Premiere

Ruhrfestspiele: Wie unvorbereitet Krieg und Seuche Menschen treffen

Albert Camus‘ Roman „Die Pest“ als Bühnen-Monodram
Einer für alle: der begeistert gefeierte Schauspieler Božidar Kocevski beim Gastspiel des Deutschen Theaters Berlin in einer Bühnenfassung von Albert Camus‘ Roman „Die Pest“ bei den Ruhrfestspielen im Theater Marl. © Arno Declair

Gibt es das noch? Das Bühnenstück der Stunde? Den Stoff von frappierender Zeitnähe? Ja, es gibt ihn. 1947 ist der Roman „La Peste“ (auf Deutsch: „Die Pest“) von Albert Camus erschienen. Dem zweiten bedeutenden französischen Existenzialisten neben Jean-Paul Sartre. Diesen Roman in einer Bühnenfassung als Monodram bei den Ruhrfestspielen im Theater Marl zu erleben, ist ein überwältigendes Ereignis.

Das ist ein überwältigendes Ereignis

Jeder Literaturbeflissene griff 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie zu diesem Buch. Wer es zum ersten Mal oder erneut las, war erstaunt über die Parallelen zum Zeitgeschehen. Wer sich darin vertiefte, begriff mit einem Schlag, was das von Experten beschworene, von Impfgegnern und Verschwörungs-Schwurblern geleugnete exponentionelle Wachstum einer Epidemie bedeutet. All das ließ sich bei Camus schon vor 75 Jahren im Detail nachlesen. Erst sind es 20 Tote, die eine noch nicht identifizierte Seuche aus dem Leben reißt. Und dann schon 700 in einer Woche, die in der inzwischen abgeriegelten algerischen Küstenstadt der Pest zum Opfer fallen.

Das ist ein riskanter Coup

Wie bringt man 350 Seiten Literatur mit einem über alles wachenden, anfangs aus dem Off registrierenden Ich-Erzähler alter Schule, dem Arzt Bernard Rieux als Inbegriff des humanistischen, der Bigotterie der Kirche nicht auf den Leim gehenden Menschenfreundes mit all den verzweigten Nebenhandlungen durch immer mehr neu eingeführte Personen auf die Bühne? Das wäre schon mehrfach besetzt ein gewagtes Unterfangen. Als Bühnen-Monodram mit nur einem Darsteller aber ist es ein besonders riskanter Coup. Aber der geht auf beim Gastspiel des renommierten Deutschen Theaters Berlin im so gut wie ausverkauften Theater Marl.

Dazu bedarf es eines Ausnahme-Darstellers

Dazu bedarf es eines Ausnahme-Darstellers. Der in Deutschland aufgewachsene 33-jährige gebürtige Mazedonier Božidar Kocevski erfüllt diesen Anspruch perfekt. Was wir an diesem 80 Minuten währenden, in seiner Dichte nicht einen Moment lang nachlassenden Abend erleben, ist ein szenischer Hasardeur-Ritt auf der Rasierklinge.

Szenischer Hasardeur-Ritt auf der Rasierklinge

Der junge ungarische Regisseur András Dömötör und seine beiden Dramaturgen haben die verästelte Handlung geschickt ausgedünnt und auf die entscheidenden Wendepunkte konzentriert. Božidar Kocevski spricht sie alle – den besonnenen, reflektierten Akademiker Rieux, in ostdeutschem Dialekt den als ersten sterbenden einfältigen Concierge Monsieur Michel, den tatkräftigen, zupackenden Freund Tarrou, den Bürohengst Joseph Grand, der sich als Romancier versucht, aber ein Leben lang nicht über die erste Zeile hinauskommt, den sterbenden Nachbarn Cottard, den fluchtbereiten Pariser Journalisten Raymond Rambert, den abgeklärten Medizin-Professor Castel als Erfinder des rettenden Impfstoffes und den furchtbar schicksalsergebenen Kleriker Pater Paneloux.

Zwei starke Momente bleiben haften

Vor allem zwei starke Momente bleiben haften: der Besuch der Oper, ein poetisches Innehalten, in dem mit der Orfeo-Arie „Che farò senza Euridice“ die Zeit stillzustehen scheint, und der auch im Roman so erschütternd gezeichnete schleichende Tod eines auch in der Sicht des Klerikers unschuldigen, von jeder Sünde freien Kindes.

„Zwei Plagen“, heißt es zu Beginn des Romans und des zu Beginn wie aus dem Off mit dem Rücken zum Publikum resümierenden Erzählers, „Krieg und Epidemien treffen den Menschen unvorbereitet“. Was das an gesellschaftlichen Verwerfungen anrichtet, macht die Essenz des lange nachhallenden Abends aus.

Wie eine Apotheose zur Besetzung von Paris durch die Hitler-Wehrmacht

Wie konnte man bei der Premiere im November 2019 in Berlin die doppelt brisante Aktualität des Camus-Romans ahnen: die in Deutschland Ende März 2020 ausbrechende, noch heute nicht vollends bewältigte Corona-Pandemie und zugleich die unfassbare Aktualität des Krieges durch den Überfall des russischen Despoten auf eine zunehmend westlich orientierte Ukraine?

Schon bei seinem Erscheinen las man diesen Roman wie eine Apotheose zur Besetzung von Paris durch die Hitler-Wehrmacht, gegen die sich eine entschlossene Résistance zur Wehr setzte. Albert Camus war einer der Ihren. Er bewies jene Haltung und Hoffnung, an die Ruhrfestspiel-Intendant Olaf Kröck appelliert.www.ruhrfestspiele.de

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