21-Jähriger starb

Tödlicher Schuss im Westpark: Die Rekonstruktion der tragischen Nacht

Der tödliche Schuss im Westpark im Juni 2021 beschäftigt die Justiz - und die Dortmunder Stadtgesellschaft. Der Tod von Eryk Klein hat einen zentralen Ort in der Stadt verändert.
Eryk Klein starb am 12. Juni im Westpark durch einen Bauchschuss. © Felix Guth

Über die Möllerbrücke, am Rewe links in die Rittershausstraße, an der alten Videothek und am Parkhaus vorbei, dann rechts rüber: Für unzählige Dortmunderinnen und Dortmunder ist das der Weg zum Westpark. Und damit zu einem Ort, der Entspannung, Freiheit und Frieden verspricht.

Dieses Bild vom Westpark ist am 12. Juni 2021 ins Wanken geraten. Denn der Eingang an der Rittershausstraße ist seitdem ein Ort, an dem ein tödlicher Schuss auf einen jungen Menschen fiel.

Wachsreste der Trauerkerzen sind noch sehen

Sechs Monate später ist von den Trauerkerzen der Hinterbliebenen nur noch erhärtetes Wachs am Boden geblieben. Letzte Fetzen des Klebebands, das die Fotos von Eryk im Sommer hielt, flattern am Gitterzaun im Wind. Niemand nimmt Notiz davon.

Der Eingang zum Westpark an der Rittershausstraße im Dezember 2021. Hier geschah die Tat. Wachsreste auf dem Boden erinnern an vielen Kerzen, die hier über mehrere Wochen im Gedenken an den Getöteten standen. © Felix Guth

Was geschah in der Nacht auf den 12. Juni 2021 im Dortmunder Westpark? Diese Frage klärt in den nächsten Wochen das Gerichtsverfahren gegen den mutmaßlichen Todesschützen Anas N. am Landgericht Dortmund. Anas N. schweigt bisher zum Tatgeschehen.

Die letzte Begegnung einer Mutter mit ihrem Sohn

Eryks Mutter Aldona Klein erinnert sich an ihre letzte Begegnung mit ihrem Sohn am Nachmittag dieses angenehm warmen Juni-Samstags. Sie begegnen sich nachmittags im Bad der gemeinsamen Wohnung. Ihr Sohn war kurz zuvor aus dem Urlaub zurückgekehrt.

Der Eingang zum Westpark an der Rittershausstraße im Juni 2021, wenige Tage nach der Tat. © Felix Guth (Archivbild)

„Ich habe noch zu ihm gesagt, dass seine Haare lang geworden sind. Er hat geantwortet, das wäre nur noch nicht fertig gestylt“, sagt Aldona Klein. Ein beiläufiges Mutter-Sohn-Gespräch, wie schon viele zuvor.

Kurz darauf bricht Eryk in Richtung Westpark auf. Er wird nie wieder nach Hause zurückkehren.

Die ersten warmen Tage nach Aufhebung der Ausgangssperre

Viele Dortmunderinnen und Dortmunder zieht es an diesem Abend ins Freie. Es sind die ersten warmen Tage, nachdem die Ausgangssperre aufgehoben ist. Diskotheken und andere Freizeitmöglichkeiten sind noch geschlossen.

Im Westpark ist es deshalb voll in diesen Tagen. Die Menschen sitzen auf den Wiesen, hören Musik, oft bis spät in die Nacht. Schon vor der Tat-Nacht kommt es zu Polizei-Einsätzen im Park, zunächst wegen Ruhestörungen und kleineren Delikten, dann aber auch wegen Raubüberfällen und Körperverletzung.

Einschlägig bekannte Straftäter hätten die Ansammlungen gezielt genutzt, wird die Polizei später mitteilen, als sie in den Tagen nach Eryk Kleins Tod ihre Präsenz im Park erhöht.

Die Frühsommer-Nacht schreitet in Richtung Morgen, als sich Opfer und Täter gegen 2.30 Uhr im Park begegnen. Es kommt nach Zeugenaussagen zu einer verbalen Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen. In einer ist Eryk Klein unterwegs, in der anderen Anas N, beide 21.

Ein Streit, eine Ohrfeige, dann scheint die Situation geklärt

Von einer Ohrfeige, die Anas N. dem späteren Opfer verpasst haben soll, ist im Polizeiprotokoll der Nacht die Rede. Danach gehen beide Gruppen auseinander.

N., so zeigt es das Bewegungsprofil seines Smartphones laut Staatsanwaltschaft, soll mit einem Leihroller in eine Wohnung gefahren sein, um von dort eine Waffe zu holen.

Kurze Zeit später kommt es zu einer zweiten Begegnung. Am Eingang zum Park an der Rittershausstraße zieht Anas N. gegen 2.45 Uhr die Pistole und trifft mit einem Schuss sein Gegenüber im Bauch. Als Rettungskräfte eintreffen, ist der Eryk Klein nicht mehr ansprechbar. Er stirbt im Krankenhaus.

Einen Tag später wird Anas N., wegen Körperverletzungsdelikten bereits polizeilich bekannt, festgenommen.

Viele Menschen fragen sich, warum es so weit kommen musste. Warum ein 21-Jähriger eine scharfe Schusswaffe aus einer Wohnung holt und abdrückt. Warum Eryk Klein sinnlos sterben musste in einer Situation, die in einer Großstadt wie Dortmund jedes Wochenende etliche Male passiert und meistens folgenlos bleibt.

Einer Situation, vor der sich alle Eltern heranwachsender Kinder fürchten. „Du kannst sie nicht 24 Stunden beschützen, wenn sie größer sind“, sagt Aldona Klein.

Hat die Bewaffnung unter jungen Menschen zugenommen?

Ihre Anwältin Gesine Ickert sieht die Eskalation auch als Ausdruck einer allgemeinen Entwicklung. „Mein subjektiver Eindruck aus Strafprozessen der vergangenen fünf Jahre ist, dass bei Auseinandersetzungen die Bewaffnung eine größere Rolle spielt und zugenommen hat“, sagt Gesine Ickert, Anwältin von Aldona Klein.

Statistisch ist das schwierig zu belegen, weil nur registrierte Waffen gezählt werden können. Aber Ickert ist mit dieser Wahrnehmung nicht allein. Verschiedene Experten und Befragungen hatten in der Vergangenheit auf dieses Phänomen hingewiesen.

2018 sprach ganz Deutschland auch aus Anlass eines Falls in Dortmund ausführlich über die Gefahr von tödlichen Waffen in den Händen junger Menschen. In einem Parkhaus in Hörde tötete eine damals 16-Jährige eine 15-Jährige durch einen Messerstich in Folge eines Streits um einen Fleck auf der Hose.

Ein anderes Alter, eine andere Tat. Aber damals wie heute Ratlosigkeit über das Warum.

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