Ruhrfestspiele

Edgar Selge liest in Recklinghausen so, wie er spielt: Großartig!

Der faszinierende Schauspieler und Autor Edgar Selge begeistert mit seinem Debütroman „Hast du uns endlich gefunden“ bei den Ruhrfestspielen im Gespräch mit Literaturkritiker Denis Scheck.
Seit vielen Jahren ein Ruhrfestspiel-Gast, der das Publikum begeistert: Schon 2009 gastierte Edgar Selge mit der Lesung „Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn…“ von Rainer Maria Rilke in Recklinghausen. © Torsten Janfeld (Archiv)

Natürlich geht es ohne Umschweife um den Offenen Brief an Bundeskanzler Scholz und den darin ausgedrückten Protest von 28 Künstlern gegen deutsche Waffenlieferungen an die Ukraine, als Edgar Selge und Denis Scheck im „echten“ und erstmals zeitgleich auch im „digitalen“ Ruhrfestspielhaus Platz nehmen. Dennoch wird es ein ebenso unterhaltsamer wie bewegender Abend, und dann und wann bleibt einem ein Lachen im Halse stecken.

Selge war schon sehr oft bei den Ruhrfestspielen

Die Ruhrfestspiele sind Edgar Selge vertraut. Er war schon sehr oft hier – zuletzt für Kleists „Der zerbrochne Krug“ (2010), für Goethes „Iphigenie auf Tauris“ (2011) und auch für „Die Unterwerfung“ (2016) von Michel Houellebecq. Aber heute ist es anders. Heute kann Selge keine Rolle einstudieren, jemand anders sein. Heute ist seine Figur, sein eigener Charakter, das zentrale Thema des Abends.

Er hat seinen wunderbaren Debütroman, „Hast du uns endlich gefunden“, mitgebracht, und obwohl Selge selbst sagt, dass das Buch trotz immenser autobiografischer Anteile immer auch ein bisschen Fiktion sei („Ich wollte nicht erzählen, was passiert ist, sondern wie ich es erlebt habe.“), will Denis Scheck an sein Innerstes.

Auch sexueller Missbrauch wird in dem Buch erwähnt

Manchmal gelingt das – wenn Selge seinen Bruder Werner verteidigt, den Scheck in einer schwierigen Familienessen-Szene als etwas „selbstgefällig“ tituliert. Manchmal gelingt es nicht – zum Beispiel bei der Frage nach dem sexuellen Missbrauch, der im Buch erwähnt wird. Selge: „Ich habe das Buch geschrieben, weil ich darin Dinge erzählen konnte, die ich in Interviews nicht sagen wollte.“

Im Notfall weicht der Autor aber eben dorthin aus, ins Buch, zieht sich in den sicheren Text zurück, aus dem er immer wieder Auszüge liest – höchst amüsant und mit viel reflektierter Selbstironie beim Blick auf die Familie (kein leichtes Unterfangen wie bei vielen Familien aus dieser Zeit).

So, wie er es liest, so muss es gewesen sein

Ob es um Schläge geht und den Zwang, niemand sein zu wollen, der jemanden liebt, obwohl er einen schlägt, oder um eine hitzige Debatte über Antisemitismus am Wohnzimmertisch, um Gefangene, die der Vater als Gefängnisdirektor vormittags zur Hausmusik einlud (abends kamen dann die Akademikerfreunde) oder um kaputte Holzschafe – die ein Kollateralschaden beim wiederholten, zuletzt höchstdramatischen Durchrasselns der Mutter durch die Führerscheinprüfung sind –, Selge liest, wie er spielt: Großartig. Trifft jeden Moment seiner Erinnerungen ins Herz, und es wird den Zuhörenden egal, ob das alles nun so war, oder so, wie er sich gefühlt hat. So, wie er es liest, so muss es gewesen sein. Einmal will das Publikum fast lachen, als Selge erwähnt, wie sein Bruder Rainer eine Handgranate findet und sie auf die Treppe vors Haus gelegt hat. Es klingt so unglaublich, und unwirklich: „Wer mir dieses Ding aufmacht, kriegt von mir einen Groschen.“ Und lakonisch geht es weiter: „Es war aber niemand da, der das Ding aufmachen wollte.“ Dann mache er es eben selber, hat Selges Bruder Rainer dann gesagt. Mit verheerenden Folgen.

„Weder Lob noch Tadel reichen als Antrieb“

„Hast du uns endlich gefunden“ – ein geträumtes Zitat seiner Mutter – ist kommerziell ein Erfolg, und auch von der Kritik hochgelobt worden.

„Und jetzt? Schreiben Sie weiter?“ fragt Denis Scheck, bevor das Publikum zu langem Applaus aufsteht. „Weder Lob noch Tadel reichen als Antrieb“, antwortet Selge. Aber ja, er sammle derzeit Material, vor allem Tagebucheinträge von Menschen während der Belagerung Leningrads zwischen 1941 und 1944. Und wolle die Aufzeichnungen eines jungen Menschen mit seiner Geschichte als Heranwachsenden spiegeln. Das Schreiben und das Kürzen des Geschriebenen mache nahezu süchtig – eigentlich sei Schreiben ja die Kunst des Weglassens, sind sich Selge und Scheck einig. Auch dieser Text wäre noch länger gewesen – und gern noch mehr auf das Gespräch über die Ukraine eingegangen. Aber das würde den Rahmen sprengen, und auch das Publikum kann in diesem hochkomplexen Thema nicht wortlos und allein durch Klatschen zwischen richtig und falsch entscheiden.

Es entscheidet sich schließlich für laute Begeisterung für das Buch und Hochachtung vor dem Menschen Edgar Selge und seiner Geschichte.

Der Abend in Recklinghausen

Täglich um 18:00 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.