Ruhrfestspiele

Ein gewaltiges Grass-Erlebnis

Devid Striesow und Stefan Weinzierl lesen und schlagwerken Szenen aus „Die Blechtrommel“ bei den Ruhrfestspielen im Stadion Hohenhorst. Ein Erlebnis!
Devid Striesow (Archiv). © picture alliance / Tobias Hase/dpa

„Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung anstiften,“ eröffnet Devid Striesow aus dem Off einen so leisen wie lauten, wortgewaltigen, melodischen, verstörenden und das Stadion Hohenhorst erbeben lassenden Abend bei den Ruhrfestspielen.

Es vergehen Minuten, bevor er lesend zu Multi-Percussionist Stefan Weinzierl auf die Bühne tritt. „Die Blechtrommel“ als Konzertlesung mit Schlagwerkmusik zu arrangieren, erschien irgendwie immer naheliegend, und blieb dennoch ungehört – bis es jetzt so weit ist. Das Publikum dankt es mit stehend dargebrachten Ovationen, dankt für ein gewaltiges Grass-Erlebnis, einen Genuss, einen großen Moment.

Wie sollen 800 Seiten in 90 Minuten passen?

Wie sollen über 800 Seiten in etwas mehr als 90 Minuten passen? Kann ein solcher Roman überhaupt Platz nehmen auf einem Sportplatz? Ohne Verlängerung? Ja – Ja – Ja! Denn die Auswahl der Szenen aus einem der wichtigsten deutschen literarischen Nachkriegswerke ist perfekt dramaturgisch abgestimmt, eng verknüpft und bleibt doch dem Kontext erschlossen. Striesow, einer der vielseitigsten und erfolgreichsten Schauspieler Deutschlands, zeichnet Bilder in die Köpfe, dreht den Magen um und lässt das Publikum lachen, bangen, schaudern.

Striesow nimmt den Text an und sich zurück

Striesow nimmt den Text an und sich immer wieder zugunsten der Klänge Weinzierls zurück, dann ergänzen die Worte und Zeilen sich auf wundersame Weise mit der Musik – ach was, Musik! Das, was Trommeln, Vibraphon, Marimba und Percussion unter den Händen von Stefan Weinzierl können, das ist ebenso wahre Erzählkunst. Weinzierl lässt Glocken schlagen, Glas zerspringen, Sehnsüchte sprechen. Mit tiefen Schlägen und hohen, im Loop um die Ohren kreisenden Klängen spricht er durch die Instrumente von Familie, Geschäft, Tod, Gleichgültigkeit, Jesus‘ „Gießkännchen“, Angst, Ekel, Lügen, Nachttöpfen und Nazis.

Die Geschichte Oskar Matzeraths hat noch heute eine Botschaft

Die Geschichte Oskar Matzeraths, von seiner Geburt 1924 in Danzig bis ins Nachkriegsdeutschland, hat noch heute eine Botschaft, die aus jedem gelesenen Wort Striesows und jeder Tonbewegung Weinzierls spricht. Wieder wachsender Nationalismus und sich selbst feiernder Populismus spuken derzeit wie die doch nicht ganz totgeschlagenen Kater („deren einer Bismarck hieß“) des Trompeters und Reiter-SA-Manns, Meyn, durch tagesaktuelle Welt-Nachrichten.

„Der Weihnachtsmann war in Wirklichkeit der Gasmann“

Und war nicht eben erst das Land der unbegrenzten Möglichkeiten vier Jahre „ein leichtgläubiges Volk, das glaubte an den Weihnachtsmann, aber der Weihnachtsmann war in Wirklichkeit der Gasmann“, oder in diesem Fall: Ein Maurer? Als Devid Striesow und Stefan Weinzierl enden, steht das Publikum und überbrückt mit minutenlangem Applaus die Distanz zur Bühne wie zuvor der Text und die Töne. Ja, kühn hat die Geschichte mittendrin begonnen, aber statt Verwirrung vorwärts wie rückwärts vor allem Faszination gestiftet.

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