Haarspende für Krebspatienten: VIP Panagiota ließ sich eine Glatze schneiden

Serie Es gibt sie überall. Eigentlich gehört jeder dazu. Zu den VIPs. Damit meinen wir allerdings nicht die „Very Important Persons“, die auf roten Teppichen ’rumstöckeln, sondern die „Very Interesting Persons“, die uns im Bus, an der Supermarktkasse oder im Schwimmbad begegnen. Wir stellen Euch in dieser Scenario-Reihe junge Menschen vor, die ganz klar VIPs sind. Heute: Panagiota.

  • VIP Panagiota Glatze

    Foto: Kathi Lenger

Schnipp-schnapp macht die Schere und es fallen immer mehr Strähnen zu Boden. Die zwei geflochtenen Zöpfe lösen sich und fallen herunter. Mit dem elektrischen Rasierer und dem Rasiergel geht es an den Feinschliff. Nach wenigen Minuten ist ihr ganzer Kopf kahl rasiert. Panagiota hat sich von dem getrennt, was viele Frauen als Teil ihrer Weiblichkeit betrachten: Sie hat sich eine Glatze rasieren lassen und ihre Haare der Kinderklinik in Datteln gespendet, damit daraus Perücken für Chemotherapie-Patienten gemacht werden können.
Panagiota ist Griechin, 17 Jahre alt und macht am Max-Born-Berufskolleg in Recklinghausen eine Ausbildung zur Bautechnischen Assistentin. In ihrer Freizeit engagiert sie sich beim Kinder- und Jugendparlament (KiJuPa) in Castrop-Rauxel.

"Mein Freund küsste meine Glatze"

Mit der Spende ihrer Haare hat die Schülerin einen Schritt gewagt, den sich wohl die wenigsten Mädels zutrauen würden. Die Idee kam Panagiota durch ein junges Mädchen in Castrop-Rauxel, das auch ihren Zopf gespendet hatte. Panagiota war mutig und machte Nägel mit Köpfen. Sie spendete nicht nur ihre Zöpfe, sondern gleich ihre ganze Haarpracht. Sie wollte am eigenen Kopfe erfahren, wie sich Krebspatienten fühlen, denen die Haare durch die Chemotherapie ausfallen und die häufig von anderen Leuten angestarrt werden.
„Als ich aber da saß und meine Freunde mir die Haare abrasierten, standen mir dann doch die Tränen in den Augen“, gestand die mutige Spenderin. Ihr Freund war der Erste aus ihrem Freundeskreis, der sie mit der Glatze gesehen hat. „Er fand es total klasse und hat meine Glatze geküsst, genau wie mein Papa“, verrät Panagiota. Ihre Mutter sei dagegen sehr überrascht gewesen. Auch wenn sie die Einverständniserklärung unterschrieben hat, habe sie nicht geglaubt, dass ihre Tochter ihr Vorhaben auch wirklich durchzieht.
Die ersten Tage mit Glatze hat Panagiota als sehr ungewohnt empfunden. Nachts beim Schlafen habe sich das Kissen merkwürdig am Kopf angefühlt und generell sei es viel kälter am Kopf ohne schützende Haarpracht. Klar: Die meiste Wärme geht beim Menschen über den Kopf verloren.

"Ich habe mich ständig beobachtet gefühlt"

Panagiota hat ihren kahlen Kopf draußen nicht versteckt. Schließlich wollte sie das Gefühl eines Krebskranken in der Öffentlichkeit nachempfinden. Im Zug oder in Geschäften hat sie ihre Mütze selbstverständlich abgenommen, auch wenn sie dadurch den einen oder anderen komischen Blick erntete. „Für die Kinderklinik in Datteln habe ich zusätzlich noch Spenden gesammelt, da fragte mich ein älteres Paar, ob ich Krebs hätte. Das habe ich natürlich sofort verneint und ihnen meine Geschichte erzählt“, erklärt Panagiota. Auch wenn Panagiota ihre Augenbrauen und Wimpern behalten hat, konnte sie das Gefühl, das Chemotherapie-Patienten in der Öffentlichkeit haben müssen, ein bisschen nachvollziehen. „Es ist ein merkwürdiges Gefühl, plötzlich gar keine Haare mehr zu haben. Ich habe mich draußen ständig beobachtet gefühlt. Doch mit der Zeit habe ich mich an die Blicke gewöhnt. Ich denke aber, dass es Krebskranken noch viel schwerer fällt, weil sie in der Stadt sofort auffallen, obwohl sie es gar nicht wollen.“
Panagiotas mutige Aktion ist nun etwa ein halbes Jahr her. „Danach sind mir viel mehr Haare gewachsen und sie sind wesentlich dicker geworden“, freut sich die 17-Jährige. „Ich hatte vorher sehr dünnes Haar, doch es reichte mir bis zur Brust.“ Panagiota hat ihre Haare anfangs mehrmals nachrasiert, damit sie noch dicker werden. Heute sind ihre Haare schon wieder etwas nachgewachsen und sie trägt eine Kurzhaarfrisur. Trotzdem vermisst Panagiota ihre langen Haare manchmal. „Ich kann mir keine schönen Flechtfrisuren mehr machen“, bedauert sie. „Dafür muss dann eben meine Schwester ihren Kopf hinhalten.“
 
Kennt Ihr junge Menschen (max. 24 Jahre), die „Very Interesting Persons“ sind und deren Geschichte wir hier auf Scenario erzählen sollen? Dann schreibt uns an scenario@medienhaus-bauer.de und gebt uns einen Tipp!