Wie Jochen Stelzer sein Leben meistert: "Saugutes Gefühl" trotz schwerster Behinderung

MARL Er ist ans Bett gefesselt – und doch voller Lebensfreude: Jochen Stelzer zeigt, wie man trotz schwerster Behinderung aktiv am Leben teilhaben kann.

  • Jochen Stelzer

    Das Internet ist Jochen Stelzers „Nabelschnur zur Welt“. Über seinen Laptop ist er bestens vernetzt, schreibt Leserbriefe und nimmt Einfluss auf die Politik. Foto: Heinz-Peter Mohr

Mit seinem unerschütterlichen Optimismus und Engagement ist Jochen Stelzer (66) ein beeindruckendes Vorbild. Seit Jahren kann der schwerstbehinderte Marler nur noch seinen Kopf und einen Arm bewegen. Er ist vom Funktionieren eines Beatmungsgeräts abhängig. Das hindert ihn nicht, zu scherzen und das Leben zu bejahen. Auf seiner Homepage präsentiert er täglich einen Witz. Immer wieder schreibt er engagierte Leserbriefe für unsere Zeitung und mischt sich in die Politik ein. „Trotz meiner Behinderung habe ich ein saugutes Lebensgefühl“, sagt er. „Das stabilisiert mein Immunsystem und verlängert mein Leben.“ Jetzt hat Jochen Stelzer sogar einen Film produziert. Der Titel könnte über seinem Leben stehen – „Nimm teil: Habe Mut“.

Mit dem Daumen kann Stelzer den Ball einer speziellen Computermaus drehen. So bewegt er den Cursor seines Laptops mit HD auflösender, eingebauter Kamera – und so nahm er den 22-minütigen Film auf. Er schnitt ihn mit einer barrierefreien Software selbst, bearbeitete Kontrast und Farbsättigung.

In dem Film erzählt Jochen Stelzer, wie er sein Leben trotz Handicap meistert. Heute wird dieses Video einen Fortbildungstag der Universität Enschede eröffnen: Sozialpädagogik-Studenten, Heilerziehungspflegerinnen und Erzieher tauschen sich im Kreishaus Steinfurt über Behinderung und Teilhabe aus.

"Wer resigniert, hat verloren"

Auf die Idee, den Film zu drehen, brachte Jochen Stelzer der Student Florian Rompusch. Er ist Organisator der Fortbildung. In seiner Studiengruppe hatte Christina Wienkötter, die zuvor Behindertenassistentin in Marl war, von Jochen Stelzers großartigem Lebensmut berichtet. Nun ist Stelzers Selbstporträt das Impuls-Referat für die Steinfurter Tagung.

In „Nimm teil: Habe Mut“ erzählt der Marler, was man erreichen kann, wenn man sich dem Leben stellt (siehe: „Traumberuf Politiker“). Seit seiner Kindheit leidet Jochen Stelzer an fortschreitendem Muskelschwund. Die Ärzte hatten ihn schon vor 40 Jahren aufgegeben. Er selbst gab sich niemals auf: „Wer resigniert, hat verloren“, sagt er.

Pragmatisch macht der 66-Jährige von seinem Bett aus Politik. Über ein Spracherkennungsprogramm gibt er eigene Texte in den Laptop ein und mailt Leserbriefe. Zu Vorstandssitzungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbands kann er nicht mehr kommen. Deshalb lädt er den Vorstand in seine 24 m² große Wohnung in Drewer ein.

„Ich habe meine Chancen genutzt“

„Das Internet ist meine Nabelschnur zur Welt“, sagt Stelzer. Er hofft, dass die SPD Drewer-Süd, deren Ehrenvorsitzender er ist, die Digitalisierung vorantreibt. Dann will er per Internet die Sitzungen verfolgen, sich live einbringen und mitbestimmen.

Vor sieben Jahren veröffentliche Jochen Stelzer seine Autobiografie. „Mut zum Ich“ nannte er das Buch. Trotz aller Handicaps fühlt er sich mit einem reichen Leben beschenkt: „Ich habe meine Chancen genutzt und kann den Menschen immer noch etwas geben.“ Zum Beispiel Mut machen – was der neue Film eindrucksvoll zeigt. Zu sehen ist das Video „Nimm teil: Habe Mut“ auf seiner Homepage www.jochen-stelzer.de.
 

Stationen eines Lebens - Was Jochen Stelzer in Marl verändert hat
Als Kind stürzte und stolperte Jochen Stelzer immer wieder. Was die Diagnose fortschreitender Muskelschwund bedeutete, war ihm damals noch nicht klar. Erst als 14-Jähriger schnappte er bei einem Gespräch seiner Eltern und seiner älteren Schwester auf, dass ihm die Ärzte nur noch sechs bis acht Jahre gaben.

Seine Ausbildung zum Goldschmied brach Jochen Stelzer bald ab, weil er nicht mehr richtig greifen konnte. Aber er fuhr im Rollstuhl durch die Siedlung, scheute sich nicht, Menschen anzusprechen, feierte Kellerpartys, bei denen er als DJ für gute Musik sorgte.

Die Ärzte irrten sich

Dann feierte er unerwartet seinen 23., 24. und 25. Geburtstag. Die Ärzte hatten sich geirrt – das Leben ging weiter. Entschlossen, die ihm geschenkte Zeit zu nutzen, orientierte Jochen Stelzer sich neu, besann sich auf seine Stärken: „Ich kann gut reden, mit Menschen umgehen, Ideen entwickeln.“ Sein Traum wurde es, für den Marler Rat zu kandidieren.

Jochen Stelzer engagierte sich bei den Jusos, in der SPD. Von den Genossen und Zivildienstleistenden ließ er sich im Rollstuhl durch Drewer-Süd schieben, zu Stadtteilfesten, Kleingartenanlagen, Infoständen. Jede Chance nutzte er, mit den Menschen zu reden. Sie wählten ihn 1994 und 1999 zweimal direkt in den Rat. Zehn Jahre lang war Jochen Stelzer als Ratsherr aktiv, zeitweise auch als Vorsitzender des Ausschusses für Kinder, Jugend und Familien und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der SPD.
Er änderte, was bis dahin unabänderlich schien, setzte mit AWO-Veteranin Julie Kolb ein Behindertentaxi durch und eine Wohngruppe für Menschen mit spastischen Lähmungen in der Rappaportstraße.

Er tanzte mit dem Rollstuhl auf dem Parkett

Als Kursleiter der Volkshochschule plante er den ersten Wegweiser für Behinderte durch Marl. Fast ein Vierteljahrhundert leitete er die Publikumsjury des Grimme-Preises. Einmal überreichte er den Preis auf der Theaterbühne, tanzte bei der Grimme-Party mit dem Rollstuhl auf dem Parkett.

Auch als Vorsitzender des Pfarrgemeinderats von St. Heinrich und im Vorstand des Arbeiter-Samariter-Bundes brachte Jochen Stelzer sich ein. Mit der Verdienstmedaille zum Bundesverdienstorden würdigte der Bundespräsident sein Engagement.

Überall in der Stadt traf man den rollstuhlfahrenden Sozialdemokraten – bis ihn 2006 eine lebensbedrohliche Lungenentzündung aus der Bahn warf. Seither ist er dauerhaft ans Bett gefesselt, wird über einen Luftröhrenschnitt künstlich beatmet. Für Jochen Stelzer kein Grund zu resignieren. Über den Bochumer Verein Selbstbestimmte Assistenz für Behinderte organisierte er Hilfe. Von sieben Assistentinnen wird er jetzt rund um die Uhr betreut: „Ich bin der einzige Marler mit bezahltem Harem.“.
3 KOMMENTARE
24.06.18 04:32

Hehe

von n.t.

Ich lese das gleich mal durch. Im Vornherein Hi: So traurig das
auch ist.

23.06.18 07:58

Geiler Typ

von SteBe

Selten einen Menschen kennengelernt, der einen so tollen Humor hat und so viel über sich selber lachen kann. Von seinen Verdiensten ganz zu schweigen.
Ich habe immer gerne mit ihm zu tun gehabt.

22.06.18 20:22

Respekt

von Insider@Rescue

vor dir, Jochen, und deiner Lebensleistung. Daumen hoch.

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