Festival „Resonanzen“

Ruhrfestspiele: Von der unendlichen Vielfalt der Schwarzen Literatur

Das Schwarze Literaturfestival im Rahmen der Ruhrfestspiele übertrifft die Hoffnungen. Sharon Dodua Otoo hat Welten verknüpft. Und die Frankfurter Buchmesse twittert drei Tage lang live.
„Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival“. Auf der Bühne (v.l.): Nouria Asfaha, Alexandra Antwi-Boasiako, Sharon Dodua Otoo, Bahati Glaß, Raphaëlle Red, Winni Atiedo Modesto, Melanelle B. C. Hémêfa, Elisa Diallo, Dominique Haensell, Aminata Cissé Schleicher, Ibou Coulibaly Diop, Joe Otim Dramiga und Dean Ruddock. © China Hopson

Dies ist keine Rezension, es ist keine Theater-Kritik, und es ist auch nicht einmal annähernd der Versuch, in nahezu 300 Zeitungszeilen zusammenzufassen, was in den drei Tagen des Schwarzen deutschen Literaturfestivals „Resonanzen“ bei den Ruhrfestspielen zu hören und zu spüren war: Dass die afro-deutsche Belletristik, die schwarze Community in Deutschland, die Afro-Diaspora solche Schwingungen erzeugen, dass sie in der etablierten Literatur-Branche für Wellen sorgen. Resonanzen eben.

Was macht „Resonanzen“ zu einem Festival, das „niemals enden sollte“, wie Nouria Asfaha, die die finale Kommentierung übernahm, sagt? Was macht Resonanzen zu dem – frei nach Toni Morrison – „Festival, das bislang noch niemand gemacht hat, wir aber haben möchten“, laut Kuratorin Sharon Dodua Otoo?

Winni Atiedo Modesto. © China Hopson

Es sind die Texte der vier Autorinnen und zwei Autoren, die jeder für sich so groß und bewegend, so unterschiedlich und facettenreich sind, dass dieses Literaturfestival einen historischen Grundstein für einen Tempel der Worte gelegt hat, zu Ehren eines großen Erbes, dem Erbe der afro-diasporischen Geschichte(n). Jeder Text zeigt: Afro-deutsche Literatur ist nicht einfarbig, sondern so viel mehr als die dringend zu überholende Vorstellung von Schwarzer Literatur, dass sie „immer von Rassismus und Milieus handle, soziologisch gelesen werde oder autobiographisch“ sei – so Jurorin Dominique Haensell. Das beweist am zweiten Tag des Festivals Raphaëlle Red mit „Calvin’s Väter“, einer herausfordernden Geschichte voller Symbolik, die „zugleich ein Gefühl von Zärtlichkeit als Strategie, um Depressionen abzubauen“ (Haensell), erzeugt.

Das beweist Joe Dramiga mit „Adlam“, einem literarisch glänzenden Gegenbeweis zu Hegels herablassender Ansicht, Afrika sei „geschichtslos“. Und das beweist Bahati Glaß mit „Das Geschenk meines Vaters“, einer deutsch-deutschen Geschichte zu Zeiten der Wende, in der die Schatten tragischer Ereignisse die Form einer Barbie, eines Kamms und eines unerträglichen Verlustes haben.

Am dritten „Resonanzen“-Tag liefern Winni Modesto mit „Loslassen“, Melanelle B.C. Hémêfa mit „O le gbo gnea“ und Dean Ruddock mit „pareidolie“ weitere Beweise für die unendliche Vielfalt der Schwarzen Literatur – genre-überspannend, bewegend und voller direkter und indirekter Referenzen.

Joe Otim Dramiga. © China Hopson

Es geht um die Reise aus dem eigenen Leben, die Verunsicherung bei einer Reise in die Republik Togo, und um eine Sci-Fi-Mission zum Mars. Zu allen Geschichten dieses Festivals gehört, dass sie niemanden außen vor lassen: Ein Buch, eine Geschichte, die sich dem Lesenden (oder Hörenden) verschließt, gibt es hier nicht. Es sind die drei Jurorinnen und der Juror, allesamt höchst renommiert, die intensiv und wertschätzend auf die Texte eingehen und sie sanft und wissend analysieren, besprechen, zu noch mehr anregen und stets die Zerbrechlichkeit der Schreibenden im Blick haben, die sich und ihre Worte hier offenbaren.

Kanzler Scholz beibringen, wie man Kochbananen isst

Wann immer Aminata Cissé Schleicher, Elisa Diallo, Ibou Coulibaly Diop und Dominique Haensell sprechen, sind das zusätzliche Höhepunkte – wie viel es im Nachgang zu lernen und nachzugucken gibt! „Resonanzen“ ist Inspiration und Motor für alle im Publikum.

Es sind große Namen wie diese, die „Resonanzen“ ausmachen: Tsitsi Dangarembga, Schriftstellerin, Filmemacherin und Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, hält am ersten Tag die Eröffnungsrede. Pierrette Herzberger-Fofana, EU-Abgeordnete in der Fraktion der Grünen/Freie Europäische Allianz, spricht das Grußwort. Und Ada Diagne, die Gewinnerin des 1. Young Storyteller Awards 2021, liest sieben Texte aus ihrem preisgekrönten Buch „Menschen“.

Raphaëlle Red. © China Hopson

Es ist die Willenskraft der Ruhrfestspiele, dieses Festival stattfinden zu lassen – kein drohender Sturm und andere Widrigkeiten können die Unterstützenden – das großartige Team in Sachen Technik, Bühne, Orga und Kommunikation, und Chef-Dramaturg Jan Hein und Intendant Olaf Kröck – aufhalten. Letzterer sagt ganz deutlich: „Es war für uns klar, ‚Resonanzen‘ muss stattfinden.“ Auch, wenn das Festival erst nach der ersten Hälfte am zweiten Tag vom wetterfesten Ruhrfestspielhaus auf die Bühne ins Zelt umziehen konnte.

Es sind die kleinen Dinge, die jedem Zuschauenden gut tun, weil alle Teil von ihnen sein können, oder weil sie sie erleben dürfen: Das Fingerschnippsen bei Textstellen, die besonders im Publikum resonieren, zum Beispiel. So sanft und doch bestärkend für die Lesenden, viel schöner als es unterbrechender, scharfklingender Applaus je könnte – geklatscht wurde auch, natürlich, aber immer am Ende, laut und anhaltend, und immer wieder. Es sind die kleinen Gesten zwischen der wunderbaren Moderatorin Alexandra Antwi-Boasiako und den Gästen auf der Bühne. Es ist der Humor im Miteinander und das wissende Verständnis für die unterschiedlichen afro-diasporischen Lebenswelten der Menschen auf der Bühne und im Publikum. Vereint in der Unterschiedlichkeit ihrer Geschichte(n): Empowerment in seiner reinsten Form.

Das Team der Frankfurter Buchmesse ist vor Ort

Es ist das Team der Frankfurter Buchmesse, das vor Ort ist und live twittert, was bei „Resonanzen“ passiert. Es ist das Buch, das es mit allen Texten und Kommentaren und Reden im Herbst geben wird.

Es ist die Gewissheit: Das war nur der Anfang. Es wird weitergehen.

Und dann wäre da noch diese Information: Sharon Dodua Otoo ruht sich nicht eine Sekunde auf dem Erfolg aus. Sie ist bereits am nächsten Tag auf dem Weg in die Republik Senegal, die Republik Niger und nach Südafrika – um Bundeskanzler Olaf Scholz zu begleiten. Naja, eigentlich um „ihm beizubringen, wie man gebratene Kochbananen, Fufu und Palmnusssuppe isst, ohne etwas auf seine Krawatte zu bekommen“, twitterte sie. Und: „Im Gegenzug kann er mir vielleicht mehr über Restitution erzählen.“

ONLINE: Noch bis zum 12. Juni ist das gesamte Schwarze deutsche Literaturfestival im digitalen Ruhrfestspielhaus zu sehen – an dieser Stelle eine dringende Empfehlung, sich das nicht entgehen zu lassen. www.ruhrfestspiele.de

DAS BUCH: Im September erscheint begleitend zu „Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival“ im Leipziger Verlag Spector Books, herausgegeben von Sharon Dodua Otoo, Jeannette Oholi und den Ruhrfestspielen, das Buch „Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival. Eine Dokumentation“ (ISBN 978-3-95905-654-0). Neben den Kurzgeschichten der sechs Autoren bildet die Doku sowohl die Jurydiskussionen, einführende und abschließende Vorträge, als auch die Eröffnungsrede von Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga ab.

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