Interview mit Olaf Kröck

Recklinghausen: Das waren „Die Ruhrfestspiele der stehenden Ovationen“

Die Ruhrfestspiele gehen zu Ende. Wir haben ein Abschluss-Interview mit Intendant Olaf Kröck geführt. Und zwar über persönliche Highlights, aktuelle Quoten und konkrete Planungen für 2023.
Hat endlich wieder eine komplette Live- und Präsenz-Saison (fast) hinter sich: Ruhrfestspiel-Intendant Olaf Kröck (Archiv). © Meike Holz

Kurz vor dem Ende der diesjährigen Ruhrfestspiele, die mitten in der Coronahochphase geplant wurden, haben nach aktuellem Stand gut 46.000 Besucher die Vorstellungen besucht, bei knapp 59.000 Karten im Verkauf entspricht das einer Auslastung von etwas unter 80 Prozent. Enorm! Dabei sind die Zahlen u. a. der digitalen Veranstaltungen und der Stadtprojekte wie „The People of…“ noch nicht einmal eingerechnet worden. Wir haben mit Intendant Olaf Kröck zum Abschluss gesprochen.

Eine persönliche Frage vorab: Die Ruhrfestspiele gab es in diesem Jahr wieder live – und in Präsenz. Sind sie zufrieden, froh, glücklich?

Ich bin sehr sehr glücklich! Als Festival-Theatermacher bin ich erst einmal natürlich darüber glücklich, dass wir endlich wieder das Publikum – und die Kunst – live gesehen haben – und darüber, dass die Säle voll waren. Nicht immer alle, aber wir hatten wirklich sehr guten Zuschauer-Zuspruch. Und wir haben gemerkt: Es gibt ein kollektives Aufatmen. In diesem Jahr hat ein ganz besonderer Austausch zwischen den Künstlern und dem Publikum stattgefunden. Es war und ist deutlich zu spüren, wie froh die Zuschauenden sind, wieder dieses Live-Theater-Erlebnisse haben zu können und sich wieder auf dem Hügel zu begegnen.

Die Maskenpflicht blieb, es gibt immer noch zurückhaltendes Publikum… Wie wurde das Festival angenommen, wie sehen die Quoten aus – auch wenn das in Corona-Zeiten nichts über die Qualität eines Festivals aussagt?

Wir müssen ein nicht nur regionales, sondern weltweites Phänomen betrachten – beim Theaterpublikum, in den Kinosälen, Konzert- oder Opernhäusern etc. – die Rückkehr des Publikums ist zögerlich. Die Gründe dafür sind vielfältiger, als dass man sie in diesem Rahmen zusammenfassen könnte. Aber: Die Ruhrfestspiele sind in diesem ganzen Spektrum eine Ausnahme. Das macht uns demütig. Das Programm ist in seiner kompletten Breite sehr gut angenommen worden. Natürlich gab es neben ausverkauften auch mal nur halb gefüllte Vorstellungen. Das war auch vor Corona normal. Wir wollen ein künstlerisch mutiges Programm zeigen, einzelne Arbeiten füllen auch mal nicht den ganzen Saal. Und wir sind auch Wagnisse eingegangen. Aber man kann festhalten: Die Ruhrfestspiele hatten in diesem Jahr einen überwältigenden Publikums-Zuspruch.
Ich glaube aber, dass auch die Maskenpflicht, die wir strikt eingehalten haben, eine Säule des Zuspruchs war. Das durchgehende Tragen einer Maske bedeutete für jeden im Publikum die Sicherheit, dass zumindest alle Menschen, die um einen herumsitzen, selber eine Maske tragen. Ganz wenige haben deswegen abgesagt. Aber der Sicherheits-Aspekt war uns wichtig und ist Ausdruck der Solidarität untereinander.

Corona hat auch zu digitalen Wegen gezwungen, die die Ruhrfestspiele längst beschritten haben. Was heißt das für die Zukunft? Fahren die Ruhrfestspiele demnächst zweigleisig?

Wir haben die digitalen Zahlen noch nicht ausgewertet. Deswegen sind sie in die Auslastung noch nicht eingerechnet. Dies gilt auch für den „The People of Recklinghausen-Süd“-Audiospaziergang. Wobei die Zahlen insgesamt natürlich niedriger sein werden als im kompletten Lockdown, als es keine anderen Möglichkeiten gab, als die digitalen Angebote. Das zeigt uns deutlich: Die Ruhrfestspiele sind ein Live-Festival! Das Digitale ist aber eine andere, zusätzliche Angebots-Säule, die international zeit- und ortsunabhängig funktioniert. Wir hatten jedoch auch in unseren Livevorstellungen wieder Zuschauer aus China, Kanada, den USA, fast ganz Europa…

Das Programm hat wieder ein hohes künstlerisches Niveau gehabt. Aber was waren Ihre drei ganz persönlichen Highlights, Ihre bemerkenswerten persönlichen Erlebnisse – auch wenn ein Festspiel-Chef wahrscheinlich alle Produktionen aufzählen müsste?

Ich habe definitiv Highlights. Eines war „Resonanzen“, das Schwarze Literaturfestival. Es ging um deutschsprachige, junge, unveröffentlichte Literatur von Schwarzen Autorinnen und Autoren. Sharon Dodua Otoo ist unserer Einladung gefolgt und hat in den Festspielen ein Festival geplant. Dabei habe ich nicht nur viel lernen können, ich bin fantastischen Menschen begegnet und habe tolle Texte gehört. Vor allem habe ich aber begriffen, wie wichtig die Öffnung einer großen Kulturinstitution für andere Positionen, Erfahrungen und Blickwinkel ist. Das heißt zu nächst einmal, dass ich mich selbst zurücknehmen muss. Raum schaffen muss. Ich war selber Gast und fühlte mich eingeladen. Von Resonanzen ist eine Ermutigung und Kraft ausgegangen, die ganz unserem Motto entsprach: „Haltung und Hoffnung“. Darum haben wir uns vorgenommen, dieses Festival im Festival auch im nächsten Jahr stattfinden zu lassen.
Das zweite Highlight war – sehr persönlich gesprochen – „Tao of Glass“. Und zwar, weil mit Phelim McDermott ein Künstler auf der Bühne stand, der seine eigene mehrfach preisgekrönte Prominenz und seine eigene Karriere, die riesig ist, überhaupt nicht thematisiert, sondern sich mit einem anderen Künstler – mit Philip Glass – beschäftigt hat und mit grundlegenden künstlerischen Fragen. Ich war aber auch begeistert von Dada Masilo, von Wilhelm Kentridge, mich hat „FIQ!“ völlig erwischt – ein unfassbares Energie-Level. Aber auch „Die Pest“ in Marl ist so etwas wie ein Geheim-Erfolg gewesen. Ein Theater-Wunder.
Das dritte Highlight waren die emotionalen Reaktionen unserer Zuschauer. Für mich waren diese Festspiele, die Ruhrfestspiele der Stehenden Ovationen. Es war deutlich zu spüren, dass das Publikum seine Begeisterung, sein Glück unmittelbar formulieren wollte. Und ich würde mich zu der Behauptung hinreißen lassen, noch nie gab es so oft Stehende Ovationen bei den Ruhrfestspielen.

Die noch anhaltenden Corona-Jahre haben definitiv Publikum gekostet. Wie sieht es finanziell bei den Ruhrfestspielen aus?

Den Ruhrfestspielen geht es finanziell gesehen gut. Nicht brillant, aber gut, weil wir alles sehr vorsichtig berechnet haben. Wir haben mit einer Corona-Hochphase geplant. Und wir sind natürlich auch defensiv mit der Einnahmen-Planung gewesen. Es ist besser gelaufen, als wir gehofft haben.

Die Planungen laufen sicher schon. Gibt es schon etwas, was Sie über die Ruhrfestspiele 2023 verraten können?

Ja. Das Beste: Die Ruhrfestspiele finden wieder ab dem 1. Mai 2023 statt (lacht) – und am 3. Mai soll es eine große Eröffnung geben, wir sind schon auf einem sehr guten Weg. Eine internationale Arbeit, die auch eine entsprechende prominente Größenordnung hat. Mehr möchte ich heute aber noch nicht dazu sagen.
Fest steht schon jetzt, dass es eine Arbeit von Tuğsal Moğul geben wird. „And Now Hanau“. Eine Uraufführung bei den Ruhrfestspielen in Zusammenarbeit mit dem Theater Oberhausen unter der neuen Intendantin Kathrin Mädler und dem Theater Münster mit dem neuen Schauspielchef Remsi Al Khalisi. Es ist die intensive Beschäftigung mit Rechtsterrorismus in Deutschland. Sehr differenziert. Sehr respektvoll den Opfern gegenüber. Aber auch schonungslos. Eine wichtige Produktion für politisch positionierte Ruhrfestspiele 2023.

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