Konzert

Virtuosenglanz trifft auf Orchesterpracht

Die Neue Philharmonie beglückt ihr Publikum im Ruhrfestspielhaus mit einem fulminanten, unerhört spannenden Start in die Konzertsaison.
Ausgeprägte Gestaltungskraft: Violinvirtuose Kirill Troussov. © MarcoBorggreve

So fulminant ist die Neue Philharmonie Westfalen geraume Zeit nicht mehr in eine vielversprechende Konzertsaison gestartet. Es scheint, als bräche sich nach wiederholter Spielpause durch die Corona-Pandemie mit Generalmusikdirektor Rasmus Baumann leidenschaftlicher Ausdrucks- und Gestaltungswille unverhohlen Bahn.

Mit dem russisch-deutschen Violinsolisten Kirill Troussov traf betörender Virtuosenglanz auf entfesselte Orchesterpracht. Glücklich, wer das im gut besuchten, mit gebotener Vorsicht im Schachbrettmuster gefüllten Ruhrfestspielhaus erleben durfte.

Keine „dröge“ Lehrstunde

„Vorbilder“ lautete das Motto des ersten Sinfoniekonzertes. Das klingt ein wenig nach akademisch dröger Lehrstunde. Das erwartungsfrohe Publikum erlebte indes genau das Gegenteil. Nämlich einen unerhört spannenden, geradezu aufregenden Konzertabend. Wie immer streute der findige Orchesterchef Rasmus Baumann unter Höhepunkte der Konzertliteratur ein Fundstück ein, das kaum jemand je gehört hat.

Der ungarisch-österreichische Spätromantiker Karl Goldmark war in Wien im späten 19. Jahrhundert eine große Nummer. Bei ihm studierte Jean Sibelius Komposition. Johannes Brahms zählte im Alter zu seinen Freunden. Goldmarks mit dunklen Streicherfarben und einem Sehnsuchtsmotiv der Bläser anhebende, blechgepanzerte „Sakuntala“-Orchesterouvertüre – das war ein Auftakt nach Maß. Baumann dirigierte die chromatisch gesättigte Musik wunderbar dezent und klar in ihren Konturen. Schwelgend in den sanften Motiven und mit Gespür für dramatische Zuspitzungen.

Raffiniertes zweistimmiges Spiel

Damit war das Ohr bestens präpariert für Goldmarks großen Schüler, den Finnen Jean Sibelius. Gleich die erste Solokadenz lässt aufhorchen in seinem Violinkonzert, einem der hinreißendsten der gesamten Violinliteratur. Der erste, smarte Eindruck täuscht bei Kirill Troussov. Dieser Solist tritt keineswegs zum Show-Down an. Troussov imponiert durch Rasanz und stupende Gestaltung, durch packenden Zugriff und Gespür für die elegischen Züge seines rhapsodischen Soloparts. Sein raffiniert zweistimmiges Spiel auf der „Brodsky“-Stradivari im Adagio mit sattem Klang noch im feinsten Pianissimo und die entfesselte Bravour im ekstatischen danse macabre des Finalsatzes zeichnen einen Solisten von Rang aus. Das unterstrich die Zugabe: der subtil ausgehorchte erste Satz aus Bachs erster Violinsonate. Baumann ließ das Orchester jäh emporfahren. Im Finalsatz betonte er im besten Einvernehmen mit dem Solisten eher den tänzerischen als den diabolischen Gestus.

Atemlos rasche Tempi

Dass auf Brahms‘ bei allem Übermut straff dirigierte „Akademische Festouvertüre“ mit ihren vehementen Klangballungen noch ein weiterer Höhepunkt folgte, erwies sich als große Überraschung dieses Abends. Gelang es Baumann doch tatsächlich, Robert Schumanns oft gehörte beste Sinfonie, die Vierte, so spannend, in ihrer offenen Form so hinreißend zerklüftet wirken zu lassen, als höre man sie zum allerersten Mal. Wie in einem Drehschwindel intonieren die Violinen zu Beginn das mitreißende erste Thema in gegenläufigen Achtelfiguren. In diesem Satz ist das gesamte Motivmaterial so unbestimmt ausgebreitet, dass der Hörer nicht ahnt, wohin die Reise geht. Baumann wählt dafür atemlos rasche Tempi. Und damit unterstreicht er den sprunghaften Charakter dieses großartigen Werkes. Zärtlich kostet Konzertmeister Mischa Nodelmann in der Romanze die Sechzehntentriolen seiner Arabeske aus. Wild entschlossen zeigt sich das Orchester im Scherzo-Furor mit eingestreuten eleganten Romanzen-Variationen. Und das tänzerisch akzentuierte Finale entlädt sich spannungsgeladen im triumphalen Ausbruch eines fantastischen Orchesters.

Wiederholung am 17. September

Wiederholt wird das Konzert am Freitag, 17. September, um 19.30 Uhr im Ruhrfestspielhaus. Karten im RZ-Ticket-Center, Breite Str. 4, Tel. 02361 / 18 05 27 30.