Fragen und Antworten zum Umweltgift unter Tage: Der Bergbau geht, PCB bleibt

MARL. In diesem und im nächsten Jahr will die RAG (ehemals Ruhrkohle AG) die restlichen Schächte von Auguste Victoria (AV) in Marl und Haltern verfüllen, damit sie dauerhaft standsicher bleiben. Werden dadurch Fakten geschaffen? Umweltschützer fürchten, dass man danach nicht mehr an Umweltlasten unter Tage kommt. Die RAG bestreitet das im Gespräch mit unserer Redaktion.

  • RAG

    Joachim Löchte, Leiter für Umweltschutz (l.), und AV-Produktionsdirektor Klaus-Jürgen Reinewardt stellten sich den Fragen unserer Redaktion. Foto: Torsten Janfeld

Wie viel PCB blieb unter Tage?
Das ist ungewiss, sagt Joachim Löchte, Leiter des Arbeits-, Gesundheits- und Umweltschutzes bei AV. Große Mengen seien mit der geförderten Kohle herausgegangen. Durch Leckagen, beim Ölwechsel oder bei der Reparatur von Maschinen könnten PCB-haltige Flüssigkeiten ausgetreten sein. Gut 100 Tonnen PCB seien in der Sondermüllanlage Fürst Hardenberg in Dortmund verbrannt worden. Unter Tage sei PCB in feinster Konzentration verteilt. Um die Chemikalie restlos zu beseitigen, müsste man den gesamten Tagebau durchgraben, erklärt Klaus-Jürgen Reinewardt, Produktionsdirektor bei AV. Das sei unmöglich.

Übrigens ist nicht nur PCB in den Gruben geblieben. 1,6 Millionen Tonnen Sondermüll aus Verbrennungsanlagen wurden mit Billigung der Behörden in zwölf Revierzechen verfüllt, weil es in den 80er- und 90er-Jahren einen Entsorgungsengpass gab. Das bestätigt Joachim Löchte auf Nachfrage. Außerdem ist das Grundwasser im Marler Norden stark mit Salz belastet (wir berichteten mehrfach).

Wie viel PCB wird mit dem Grubenwasser in Emscher, Lippe, Ruhr und Rhein gepumpt?
„Geringste Mengen“, sagt RAG-Sprecher Christof Beike: 120 Gramm PCB pro Jahr würden durch Millionen Kubikliter Grubenwasser in den Rhein gelangen – dies sei mit 0,2 Prozent ein Bruchteil dessen, was die Industrie einspeise. „Der Trinkwasserschutz hat für das Unternehmen höchste Priorität“, so der RAG-Sprecher. Die Belastung, erklärt er, werde abnehmen. Denn PCB hafte nicht an Wasser, nur an Schwebstoffen. Komme das Grubenwasser zur Ruhe, setzten sich die Schwebstoffe fest und blieben unter Tage.

Gepumpt wird, damit kein Wasser einbricht, die Grube nicht absäuft, erklärt Klaus-Jürgen Reinewardt. Das Pumpen sei von den Bezirksregierungen genehmigt. Nach der Rechtsauffassung des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz) ist damit aber nicht die Einleitung von PCB erlaubt.

Was besagen Messungen vor Ort?
Bei Einleitungen in der Nähe von Auguste Victoria wurden bisher keine PCB-Werte oberhalb der Umweltnorm gemessen – wohl aber in Essen, Bottrop und Bergkamen erhöhte Konzentrationen in Schwebstoffen. Der BUND stellte deshalb Strafanzeige. PCB dürfe in keiner Konzentration in die Umwelt gelangen, betont Sprecher Dirk Jansen. Diplom-Ingenieur Löchte erklärt, dass die Norm für Flüsse auf Schwebstoffe im Grubenwasser angewendet worden ist: „Das ist, als ob ich am Autoauspuff Feinstaub messen würde.“ RAG-Sprecher Christof Beike zeigt sich „froh, dass es nun auf dem Gesetzesweg zu einer sachlichen und unemotionalen Diskussion kommt“.

Woher kommt das Marler Trinkwasser?
Es wird aus der Halterner Talsperre gefördert, sagt Gelsenwasser-Sprecher André Ziegert. Er sieht keine Gefahr für das Marler Trinkwasser.

Wurden PCB-haltige Öle auch auf AV eingesetzt?
Es gebe Verdachtsflächen weit oberhalb der letzten Abbaugebiete, so der Produktionsleiter. Ein Risiko für die aktiven Bergleute schließt er aus. Sie hätten keinen direkten Kontakt mit PCB. Außerdem gebe es Schutzhandschuhe, Mundschutz. Vor Jahrzehnten war das anders: „Wenn man Maschinen repariert hat, ist Öl ausgelaufen“, erinnert sich ein Bergmann auf AV 3/7. „Dann hat man das auch eingeatmet. Viele versuchen, das zu verdrängen.“

 
Wie die Schächte von AV verfüllt werden
20 Meter dicke Betonpfropfen werden in die Schächte von Auguste Victoria gegossen. Darauf kommt eine Mischung aus Sand und Zement. Kritiker behaupten, so würden Fakten geschaffen. Aber AV bleibt Reservestandort, erwidert Klaus-Jürgen Reinewardt: Falls das Grubenwasserkonzept nicht funktioniere, könne der Beton in den AV-Schächten wieder aufgebohrt werden: „Dann hängen wir eine große Tauchpumpe herein und ziehen das Wasser heraus.“
Dirk Jansen, Diplom-Geologe, BUND-Sprecher und Experte in einem vom Land einberufenen Arbeitskreis, meldet Zweifel an: „Technisch ist das möglich, aber es wird der RAG viel zu teuer sein. Ohnehin kostet es viel Geld, bis in alle Ewigkeit zu pumpen, damit das Ruhrgebiet nicht absäuft.“
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