80. Jahrestag Überfall auf Sowjetunion

Aus Russland nach Herten verschleppt: Gedenken an Tausende Zwangsarbeiter

Tausende Soldaten und Zivilisten sind ab 1941 nach Herten verschleppt worden, Hunderte starben bei der Zwangsarbeit. Hertener Initiativen erinnern bei einer Veranstaltung an ihr Schicksal.
Auf dem Kommunalfriedhof Scherlebeck-Langenbochum befinden sich rund 170 Gräber von russischen Soldaten, die ab 1941 nach Herten verschleppt wurden. © Frank Bergmannshoff

Am Dienstag, 22. Juni, jährt sich der Angriff von Hitler-Deutschland auf Russland und die Völker der Sowjetunion zum 80. Mal. Das Thema mag zeitlich und geographisch sehr fern wirken – und doch ist es an mehreren Stellen in Herten bis heute sehr präsent. Tausende Menschen wurden ab 1941 nach Herten verschleppt, viele starben bei der Zwangsarbeit und sind bis heute für jedermann sichtbar auf Hertener Friedhöfen beigesetzt.

„Es ist Teil der Verantwortung unserer Generation, dass niemand diese Gräueltaten je vergessen oder relativieren darf“, sagt Johannes Gertz. Der Scherlebecker ist Geschäftsführer von „Pax Christi“ im Bistum Münster. Pax Christi ist die ökumenische Friedensbewegung in der katholischen Kirche. Für diese Organisation sowie für das Bündnis „Herten ist bunt“ und für die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes/Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) ist der 22. Juni ein Tag der Trauer, der Scham und des Nachdenkens über die heutige Verantwortung. Gerd Lange als Vertreter des Bündnisses und der VVN-BdA sowie Johannes Gertz laden daher am Dienstag, 22. Juni, zu einer Gedenkveranstaltung auf dem Kommunalfriedhof Scherlebeck-Langenbochum ein. Sie beginnt um 17 Uhr und soll einen politisch-religiösen Charakter haben.

Schwerste Arbeit auf Hertener Zechen

Gertz und Lange erläutern dazu: „Von deutschem Boden, geplant von deutschen Politikern und Militärs, ging ein beispielloser Vernichtungskrieg aus, geboren aus politischer Hybris und Rassismus gegen die Völker der Sowjetunion, besonders die Juden und andere Minderheiten. Er brachte unendliches Leid über die Menschen und forderte allein in der Sowjetunion mehr als 27 Millionen Opfer, vor allem aus Russland, der Ukraine und aus Belarus.“

Mehr als 4600 Soldaten und Zivilisten nach Herten verschleppt

Zu den Opfern dieses Vernichtungskrieges gehören mehr als 4600 nach Herten verschleppte Zwangsarbeiter/innen, die fast ausschließlich sowjetische Soldaten und Zivilisten waren. Sie mussten schwerste Arbeit vor allem auf den Hertener Zechen leisten. Viele kamen dabei um. Ihre Gräber finden sich auf drei Hertener Friedhöfen sowie auf dem Friedhof an der Stadtgrenze zu Wanne-Eickel.

Auf dem Kommunalfriedhof Scherlebeck-Langenbochum verteilen sich sich rund 170 Gräber von russischen Soldaten auf zwei Grabfelder. Dieses befindet sich wenige Schritte von der Trauerhalle entfernt.
Auf dem Kommunalfriedhof Scherlebeck-Langenbochum verteilen sich sich rund 170 Gräber von russischen Soldaten auf zwei Grabfelder. Dieses befindet sich wenige Schritte von der Trauerhalle entfernt. © Frank Bergmannshoff © Frank Bergmannshoff

Zwei Grabfelder befinden sich auf dem Kommunalfriedhof Scherlebeck-Langenbochum (Polsumer/Backumer Straße). Rund 170 sowjetische Soldaten sind dort in der Nähe der Trauerhalle beigesetzt, direkt neben Hertener Bomben-Opfern. Während gewöhnliche Grabstellen nach 30 Jahren Ruhezeit abgeräumt und eingeebnet werden, sollen die Kriegsgräber dauerhaft an die Opfer und den Schrecken dieser Zeit erinnern. Lange ließ die Stadt Herten sie verwittern. 2018 forderten der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge und die Bezirksregierung Münster eine umfassende Sanierung, die bis heute zwar größtenteils, aber nicht vollständig umgesetzt wurde.

Für die Gedenkveranstaltung ist eine Anmeldung mit Namen, Adresse, Telefonnummer und E-Mail-Adresse erwünscht, und zwar bei Johannes Gertz: gertzjohannes54@gmail.com

Sanierung bis heute nicht abgeschlossen

Auf dem Kommunalfriedhof Scherlebeck/Langenbochum liegen 205 Todesopfer des Zweiten Weltkrieges begraben. Für die Aufrechterhaltung und Pflege der Gräber erhält der Zentrale Betriebshof (ZBH) Geld vom Land.

In einem Grabfeld liegen 36 Deutsche, die zwischen 1940 und 1945 bei Bombenangriffen auf Herten getötet wurden. Das jüngste Opfer war ein Jahr alt, das älteste 90 Jahre. Auf einem weiteren Feld erinnern 16 Steine an 30 verstorbene sowjetische Soldaten. Weitere 139 sowjetische Soldaten sind in einem dritten Feld beigesetzt.

Im Jahr 2018 wurden die Kriegsgräber auf dem Kommunalfriedhof Scherlebeck-Langenbochum saniert. Das Foto zeigt stark verwitterte Grabsteine, deren Inschriften nicht nachgearbeitet wurden. Stattdessen übertrug man die Namen auf Acrylglas-Platten.
Im Jahr 2018 wurden die Kriegsgräber auf dem Kommunalfriedhof Scherlebeck-Langenbochum saniert. Das Foto zeigt stark verwitterte Grabsteine, deren Inschriften nicht nachgearbeitet wurden. Stattdessen übertrug man die Namen auf Acrylglas-Platten. © Frank Bergmannshoff © Frank Bergmannshoff

2018 begann der ZBH mit einer Sanierung und Neubepflanzung. Viele Grabsteine waren verwittert und kaum noch lesbar. Inschriften wurden nachgearbeitet oder auf Acrylglas übertragen, vier Kreuze neu hergestellt. Eine angekündigte Fortsetzung der Arbeiten steht bis heute aus. So sollte etwa die verwitterte russische Inschrift eines Obelisken auf Acrylglas übertragen und ins Deutsche übersetzt werden.

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