Gesprächsangebot in der Gastkirche Petra Rhein hat ein offenes Ohr - für ganz verschiedene Sorgen

Redakteur Regionales
Petra Rhein arbeitet ehrenamtlich beim Gesprächsdienst in der Recklinghäuser Gastkirche mit.
Petra Rhein arbeitet ehrenamtlich beim Gesprächsdienst in der Gastkirche mit. © Jörg Gutzeit
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Es ist schon lange her, aber Petra Rhein erinnert sich noch genau: „Die Frau war völlig allein, ihr Mann tot, die Kinder weit weg. Sie hatte keine sozialen Kontakte, sagte, sie habe an nichts mehr Freude.“ Die einsame Frau ist eine von vielen, mit denen Petra Rhein in den vergangenen Jahren in der Gastkirche gesprochen hat. Hier ist die 64-Jährige als eine von etwa 30 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aktiv – im Gesprächsdienst des Gasthauses in der Gastkirche in der Recklinghäuser Innenstadt.

Ein riesiges Ohr aus Holz hängt vor der Gastkirche. Es zeigt den Menschen, die hier vorbeikommen, dass es jetzt in der Kirche ein Gesprächsangebot gibt – wir haben ein offenes Ohr für Sie, wir sind ganz Ohr. Montags bis freitags von 10 bis 12 und 16 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 12 Uhr sitzen eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter in der Gastkirche und stehen für Interessierte kostenlos zum Gespräch bereit. Gespräch – das heißt hier zunächst einmal vor allem zuhören, wie das Ohr schon ahnen lässt. „Die Menschen kommen in die Kirche, erzählen uns, was sie auf dem Herzen haben – was sie bewegt, was ihnen Sorgen macht. Sie reden sich eine Last von der Seele, wir hören zu“, erläutert Petra Rhein. Und der Bedarf ist groß: etwa 150 längere Gespräche werden jährlich von den Mitarbeitern anonym dokumentiert, hinzu kommen viele kürzere Unterhaltungen.

Jörg Gutzeit
Der Gesprächsdienst steht bereit: Als Zeichen befestigt Petra Rhein das offene Ohr vor der Gastkirche. © Jörg Gutzeit

Dabei kann es um Beziehungsprobleme, Arbeitslosigkeit, Geldsorgen, Trauer, Fragen nach Gott oder ganz alltägliche Anliegen gehen. „Es kommen alle Themen vor. Viele haben niemanden zum Sprechen“, sagt Schwester Judith, die im Gasthaus lebt und bei der Begleitung des Gesprächsangebots aktiv ist. „Wir beurteilen nichts, fragen nicht nach. Neben dem Zuhören spiegeln wir dem Gesprächspartner das Gesagte wider, suchen dann auch eventuell gemeinsam nach Lösungen. Ich habe zum Beispiel mit der einsamen Frau überlegt, ob ihr wirklich nichts mehr Spaß macht, ob es nicht doch mögliche Ansprechpartner für sie gibt. Da geht es dann auch manchmal darum, für den Gegenüber verborgene Ressourcen zu Tage zu fördern oder eventuell auf bestehende Hilfsangebote aufmerksam zu machen“, erläutert Petra Rhein.

Anonymität senkt die Hemmschwelle

„Anonym – vertraulich – mit Zeit“: Mit diesen Begriffen wirbt die Gesprächsdienst-Ankündigung vor der Kirche. Schwester Judith betont: „Der Gast ist zu nichts verpflichtet, er bestimmt den Verlauf – zum Beispiel die Länge des Gesprächs und eine mögliche Wiederholung.“ Am schwarzen Brett in der Gastkirche hängt zudem ein Dienstplan: Hier kann man nachsehen, wer aus dem ehrenamtlichen Team wann ein offenes Ohr für Besucher hat – falls man einen bestimmten Gesprächspartner favorisiert. Auch die Anonymität sei bei dem unverbindlichen Gesprächsangebot in der Gastkirche oder in dem angrenzenden Gesprächsraum wichtig, erklärt Schwester Judith: „Das senkt die Hemmschwelle – so lässt es sich leichter reden.“

Petra Rhein (l.) und Schwester Judith in der Gastkirche, wo es bis auf sonntags täglich ein Gesprächsangebot gibt.
Petra Rhein (l.) und Schwester Judith stehen in der Gastkirche, wo es bis auf sonntags täglich ein Gesprächsangebot gibt – für alle, die daran interessiert sind. © Jörg Gutzeit

Der Gesprächsdienst ist übrigens längst nicht das einzige seelsorgliche Angebot in der Gastkirche: Neben regelmäßigen Gottesdiensten – oft auch in besonderen Formaten – gibt es hier zum Beispiel das samstägliche Friedensgebet und verschiedene Pilgerangebote. „Gemeinsam unterwegs und im Gespräch sein, nach Wegen und Gott suchen“, sinniert Schwester Judith – zum Beispiel auf dem Jakobsweg, beim Pilgern für Frauen, Trauernde oder dem Pilgern im Pott. „Und das ist alles überhaupt nicht an eine Konfession oder Religion gebunden. Hier kann jeder kommen, muss an nichts Bestimmtes glauben“, betont Petra Rhein die Offenheit von Gastkirche und Gasthaus – und des Gesprächsdienstes.

Eine Hilfe für viele Menschen

Petra Rhein hat wie alle Mitarbeiter des Gesprächsdienstes bei einer Psychologin eine ausführliche Ausbildung für ihr Ehrenamt erhalten. Aktives Zuhören, Widerspiegeln von Gesagtem, Umgang mit eigenen Gefühlen, Rollenspiele und psychologische Grundthemen – all das steht dabei auf dem Programm. Hinzu kommen begleitende Treffen sowie regelmäßige Supervisionen, bei denen es um besonders schwierige Gespräche geht. Für die 64-Jährige ist dieser hohe Aufwand kein Problem: Zum einen findet sie es total spannend, wem man begegnet und welche Gespräche man führt. „Und ich habe gemerkt, dass der Gesprächsdienst vielen Menschen hilft: Da wollte ich gerne Teil von sein – da sein, wenn Menschen in Not sind.“ So wie bei der einsamen Frau – diese fand schließlich noch einen Nachmittagstreff in einer Gemeinde und nahm sogar an mehrtägigen Ausflügen teil.

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