Islamisches Grabfeld eröffnet

Ein Ort der letzten Ruhe in der neuen Heimat

Was lange währt, wird endlich gut: Das islamische Grabfeld auf dem Waldfriedhof ist eingeweiht worden. Vorangegangen waren jahrelange Diskussionen. Mit dem Ergebnis sind aber alle zufrieden.
Auf dem islamischen Grabfeld auf dem Waldfriedhof gab es bereits die ersten Bestattungen. © Oliver Prause

Das islamische Grabfeld auf dem Waldfriedhof an der Nimrodstraße wurde am Donnerstagnachmittag seiner Bestimmung übergeben. Der 30. September war dabei ganz bewusst gewählt worden. Denn genau vor 60 Jahren wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet, wodurch die ersten Gastarbeiter aus dem Land am Bosporus zu uns kommen konnten.

Längst sind auch in Herten aus den Fremden Mitbürger und in vielen Fällen sogar Freunde geworden. Dies betonte auch Bürgermeister Matthias Müller: „Der Ort soll ein Zeichen dafür sein, dass wir gemeinsam in dieser Stadt leben und auch sterben. Lassen sie uns gemeinschaftlich durch alle Situationen des Lebens gehen – selbst wenn sie traurig sind.“

Immer in der Nähe der geliebten Menschen

Tiefe Trauer tragen Sami Akdere und seine Frau Büsra in sich. Sie mussten sich vor einiger Zeit von ihrer Tochter Sena verabschieden, die plötzlich verstarb. Die Fünfjährige wurde bereits auf dem Grabfeld bestattet. Trotz des großen Schmerzes über den Verlust war es ihren Eltern wichtig, bei der Eröffnungsfeier anwesend zu sein. „Wir sind froh, dass wir unsere Tochter hier in angemessenem Rahmen besuchen können“, sagen die beiden.

Auch der Vorsitzende des Hertener Integrationsrates, Selman Duran, betonte die Bedeutung des Ortes für die Muslime der Stadt: „Heute versammeln sich hier Muslime, Christen und Andersgläubige zu einem Akt der Akzeptanz, zu einem Beispiel praktizierter Integration.“ Letzteres hieße aber nicht Anpassung oder Gleichmacherei. Im Gegenteil, meint Duran: „Integration gelingt nur, wenn wir Unterschiede anerkennen, Vielfalt als Bereicherung annehmen und den Zusammenhalt in der Gemeinschaft stärken können.“

Bei der Einweihung des islamischen Grabfeldes sprachen (v.l.) Bürgermeister Matthias Müller und Integrationsrats-Vorsitzender Selman Duran ein Grußwort. Mustafa Kurumahmut von der Ditib-Gemeinde Herten-Süd und Imam Rafet Kaya segneten anschließend das Feld mit einem Gebet und Zeilen aus dem Koran.
Bei der Einweihung des islamischen Grabfeldes sprachen (v.l.) Bürgermeister Matthias Müller und Integrationsrats-Vorsitzender Selman Duran ein Grußwort. Mustafa Kurumahmut von der Ditib-Gemeinde Herten-Süd und Imam Rafet Kaya segneten anschließend das Feld mit einem Gebet und Zeilen aus dem Koran. © Oliver Prause © Oliver Prause

Schier endlose Diskussionen sind beendet

Schier endlose Diskussionen über das Für und Wider des Grabfelds hatten in den vergangenen Jahren auch an seinen Nerven gezerrt. Bereits unter Müllers Vor-Vorgänger Uli Paetzel war die Initiative zu einem islamischen Grabfeld im Jahr 2015 vom Integrationsrat gestartet worden. Während türkische Migranten der ersten Generation, die in der Türkei geboren wurden, meistens auch dort beerdigt werden wollen, fehlte den Nachgeborenen in ihrer neuen Heimat bislang ein Ort, an dem sie ihre Angehörigen nach ihren eigenen Riten bestatten können. Und die unterscheiden sich deutlich von denen des christlichen Glaubens (siehe Info) – eine Tatsache, die auch Vorbehalte gegen das Projekt hervorrief.

Zudem berief sich die Stadt Herten zunächst auf den Standpunkt, dass nach ihren Erkenntnissen die Nachfrage an islamischen Begräbnissen schlichtweg nicht vorhanden sei. Eine Argumentation, die aber nur schwer nachzuvollziehen war. Schließlich leben Tausende türkischstämmiger Muslime in Herten. Hinzu kommen zahlreiche Einwohner islamischen Glaubens, die oft als Flüchtlinge aus dem arabischen Raum gekommen sind.

77 Wahl-, 55 Reihen- und Kindergräber

Letztlich fand man 2019 eine Lösung, die alle Beteiligten zufriedenstellt. Der erste Spatenstich erfolgte im November 2020. Nun sind die Bauarbeiten endlich abgeschlossen. Das Grabfeld erstreckt sich über ein Areal von 2000 Quadratmetern am nördlichen Rand des Waldfriedhofs in der Nähe des Waldviertels. Insgesamt gibt es Platz für 77 Wahl-, 55 Reihen- und Kindergräber. Nebenan ist noch Platz für eine Erweiterung.

Bei der feierlichen Eröffnung las Imam Rafet Kaya las Zeilen aus dem Koran vor. Danach wurde das Feld durch Mustafa Kurumahmut von der Ditib-Gemeinde Herten-Süd mit einem Gebet gesegnet. Integrationsrats-Vorsitzender Selman Duran schloss sein Grußwort mit einem Zitat vom chinesischen Philosophen Konfuzius: „So wie ein Volk seine Toten verehrt, so offenbart sich seine Seele vor Dir.“

INFO

Islamische Bestattungskultur

– Die Bestattungskultur des Islam sieht vor, dass der Verstorbene so schnell wie möglich einer rituellen Waschung unterzogen wird – bei Männern üblicherweise durch den Imam, bei Frauen durch weibliche Angehörige. Danach wird er in ein Leinentuch gewickelt. So soll der Tote dann in einem Erdgrab beigesetzt werden: auf der rechten Seite liegend, mit Blick nach Mekka.
– Die Beisetzung soll umgehend nach Eintreten des Todes stattfinden, möglichst am Todestag. In Deutschland müssen zwischen Todeszeitpunkt und der Bestattung mindestens 48 Stunden liegen – eine Schutzmaßnahme, um die Bestattung Scheintoter zu verhindern. Aufgrund des medizinischen Fortschritts gilt dies als überholt. Viele Bundesländer halten aber daran fest. Auch um muslimische Bestattungen zu ermöglichen, wurde die Frist in Nordrhein-Westfalen auf 24 Stunden verkürzt. Zudem besteht keine Sargpflicht mehr.
– Blumen als Grabschmuck sind im Islam nicht üblich. Die Grabstelle soll nicht prunkvoll, sondern eher bescheiden wirken. An Feiertagen versammeln sich muslimische Familien oft am Friedhof.
– Eine Mehrfachnutzung von Gräbern, die in Deutschland nach 30 Jahren üblich ist, stört in den Augen der Muslime die ewige Totenruhe.

Der Abend in Recklinghausen

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.