Recklinghausen: Die NPW und das Phänomen Zeit

Freier Mitarbeiter
Dirigent Evan-Alexis Christ. © Walter Schoenenbroecher
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„Zeitgedanken“ – unter diesem Kürzel widmete sich die Neue Philharmonie Westfalen (NPW) einem schier unerschöpflichen Phänomen. Nämlich der Zeit in der Musik. Das wirkt nur auf den ersten Blick banal. Schließlich ist jede Musik nichts anderes als vertonte, klingende Zeit. Mal kann sie lange Weile offenbaren, um ein anderes Mal mit spritzigem Presto mitzureißen. Und sie vermag für eine gewisse Zeit das Innerste anzurühren.

Das Programm der „Zeitgedanken“ hatte von all dem etwas. Schon in der Bündelung dreier extremer Werke unter dem Aspekt der Zeit lag ein besonderer Reiz dieses Beitrags zu den Ruhrfestspielen. Auch deshalb hätte dieses Programm in Recklinghausen einen besseren Ort verdient, nämlich das akustisch immerhin ertüchtigte Festspielhaus statt der Christuskirche mit ihren harten Büßer-Bänken und ihrem langen Nachhall, einer akustischen Zumutung schon bei einem Orchester mittlerer Größe.

Akribisch genaue Detailzeichnung und sprühende Musizierlust

Gastdirigent Evan Christ ist für das Konzertpublikum in Recklinghausen kein Unbekannter. Im Oktober 2015 bestach er in einem Sinfoniekonzert der NPW durch akribisch genaue Detailzeichnung und sprühende Musizierlust.

Die Reihenfolge des Programms stellte Christ auf den Kopf, doch das Herzstück blieb inmitten. Die „Night Prayers“ des Georgiers Giya Kancheli sind durchaus typisch für die Klangsprache osteuropäischer Komponisten. Magisch schillernd fesseln sie durch ihre spirituelle Anmutung. Aus melancholischer Finsternis tiefer Stimmen vom Tonband und aus einem zarten Unisono eines reinen Streichorchesters taucht mit leuchtendem Klang das Sopransaxophon der famosen deutsch-ukrainischen Solistin Asya Fateyeva empor.

Es sind Klagerufe und furiose Ausbrüche mit folkloristischer Anmutung, mit denen die exzellente Saxophonistin das Publikum in Bann schlägt. Und die Streicher, namentlich die Violinen, spielen in diesem vierten Teil aus Kanchelis „Leben ohne Weihnachten“ von 1992 in Wellenströmen immer wieder unvermittelt abreißender Phrasen und zartesten Pizzicati ihre in langen Jahren errungene Brillanz aus.

Im biblischen Alter von 95 Jahren starb 2008 Norman Dello Joio.

Das wurde mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet

Dem alttestamentarischen Buch Kohelet sind seine mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten zehn „Meditations of Ecclesiastes“ von 1957 in ihrer übersättigten, fast schwülstigen Harmonik verpflichtet. Die breit ausladenden, kontrastversessenen, gelegentlich vibrierenden Streicherflächen, aus denen sich verästelte Einzelstimmen und ein hinreißend elegisches Solo des Konzertmeisters Jinwoo Lee lösen, dirigiert Evan Christ in ausladender Geste punktgenau mit forcierten Eruptionen und feinsten Piani.

Allzu dröhnend, vermutlich selbst erschrocken angesichts des extremen Nachhalls der beiden Hörner, eröffnete Christ die unterschätzte Haydn-Sinfonie Nr. 64 in A-Dur mit dem später hinzugefügten Titel „Tempora mutantur“ („Die Zeiten ändern sich“). Es spricht für Christs Qualitäten, dass er prompt dämpfte. Wie im kontrastbetonten Largo die beiden Oboen eine Wende ins Schmerzliche einleiten, wie man es wenig später nur von Mozart kennt, wie das Menuett alles höfisch Gezierte abstreift und das finale Presto mitreißende Rasanz gewinnt – das alles war eine Klasse für sich. Ausgiebiger, begeisterter Applaus.