Musikszene

Auf Revolution gibt‘s keine Rente

Tom „Tornado“ Klatt ist ein Urgestein der heimischen Kulturszene, heute vollendet der Recklinghäuser das 70. Lebensjahr.
Tom "Tornado" Klatt. © Andreas Kalthoff

Gefährlich so ein Gespräch mit Tom „Tornado“ Klatt, findet man doch kaum einen Absprung aus dieser Begegnung, die übersprudelt von den unglaublichsten Geschichten – alle wahr –, und der besten Musik, die man je hörte während eines Interviews. Musik ist denn auch das Schlüsselwort schlechthin, denn sie bestimmt das Leben des Recklinghäusers seit den meisten seiner heute vollendeten 70 Lebensjahre.

Recklinghausen als Heimat des Herzens

Geboren am 25. September 1951 in Zwickau, kommt der kleine Ostzonenflüchtling mit seiner Familie 1956 zunächst nach Marl, bevor in den 70er Jahren Recklinghausen die Heimat des Herzens wird und bleibt. Von dort aus mischt Tom „Tornado“ Klatt fortan im internationalen Musik-Business mit: als Manager, Produzent, Sänger und Musiker (Klarinette, Saxofon, Mundharmonika), Plattenverkäufer, Songwriter, Konzertveranstalter; Letzteres zurzeit als Kopf der Creative Outlaws mit Club-Sitz im Stadtteil König Ludwig.

Milliardär Richard Branson kochte Kaffee für Klatt

Dabei trifft er auf Menschen, deren Namen jeder kennt: Da sind zum Beispiel der US-amerikanische Musiker und Komponist Moondog, „Velvet Underground“-Schlagzeugerin Maureen Tucker oder Richard Branson – heute Milliardär und der erste seiner Gehaltsliga am Rande des Weltalls –, der seinerzeit in London, im ersten Laden von Virgin Records, Platten auch an den Dauergast aus Recklinghausen verkauft und Kaffee für ihn kocht.

Storys wie diese hat das Geburtstagskind mit dem immer noch langen Haar der rebellierenden Jugend („Hippie war ich aber nie“) mindestens so viele auf Lager, wie CDs, Tapes und Schallplatten jede nur mögliche Ritze seiner City-Wohnung füllen, da stellt sich doch die Frage:

Warum schreiben Sie kein Buch über Ihr Leben und Ihre Begegnungen mit den Berühmtheiten?

Das wurde ich schon oft gefragt. Aber eigentlich ist das so gar nicht mein Ding. Was soll das? Anfreunden konnte ich mich allerdings mit dem Gedanken, eine mehrteilige Show auf die Beine zu stellen. Den Namen hatte ich sofort: „Auf Revolution gibt’s keine Rente“.

Da wollte ich die Zuschauer in sieben Etappen mit auf eine Zeitreise durch die deutsche Geschichte von 1951 bis heute nehmen. Ich selber tauchte da übrigens gar nicht auf, aber all die Typen, die ich so getroffen habe: von Iris Berben bis Joschka Fischer. Erschien mir aber dann zu aufwendig. Und jetzt schreibe ich doch ein Buch, einen Verleger habe ich schon. Ich muss natürlich aufpassen, dass ich nicht zu ehrlich bin: Manche Sachen, die damals so passiert sind, echt harte Sachen, die möchten die Leute wahrscheinlich heute nicht mehr so gerne über sich lesen . . .“

Da ist der Tornado in Ihnen ja richtig rücksichtsvoll – wie kam’s zu dem Beinamen?

Der fiel mir ganz spontan und unmotiviert ein beim Fabrizieren von Tapes für Freunde. Ich hatte ja schon früh ‘ne Riesenplattensammlung und wurde oft gebeten: Komm, schneide mir ein paar schöne Sachen zusammen. Habe ich gerne gemacht, war aber sehr zeitintensiv. Um mir das Ganze ein bisschen schmackhafter zu machen, bin ich in die Rolle des von mir hochverehrten Wolfman Jack (US-amerikanischer Kult-DJ der 60er- und 70er Jahre, Anm. d. Red.) geschlüpft und habe die ausgewählten Stücke als Tom Tornado anmoderiert und manchmal auch reingequatscht in die Songs – das fanden die Freunde zwar nicht so toll, aber wenn ich etwas mache, mache ich es so, wie ich es will.

Haben Sie immer alles so gemacht, wie Sie es machen wollten, in diesen 70 Jahren?

Naja. Manchmal denke ich, ich hätte noch radikaler sein sollen, auf noch viel mehr scheißen sollen.

Immerhin haben Sie auch schon „radikalerweise“ im Knast gesessen…

Total abstrus. Man hatte in der Kommune, in der ich lebte, eine in den Niederlanden freiverkäufliche und in Deutschland nicht verbotene Abhandlung über die Herstellung bewusstseinserweiternder Drogen gefunden, dummerweise, nachdem ein Exemplar in der Wohnung der RAF-Terroristin Ulrike Meinhof beschlagnahmt worden war. Das reichte, um mich festzunehmen. Ein Marler Anwalt hat mich raus geholt, Anklage wurde nie erhoben.

Bereuen Sie rückblickend etwas?

Eigentlich nicht. Ich bin zufrieden, habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Einmal allerdings habe ich auf der falschen Seite gestanden, als Kind.

Beim Spielen war ich immer Indianer, da habe ich mich hinreißen lassen, Pfeil und Bogen an einen anderen darum bettelnden Jungen abzugeben: So war ich ein einziges Mal Cowboy – und der Spielkamerad hat mir das linke Auge ausgeschossen, das war hart.

Und: Neulich bin ich auf alte Liebesbriefe gestoßen, die mich berührt haben. Ich bedaure, die eine oder andere Schreiberin nicht besser, mit mehr Feingefühl behandelt zu haben. Manchmal denke ich auch: So’ne richtige Familie – ich habe ja eine Tochter –, das wäre doch was gewesen, warum hat das nicht geklappt? Warum sind die Mutter und ich nicht zusammengeblieben?

Was erwarten Sie für Ihre Zukunft?

Gute Musik, gute Freunde, guten Wein. Und mich noch mal verlieben, das wäre schön.

Und Recklinghausen bleiben Sie treu?

Klar. Hier will ich nie weg, nicht mal aus dem Wallring heraus. Die Stadt ist so schön überschaubar. Und die Recklinghäuser haben eine unheimliche Kraft, ein Wahnsinnspotenzial, den Arsch hochzukriegen und was Kreatives auf die Beine zu stellen.