Infos gibt‘s im BiZ

Ausbildung: „Der Zug ist noch nicht abgefahren“

Im Vest gibt es noch über 1300 „Last-Minute“-Ausbildungsstellen. Selbst bei beliebten Arbeitgebern wie Sparkasse Vest oder Langendorf. Ein Grund: Unter der Corona-Pandemie hat auch die Berufsorientierung gelitten.
Es gibt noch jede Menge „Last-Minute“-Lehrstellen, sagt Dirk Hellmann, Geschäftsführer der Arbeitsagentur (l.). Alle Infos dazu und Hilfe bei der Bewerbung bekommen Jugendliche bei Sven Deutschmann (r.) im Berufsinformationszentrum. © Markus Geling

Michael Gundlach kann sich noch gut an die Zeiten erinnern, als bei der Sparkasse Vest bereits im November des Vorjahres sämtliche Ausbildungsplätze vergeben waren. In diesem Jahr ist das anders: Der 1. August steht vor der Tür, eigentlich der klassische Start des Ausbildungsjahres, „und wir suchen immer noch angehende Bankkaufleute, haben noch drei von 15 Stellen zu vergeben“, so der Personalentwicklungs-Leiter des Kreditinstituts.

Damit ist die Sparkasse Vest nicht alleine: „Für dieses Jahr gibt es im Kreis noch mehr als 1300 freie Ausbildungsstellen“, sagt Dirk Hellmann, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Recklinghausen – „und das in allen Bereichen.“

Unternehmen müssen heute „sexy“ sein

Die Zahl der gemeldeten Ausbildungsstellen sei um knapp 15 Prozent auf 3411 gestiegen. Gleichzeitig hätten sich 4529 Bewerber mit der Agentur in Verbindung gesetzt – und damit 56 weniger als im Vorjahr.

„Für uns bestand diesmal die große Schwierigkeit darin, die jungen Leute überhaupt zu erreichen“, sagt Hellmann. Normalerweise laufe dabei viel über die Schulen. Aber das sei ja wegen der Corona-Pandemie nicht möglich gewesen. Auch Praktika oder Ausbildungsmessen seien weggefallen. Und so will die Agentur jetzt noch mal „alle Register ziehen“, um die jungen Leute etwa über Telefonaktionen oder Pop-up-Stände in den Städten darauf aufmerksam zu machen, dass es noch jede Menge „Last-Minute“-Lehrstellen gibt – und ein Ausbildungsstart auch noch bis in den späten Herbst hinein möglich ist.

Verliert die duale Ausbildung an Attraktivität?

Fahrzeugbau Langendorf in Waltrop stellt normalerweise immer drei, vier junge Leute ein, die Industriekaufleute werden wollen. „Aktuell haben wir aber erst einen neuen Auszubildenden“, sagt Daniel Sonntag, Assistent der Geschäftsleitung Personal und Finanzen. „Ein zweiter ist abgesprungen, ohne sich noch mal zu melden. Das nimmt leider zu.“

Sonntag weiß aus seinen Gesprächen mit den Auszubildenden, dass viele junge Leute direkt nach der Schule „noch keinen Bezug zur Arbeit oder zu einem Unternehmen herstellen können. Sie brauchen noch Zeit zur Orientierung. Vielleicht spielt dabei im Moment auch Corona eine Rolle.“

Aber er hat auch den Eindruck, dass die duale Ausbildung insgesamt an Attraktivität verliert. „Wir tun aber viel dagegen, kooperieren beispielsweise mit einem Fitnessstudio, um auch in diesem Bereich etwas anbieten zu können.“

Agentur-Geschäftsführer Hellmann kann ihn in diesem Punkt nur zustimmen: „Wir steuern auf einen Bewerbermarkt zu. Die Betriebe müssen sich deshalb im Sinne der Fachkräftesicherung fragen: ‚Wie werde ich für junge Leute sexy?‘.“

Mehr junge Bewerber als Stellen

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass es im Kreis nach wie vor einen Bewerberüberhang gibt, jedem jungen Menschen rein rechnerisch nur 0,8 Stellen zur Verfügung stehen, und aktuell noch 1425 Jugendliche eine Lehrstelle suchen.

Auch die Sparkasse Vest, sagt Gundlach, hätte ihre Stellen theoretisch natürlich besetzen können, habe aber viele Absagen erteilt. „Wir möchten mit unseren Ansprüchen nicht heruntergehen“, sagt Gundlach. „Schließlich übernehmen wir fast alle unsere Auszubildenden später auch. Deshalb sollte alles passen.“

So oder so: Für Unternehmen und Bewerber ist noch jede Menge möglich. Junge Leute, die coronabedingt spät dran sind, können sich bei Sven Deutschmann vom Berufsinformationszentrum (BiZ) melden: Er hilft bei der Berufsorientierung, macht auf Wunsch den Bewerbungsmappen-Check und stellt den jeweils passenden Kontakt zu all den Firmen her, die noch junge Leute suchen: Sei es fürs Büro, wie etwa der Malerbetrieb Lambernd (Marl), Breilmann Elektrotechnik (Castrop-Rauxel) oder Teamsport Philipp (Recklinghausen) – oder einen anderen der insgesamt mehr als 350 Ausbildungsberufe, die es in Deutschland gibt. Denn, so Hellmann: „Der Zug ist noch nicht abgefahren.“

Infos zu „Last-Minute“-Ausbildungsstellen im Büro und überhaupt gibt es im BiZ unter: Tel. 02361 / 401092 oder über die kreisweite Hotline: Tel. 02361 / 402021.