Mit VIP Lilli in der Werkstatt: Kein typischer Frauenberuf

Es gibt sie überall. Eigentlich gehört jeder dazu. Zu den VIPs. Damit meinen wir allerdings nicht die „Very Important Persons“, die auf roten Teppichen ’rumstöckeln, sondern die „Very Interesting Persons“, die uns im Bus, an der Supermarktkasse oder im Schwimmbad begegnen. Wir stellen Euch in dieser Scenario-Reihe junge Menschen vor, die ganz klar VIPs sind. Heute: Lilli.

  • Ganz schön lässig, wie Lilli in ihrer Arbeitskluft aussieht: Die 18-jährige Recklinghäuserin trägt als Auszubildende zur Mechatronikerin Blaumann ? genau wie die Jungs. Und sie fühlt sich in der typischen Männerwelt wohl und akzeptiert. Foto: Katharina Lenger

Berufe wie Krankenschwester, Einzelhandelskauffrau und auch Hotelfachfrau sind für Lilli nie infrage gekommen. Die 18-jährige Recklinghäuserin kann sich viel mehr für das Handwerk begeistern. In ihrer Freizeit bastelt und werkelt sie gerne herum. Deshalb hat sie sich für eine Ausbildung als Mechatronikerin entschieden. Auch wenn dieser Beruf kein typischer Frauenberuf ist, wie sie feststellen musste.
Schon als Kind hat Lilli im Keller in der Holzwerkstatt ihres Vaters gearbeitet. Lange Zeit hat sie ihrem Vater dort über die Schulter geschaut und später auch selbst Modelle aus Holz gebaut. „Mein ganzes Zimmer bestand aus selbst gebauten Werken. Wir hatten eine ganze Holzküche mit Backofen und Herd und sogar eine Holzwaschmaschine“, erzählt Lilli stolz. Auf dem Marie-Curie-Gymnasium, wo sie im vergangenen Jahr Abitur machte, waren Mathe und Technik ihre stärksten Fächer. „Meine Freunde wundern sich gar nicht, dass ich Mechatronikerin werden möchte. Denn es war klar, dass ich in diese Richtung gehen würde“, schlussfolgert Lilli.
Obwohl sie in ihrem Betrieb das einzige Mädchen ist, fühlt sie sich dort sehr wohl.
„Die Jungs machen sich sogar einen Spaß daraus und schicken mich bei Fragen lieber vor, weil sie meinen, dass mich der Meister lieber mag“,
lacht die angehende Mechatronikerin. Auch die Tatsache, dass es auf dem Max-Born-Berufskolleg, wo sie zweimal wöchentlich zur Schule geht, keine Frauentoilette auf ihrer Etage gibt, zeigt, dass sie keinen typischen Frauenberuf gewählt hat. Während ihrer Arbeitszeit gibt es strenge Sicherheitsvorschriften. Schutzkleidung ist daher Pflicht.
Zu Lillis Ausrüstung gehören ein Blaumann, Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen und eine Schutzbrille. In den ersten Arbeitswochen hat sie vor allem gelernt, wie die technischen Werkzeuge bedient werden und erste praktische Übungen gemacht. Gutes logisches Denken und Spaß an Mathe und Elektronik sind laut der Expertin unabdingbare Voraussetzungen für diesen Beruf. Diese Fähigkeiten werden nämlich schon vorab in einem Eignungstest überprüft. „Außerdem sollte man kein Langschläfer sein, denn ich muss schon
um halb vier morgens aufstehen“, seufzt sie. Lillis Ausbildungsbetrieb in Bochum stellt das Getriebe von Windkraftanlagen und auch Walzenschrämlader für den Bergbau her. „Daneben haben wir noch eine Gießerei, wo Bauteile für den Eigenbedarf und auch Auftragsarbeiten hergestellt werden“, erklärt Lilli.

Vielleicht geht's mit Maschinenbau weiter

Ungewöhnlich ist, dass die 18-Jährige trotz ihrer großen Begeisterung für Mechanik und Technik bis vor Kurzem kein Handy besessen hat. „Ich fand es einfach nicht notwendig und brauchte es nicht. Jetzt in der Ausbildung habe ich mir allerdings eins zugelegt, weil der Weg nach Bochum doch schon ein ganzes Stück ist“, erklärt sie. Da habe sie lieber eins dabei. Selbst das soziale Netzwerk Facebook nutzt die Auszubildende nicht. Sie bleibt lieber unabhängig. Was nach ihrer Ausbildung kommt, da möchte sich Lilli noch nicht festlegen. „Ich könnte mir vorstellen, im Anschluss Maschinenbau zu studieren. Vielleicht sogar auf Lehramt für das Berufskolleg“, überlegt sie. Das wird für die Auszubildende kein Hindernis sein, denn sie hat dafür schon die besten Voraussetzungen.