Kinderklinik Datteln

Ein Ort des Lebens feiert Jubiläum

Zwei Begriffe in Datteln haben überregionale Strahlkraft: das Kraftwerk Datteln 4 und die Vestische Kinder- und Jugendklinik. Ersteres wird beklagt, Letztere feiert ein besonderes Jubiläum.
Andreas Wachtel ist seit 31 Jahren Geschäftsführer der Dattelner Kinderklinik, die 75 Jahre alt wird. © Uwe Wallkötter

Am 5. Mai 1946 – also vor 75 Jahren – wurde die Kinderklinik feierlich eingeweiht.

Dass Datteln heute die drittgrößte Kinderklinik Deutschlands mit einem außergewöhnlichen Renommee über die Grenzen Deutschlands hinweg besitzt, und neben dem St. Vincenz den größten Arbeitgeber der Stadt, war vor 75 Jahren dem glücklichen Zusammenspiel verschiedener Protagonisten zu verdanken. Als da waren: der Direktor des Bergwerks Emscher-Lippe, Dr. Friedrich Steiner, der englische Oberst Oliver und die Schwestern des Ordens der göttlichen Vorsehung aus Münster. In einer gemeinsamen Kraftanstrengung ermöglichten sie es ein Jahr nach Ende des Zweiten Weltkriegs, dass aus der Villa des seinerzeit inhaftierten Ex-Bergwerksdirektors Cloos ein Krankenhaus für Kinder wurde.

Bergwerksdirektor Steiner verzichtet auf Dienstvilla

Das Ehepaar Steiner, dem die Villa im Beisenkamp als Dienstwohnung angeboten wurde, war sich sofort einig, darauf zu verzichten und stattdessen dort eine karitative Einrichtung unterzubringen – ein Altenheim oder eine Kinderklinik. Die Entscheidung fiel zugunsten einer Klinik, denn viele Kinder in der Bergbaustadt Datteln, die unter den massiven Bombenangriffen stark gelitten hatte, hatten gesundheitliche Probleme und sollten mit der Kinderklinik eine bessere Versorgung bekommen. Mit diesem Vorschlag stießen die Steiners bei Oberst Oliver auf offene Ohren. „Er war Bergbauingenieur und wusste, was getan werden musste und was fehlte“, blickt Klinik-Geschäftsführer Andreas Wachtel zurück auf die Anfänge. Er erklärt auch, wie die Ordensschwestern nach Datteln kamen. „Sie arbeiteten in Recklinghausen in einem Waisenhaus, das ausgebombt wurde. Auf Initiative von Frau Steiner, die sich an das Mutterhaus in Münster wandte, fanden sie in Datteln eine neue Aufgabe.“

Was ist gut für die Kinder – das ist der Leitgedanke

Dieser unbedingte Wille, auch gegen Widerstände etwas für kranke Kinder zu erreichen, ist aus Sicht von Andreas Wachtel, der seit 31 Jahren die Geschäftsführung leitet, quasi der rote Faden, das Erfolgsrezept für die beispiellose Entwicklung und das Wachstum der Kinderklinik, während andere Einrichtungen für Kinder an Bedeutung verloren, beziehungsweise ganz verschwanden. „Wir müssen ständig unserer Zeit voraus und innovativ sein“, sagt Wachtel.

Einmalige Einrichtungen sind entstanden

So sind einmalige Einrichtungen an der Klinik entstanden. Andreas Wachtel nennt Beispiele: die Kleine Oase, das Kurzzeitwohnheim für mehrfach behinderte Kinder, um deren Familien zu entlasten; das Kinderschmerzzentrum; das Andre-Streitenberger-Haus für langzeitbeatmete Kinder oder das Kinderpalliativzentrum.

All das sind Projekte, die entstanden sind, weil die Klinik sich stets diese Frage stellt: Was ist gut für das Kind, was brauchen Kinder und wie können wir helfen? Und es sind Projekte, bei denen die Klinik bei den Kostenträgern, sprich Krankenkassen, dicke Bretter bohren musste, damit die Kosten übernommen werden. „Manches Mal haben die uns für verrückt erklärt, als wir die Idee präsentierten“, sagt Andreas Wachtel.

Finanzierung stellt oft ein Problem dar

Die Finanzierung solcher millionenschwerer Projekte stellt in der Regel ein großes Problem dar. Neben Förderprogrammen und Zuschüssen hilft hier seit vielen Jahren ein gewaltiges Spendenaufkommen, mit dem Bürger und Unternehmen die Kinderklinik beispielhaft unterstützen. Für Andreas Wachtel ein Indiz dafür, welchen Stellenwert und welchen Rückhalt die Klinik in der Region hat.

Kampf für eine bessere Finanzausstattung

Apropos Finanzen: Auch hier kämpft die Kinderklinik seit Jahren für eine bessere Ausstattung. Denn die Pädiatrie hat besonders unter der Einführung der sogenannten Fallpauschalen gelitten. Für definierte Eingriffe oder medizinische Versorgungen gibt es von den Krankenkassen einen festen Satz. „Aber die Arbeit in einer Kinderklinik lässt sich mit der in einem Erwachsenenkrankenhaus überhaupt nicht vergleichen“, sagt Wachtel. Der zeitliche und personelle Aufwand an der Kinderklinik sei deutlich größer, weil Kinder ganz anders auf bestimmte Situationen reagieren als Erwachsene und eine ganz andere, intensivere Betreuung brauchen. Aber dieser zusätzliche Aufwand wird oft nicht über die Fallpauschalen abgedeckt. Wachtel ist in intensiven Gesprächen mit der Politik, dass die Vorhaltekosten stärker bei der Finanzierung berücksichtigt werden.

Ein Großteil der kleinen Patienten kommt ohne einen fixen Termin in die Klinik. Das sei also schwer planbar, das Personal aber müsse trotzdem vorgehalten werden. „Die Feuerwehr wird ja auch bezahlt, wenn es nicht brennt“, vergleicht Wachtel.

Jubiläumsparty fällt wegen Corona aus

Erschwerend kommt hinzu, dass die Corona-Pandemie für eine deutlich gesunkene Auslastung der Klinik und damit auch für weniger Einnahmen gesorgt hat. „Die Grippe und Magen-Darm-Krankheiten sind praktisch ausgefallen“, sagt Wachtel. Und Corona sorgt natürlich dafür, dass die Party zum 75-Jährigen ausfällt. Wachtel hätte sich gerne eine Feier gewünscht, insbesondere, um den Mitarbeitern der Klinik auf diesem Wege auch einmal Danke zu sagen. Denn die sind das Herz der Klinik. „Wir holen das nach“, verspricht der Geschäftsführer.

Aber so viel Zeit, auf die Vergangenheit zu blicken, hat die Klinik in diesen Tagen auch gar nicht. Vielmehr wird nach vorne geblickt, um die Einrichtung für die Zukunft aufzustellen. Aktuell läuft der Umbau der Aufnahme- und Infektionsstation. 2,1 Mio. Euro werden hier investiert. Und voraussichtlich Ende Mai steht wieder ein Baukran auf dem Gelände im Beisenkamp. Das Kinderpalliativzentrum wird um ein Stockwerk aufgestockt.

Höchste Dichte an Spezialambulanzen

Was die Klinik in Datteln ebenfalls besonders macht, ist die höchste Dichte an Spezialambulanzen. Nicht umsonst kommen jährlich rund 60.000 Patienten zur ambulanten Behandlung nach Datteln. Für die kranken Kinder und Jugendlichen hat das einen entscheidenden Vorteil: Wenn bei der Behandlung einer Krankheit weitere gesundheitliche Probleme entdeckt werden, reicht ein Anruf, um einen anderen Spezialisten aus dem Haus hinzuzurufen. „Die Experten kommen zum Kind, nicht andersherum. Wir haben so eine sehr schnelle Reaktionszeit, ohne dass die Patienten erst in andere Häuser überwiesen werden müssen“, betont der Geschäftsführer.

Kranke Kinder bekommen wieder eine Perspektive

Für Andreas Wachtel ist die Klinik ein Ort des Lebens. „Hier bekommen Kinder wieder eine Perspektive, die sie vorher nicht hatten.“ Wachtel nennt beispielsweise die Frühchenstation. „Als ich das erste Mal dort ein Frühchen unter 500 Gramm Gewicht gesehen habe und mir vor Augen führte, dass das Kind später ein ganz normales Leben führen kann, grenzte es für mich an ein Wunder. Dass ich ein Teil davon sein kann, das ist toll.“

Der Abend in Recklinghausen

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.