat die heute 30-jährige Frau mehr als 100 Operationen hinter sich – weitere werden folgen. Auf der Anklagebank wirkt die stark abgemagerte Frau wie ein Häuflein Elend.

Sichtlich angestrengt beginnt die Angeklagte, dem Gericht ihre Krankengeschichte zu erzählen. „Pneumothorax“ nennen Ärzte das, wenn die Aufhängung am Rippenfell plötzlich reißt und ein Lungenflügel einstürzt. Weil es fortan immer wieder passierte, klebten die Ärzte das Lungengewebe am Rippenfell fest. Doch die Lunge der jungen Frau riss immer wieder an neuen Stellen.

Rippen herausgetrennt

Weil das mit dem Kleben nicht mehr funktionierte, trennten Ärzte der Frau beidseitig die beiden unteren Rippen heraus und setzen sogenannte Thorax-Fenster ein. Doch auch diese wucherten alle vier bis acht Wochen zu. Wie oft sie in Spezialkliniken in ganz Deutschland notoperiert wurde, kann die Angeklagte nicht mehr sagen. Allein in diesem Jahr habe sie schon wieder acht Wochen im Krankenhaus verbracht.

Schüler kippt um

Während die Angeklagte ihre dramatische Krankheitsgeschichte erzählt, wird es im Gerichtssaal wird es immer ruhiger. Das Zuhören wird zur Qual. Ein Schülerpraktikant im Zuschauerraum klappt zusammen. Kreislaufschwäche. Er wird vorsorglich mit dem Rettungswagen zum Krankenhaus gefahren.

Kein Tag ohne Schmerzen, kein tiefer Atemzug ohne Angst, immer wieder neue OPs – und keine Chance auf Heilung, das ist seit zwölf Jahren der Alltag einer 30-jährigen Frau, die im Gerichtssaal in keiner Weise den Eindruck einer abgezockten Betrügerin oder Drogendealerin hinterlässt. Verteidiger Tim F. Schubert regt an, das Verfahren wegen geringer Schuld einzustellen.“ Der Staatsanwalt nickt, und auch das Schöffengericht stimmt nach kurzer Beratung zu.
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