Ausbildungsmarkt

„Manche übersehen, dass sie für ihren Lohn etwas tun müssen“

Die Betriebe bilden aus - trotz oder wegen Corona. Nur bei den Schulabgängern scheint die Botschaft nicht immer anzukommen. Es gibt noch viele unbesetzte Ausbildungsplätze.
Christian Lamprecht ist Geschäftsführer der gleichnamigen Metallbau-Firma in Datteln. © Meike Holz

Bis vor wenigen Wochen hielten sich die Unternehmen noch zurück mit Ausbildungsplätzen. Jetzt verzeichnet die IHK in Münster einen Anstieg um drei Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings sind viele Lehrstellen noch unbesetzt. Christian Lamprecht, Geschäftsführer von Metallbau Lamprecht in Datteln, nennt die Gründe.

Wie läuft in ihrem Betrieb die Suche nach Auszubildenden?

Christian Lamprecht: Wir bilden immer schon aus, und das gerne. Aber es ist schwieriger, geeignete Bewerber zu finden, als in den Vorjahren. Und schon da war es manchmal nicht einfach.

Woran machen Sie das fest?

Lamprecht: Ich nenne ein aktuelles Beispiel. Vor zwei oder drei Wochen hatte das Comenius-Gymnasium einen Hilferuf gestartet, weil es 60 Praktikumsplätze für seine Schüler sucht. Leider hat sich tatsächlich niemand bei uns gemeldet, auch auf Rückmeldung unsererseits gegenüber der Schule. Dabei bieten wir Praktika gerne an. Ich gebe zu, auch aus eigenem Interesse. Denn schon mehrfach sind aus Praktikanten Auszubildende geworden.

Nun sind Abiturienten vermutlich nicht im klassischen Sinn diejenigen, die eine handwerkliche Ausbildung suchen.

Lamprecht: Ja, leider. Das Handwerk wird als mögliche Karriereleiter gar nicht wahrgenommen, weil nicht klar ist, welche Chancen sich dort abseits der Werkbank bieten. Wir beschäftigen ja nicht nur Leute, die den ganzen Tag feilen – so wahrscheinlich die Befürchtung. Kaufmännische Themen, Projektplanung, Logistik, Elektrifizierung, Digitalisierung, Baurecht, Bauphysik etc. sind Themen, in die man hier über Ausbildung und Duales Studium hineinwachsen kann.

Es heißt, Jugendliche wüssten gar nicht, dass Betriebe wieder oder noch ausbilden – eben wegen Corona.

Lamprecht: Das habe ich auch schon gehört. Natürlich sind Ausbildungsbörsen ausgefallen und auch die Informationen über die Schulen konnten nicht so intensiv wie in den Vorjahren verbreitet werden, oder auch erst verspätet. Ich hoffe aber, dass sich in den kommenden Wochen noch etwas tun wird. Es ist ja noch Zeit.

Haben Sie noch Plätze frei?

Lamprecht: Wir haben bisher einen fest vergeben. Einen weiteren oder sogar zwei bieten wir noch an.

Was sind für Sie die wichtigsten Faktoren, die ein Bewerber mitbringen muss?

Lamprecht: Ich schaue nicht zuvorderst auf die Noten. Wichtiger sind soziale Fähigkeiten und die Einstellung zur Arbeit an sich. Wer ein Problem damit hat, morgens aufzustehen, um sein Brot zu verdienen, hat es schwer. Nicht nur bei uns im Betrieb. Manche träumen von einem guten Verdienst, übersehen aber, dass man dafür was tun muss.

Wie hoch ist der Anteil der Auszubildenden, denen Sie mehr als nur fachliche Fähigkeiten beibringen müssen?

Lamprecht: Das ist schon jeder Fünfte, schätze ich. Da fehlt es oft an der Wahrnehmung, welches Bild von sich man der Umwelt gibt. Letztendlich geht es doch darum, sich selbst eine Visitenkarte für das Berufsleben auszustellen. Aber es ist jetzt auch nicht so, dass deswegen fachliche Inhalte auf der Strecke bleiben.

Apropos auf der Strecke bleiben: Wie viele stehen die Ausbildung durch?

Lamprecht: Die meisten. Die letzten, die Anfang des Jahres fertig wurden, haben wir auch übernehmen können.

Hat sich Corona auf die Ausbildung ausgewirkt?

Lamprecht: Klar. Es gab ja kaum Besprechungen, bei denen man alle Leute beisammen hatte. Es ist dadurch unpersönlicher geworden – und somit einiges auf der Strecke geblieben, was sonst normal und selbstverständlich ist. Es geht ja nicht nur ums Lernen und Arbeiten, sondern auch um das Miteinander unter Kollegen. Und natürlich fehlten auch die Begegnungen mit den Mitschülern. Die schulischen Inhalte der Ausbildung wurden ja auch lange Zeit ausschließlich digital vermittelt.

Haben Datteln und das übrige Ostvest einen Standortnachteil, weil es oft heißt, es gebe nicht genügend Freizeitangebote für Jugendliche?

Lamprecht: Dafür sehe ich keine Anzeichen. Zumal unsere Auszubildenden überwiegend aus Datteln und den umliegenden Städten wie Oer-Erkenschwick kommen.

Die Bundesregierung hat ein Programm zur Schaffung von Ausbildungsplätzen verlängert. Unternehmen erhalten dafür bis zu 6000 Euro Unterstützung.

Lamprecht: Ich brauche kein Geld oder einen anderen Anreiz, um zu wissen, wie wichtig es ist auszubilden. Wir tun dies aus Überzeugung.

Haben Sie Verständnis für Betriebe, die wegen der unsicheren Folgen von Corona aus wirtschaftlichen Gründen darauf verzichten?

Lamprecht: Natürlich! Aber wer das tut, wird sich aber auch nicht beklagen dürfen, wenn ihm in ein paar Jahren Facharbeiter fehlen. Der beste Weg, sie zu gewinnen, ist immer noch, sie selber auszubilden.

Wie sind Sie mit Ihrem Unternehmen durch die Pandemie gekommen?

Lamprecht: Wir hatten zum Glück keine großen Einbrüche zu verzeichnen. Corona und die Maßnahmen drumherum haben aber teilweise Kosten durch Effizienzverlust gebracht. Unsere Auftragslage ist gut. Was mir eher Sorge bereitet, sind die aktuellen Materialpreise und die Verfügbarkeit des Materials.

Wird Bauen deswegen teurer?

Lamprecht: Das will ich nicht hoffen, auch wenn es momentan danach aussieht. Sollten sich die neuen Preise etablieren, dann ja. Wir haben zwar teilweise langfristige Verträge mit unseren Lieferanten. Aber das nutzt am Ende auch nichts, wenn das benötigte Material nicht in ausreichendem Maße auf dem Markt ist. Es ist aktuell sehr undurchsichtig, wo die Reise hingeht.

Das sagt die Expertin

Sabine Mayer von der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen:

„Ausbildung 2021 findet statt! Das ist die wichtigste Botschaft an junge Menschen und ihre Familien und Lehrkräfte: Es gibt Ausbildungsplätze und wir finden sie.“

„Im Kreis Recklinghausen haben wir derzeit 1.040 aktive Ausbildungsbetriebe und es gibt freie Ausbildungsplätze. Da die Berufsorientierung in den vergangenen Monaten nur sehr eingeschränkt war, sagen wir unseren Schulabgängern: Meldet euch und lasst uns gemeinsam nach dem richtigen suchen. Die Eingabe in eine Suchmaschine bei unklarem Ausbildungswunsch wird nicht erfolgreicher durch ein Mehr an offenen Stellen.“

„Wir haben im Kreis 40 Schulen und 49 Unternehmen, die eine IHK-Partnerschaft eingegangen sind, für den besseren Übergang Schule Beruf, mit vielen sehr praktischen Projekten und Praktikumsangeboten, zum Beispiel für die Partnerschule. Außerdem sind 76 Azubis als Ausbildungsbotschafter im Einsatz, um Schülern über ihre Ausbildung zu berichten, derzeit oft digital, bald wieder in Präsenz.“

„Im Kreis Recklinghausen haben wir derzeit drei Prozent mehr Ausbildungsverträge abgeschlossen als im Vorjahr.“

Kontakt für Bewerber: Simon Wehrmeister, Telefon 0209 388 538, wehrmeister@ihk-nw.de

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