Fernsehen/Bühne

Ein schwuler Fleischersohn aus Datteln setzt sich durch

Der aus Datteln stammende Theater- und Fernsehschauspieler Alexander Weise erzählt im Interview über das (Bühnen-)leben in Zeiten der Pandemie.
Alexander Weise. © Elena Zaucke

Geschafft! Mitten im Corona-Lockdown hat Schauspieler Alexander Weise, derzeit als Uwe in der ZDF-Neo-Serie „Andere Eltern“ zu sehen, in der Berliner „WABE“ eine besondere Premiere gestemmt: Der gebürtige Dattelner führte jetzt Regie bei „Das Ende von Eddy oder Wer hat meinen Vater umgebracht“ und setzte die Romane von Éduard Louis ganz bewusst mit fünf Jugendlichen und vier professionellen Schauspielern um. Weil er zuvor zufällig einer Laien-Musicalgruppe, die ein Broadway-Stück zum Besten gab, zugeschaut hatte – „da und dort schief gesungen, aber herzzerreißend glaubhaft und berührend.“ Mit uns sprach der 47-Jährige über Theater in Pandemie-Zeiten und Premieren im Zeitalter von 2G oder 3G ebenso wie über seinen Bezug zur Dattelner Heimat. Wichtig ist ihm dabei, dass gegendert wird: „Wir haben in unserem Ensemble nicht nur männlich und weiblich, sondern auch trans.“

Mehrmals mussten Sie die Premiere von „Eddy“ verschieben – wegen der Einschränkungen inmitten der Pandemie. Wie fühlt es sich jetzt an, dass das Bühnenleben wieder stattfinden kann?

Toll, vor allem für die Kids. Sie konnten endlich zeigen, was sie drauf hatten. Alle waren sehr konzentriert und beieinander. Die Premiere war eine Punktlandung und lief sehr entspannt ab. Wir alle waren erleichtert. Wir sind sogar in die Nachtkritik-Charts gekommen: Auf dem Portal Nachtkritik.de waren wir unter den Premieren der Woche, die am meisten Aufmerksamkeit erregt haben.

Kinder erzählen lassen
von ihren persönlichen Erfahrungen

Die Spielstätte WABE zwischen dem Hamburger Schauspielhaus und den Salzburger Festspielen – einfach toll, zumal die Kids endlich auf der Bühne stehen und dort von ihren ganz persönlichen Problemen und Erfahrungen erzählen wollten, die sie mit diesem Text verbunden haben. Das konnten sie während des Lockdowns ja lange nicht. Als es jetzt endlich losging, haben wir extrem auf Abstand, Hygiene und Lüftungspausen geachtet, damit sich die Zuschauer:innen sicher und wohl fühlen, dadurch war es, hoffe ich, für alle ein schönes Erlebnis.

Was halten Sie vom bundesweiten Flickenteppich – hier 2G, da 3G? Was wäre für die Theaterlandschaft aus Ihrer Sicht am besten?

Das ist schwierig. Ich bin kein Mensch, der sagt, die Mehrheit – in diesem Fall die Geimpften – hat prinzipiell Recht. Ich selbst bin geimpft und halte das auch für den richtigen Weg. Ohne Impfung wäre „Eddy“ gar nicht zum Leben erweckt worden. Es wäre wichtig, dass sich die nicht Geimpften dies vergegenwärtigen würden.

2 G: Gesellschaft nicht spalten,
sondern gemeinsam nach Lösungen suchen

Aber anstatt die Gesellschaft bei 2G zu spalten, sollte man gemeinsam nach Lösungen suchen. Zwischen 3G und 2 G zu wählen: Ich weiß, dass das schwerwiegende Entscheidungen sind: In dem Dilemma stecken wir, aber ich bezweifle, dass der Zwang zu 2G zielführend ist. Druck löst meistens nur Gegendruck aus.

Andere prominente Schauspieler wie Franz Hartwig, Jonathan Berlin, Alexander Fehling und Michael Rotschopf sind in die Berliner WABE gekommen, um mit Jugendlichen aus dem Kiez die Geschichte von Eddy zu erzählen. Wie konnten Sie die Kollegen dafür gewinnen, und wie probt man so etwas mitten im Lockdown?

Ich habe alle vier einzeln und persönlich angesprochen. Alle waren sofort sehr interessiert, hatten große Lust wieder auf der Bühne zu stehen. Die Proben haben wir individuell gestaltet: Wenn sie Zeit hatten, haben wir geprobt.

Das Land Berlin hat
schnell und unbürokratisch geholfen

Es gab pandemiebedingt zwar keine Vorstellungen, aber wir hatten einen sehr großen Proberaum zur Verfügung, bei dem die Abstandsregeln gut umsetzbar waren. Wir haben vor dem Sommer 2020 so viel vom Stück geschafft, dass die Schauspieler:innen da schon einen Teil der Gelder bekommen haben. Was uns pandemiebedingt sehr wichtig war.

Haben Sie denn finanzielle Hilfen im Shutdown erhalten, um das ohne Eintrittsgelder zu bezahlen? Und wie schaffen es Schauspieler generell, diese Durststrecke zu überstehen?

Die WABE ist ein Bezirkstheater und damit gefördert – und wir waren durch die Großzügigkeit des Hauptstadtkulturfonds (HKF), unserem Hauptgeldgeber, finanziell abgesichert. Bei den Drehs bei Film und Fernsehen hat sich die Branche meiner Meinung nach schnell erholt. Klar, auch da ist einiges weggebrochen. Bei mir war zum Beispiel erst einmal nicht an die Arbeit mit Sprechchören zu denken. Aber fürs Erste war auch ich durch die Corona-Soforthilfe abgesichert, das lief beim Land Berlin ziemlich unbürokratisch und schnell.

Kommen wir noch einmal zu Eddy. Es ist die Geschichte eines Jungen, der wegen seines Andersseins und seiner Homosexualität in der Schule gemobbt, verprügelt und von einer Gesellschaft isoliert wird, die inmitten der Provinz abgehängt wurde, nun aber die „Nationale Front“ wählt und über Schwule und Ausländer herzieht. Haben Sie Parallelen zu „Eddy“ von einer abgehängten rassistischen Gesellschaft schon selbst festgestellt?

Ich habe das nicht in der Heftigkeit erlebt, aber Eddy ist wie eine Blaupause für mich gewesen – ein Beispiel, das zeigt, dass Menschen andere – teilweise lebensgefährlich – ausgrenzen und sie in Schubladen stecken.

Wo Aggressionen hoch sind,
ist Empathie wichtig

Aber aus eigener Kraft heraus kann man hinaus und zum anderen gelangen. Wo Aggressionen hoch sind, ist Empathie wichtig. Ich bin ein schwuler Fleischersohn aus Datteln, einer der ersten in einer Arbeiterfamilie, der Abitur gemacht hat. Ich habe zumindest ein paar Erlebnisse, die ich mit Édouard Louis, dem Autor, teile.

Ihre Heimatstadt Datteln und Umgebung sind im Vergleich zu Berlin ja auch eher Provinz. Dennoch oder gerade deswegen haben Sie vor Corona hier noch einiges bewegt: So waren Sie etwa bei den Ruhrfestspielen 2018 und 2019 am Dattelner Comenius-Gymnasium für „Schule gegen Rassismus“. Wie ist heute Ihr Bezug zur Heimat?

Ich bin hauptsächlich dort, wenn ich meine Mutter besuche. Mehr als zweimal im Jahr ist das allerdings nicht. Leider. Meine Heimat ist ein schönes Fleckchen Erde, und ich fühle mich als Ruhrpottler, weil man mit offenem Herzen und klarer Sprache durchs Leben rennt. Eine schöne Mentalität in der heutigen Zeit.

Wie sehen Ihre nächsten Pläne aus?

Ich plane ein neues Projekt für Herbst 2022 mit Kindern und Jugendlichen und einem prominenten Schauspieler. Ansonsten drehe ich demnächst noch einen Film am Gardasee, darf aber von beidem noch nicht mehr verraten.

Zur Person

Alexander Weise

Während der Schulzeit machte Alexander Weise eine Ausbildung zum C-Kirchenmusiker in Recklinghausen. Nach einem Studium der Germanistik und Ev. Theologie sowie der Teilnahme an freien Theatergruppen entdeckte er die Schauspielerei für sich und begann 1997 sein Studium an der Westfälischen Schauspielschule Bochum. Schließlich folgten Engagements am Schauspielhaus Bochum unter den Intendanzen von Leander Haussmann sowie Matthias Hartmann und später zahlreiche Gast- und Festengagements mit mehreren Auszeichnungen an deutschen Bühnen.