Ruhrfestspiele

Wenn das „Katzeklo“ zum Jazz-Klassiker wird

Helge Schneiders Auftritt im Rahmen der Ruhrfestspiele im Stadion Hohenhorst hat vor allem Gewicht in Sachen Musik – und begeistert.
Helge Schneider bei den Ruhrfestspielen im Stadion Hohenhorst in Recklinghausen. © Marlon Gerlach

Im letzten Jahr hatte es Helge Schneider noch kategorisch abgelehnt, vor maskiertem Publikum aufzutreten. Jetzt ist der Jazzmusiker, Bühnenimprovisator und schräge Ruhrgebietsentertainer nun doch auf die Bühne gekommen. Zum Tourneeauftakt bei den Ruhrfestspielen im Stadion Hohenhorst machte der gebürtige Mülheimer damit ernst, sein Publikum zum Lachen zu bringen.

Exquisiter Jazz und guter Blues

Mit noch mehr Leidenschaft spielte zudem seine Trio-Band einen wirklich exquisiten Jazz und guten Blues. Helge Schneiders Mischung aus (nur scheinbar) sinnfreiem Spaß und exquisitem Musik-Komödiantentum ist unvergleichlich und kaum beschreibbar. Man muss es selbst erlebt haben.

Das Publikum auf Anhieb gewonnen

Auch in Recklinghausen hat Schneider sein Publikum auf Anhieb mit seiner Kunst, auf der Bühne zu improvisieren, gewonnen. Er geizt aber nicht mit Anspielungen auf die merkwürdigen „Arbeitsbedingungen“ zu dieser Zeit. Für so gefährlich hielte er zum Beispiel sein Publikum nicht, als dass hier ein Metallgitterzaun vonnöten wäre. Auch habe er auf den breiten Laufbahnen, die zwischen Bühne und Zuschauerrängen eine eigentlich viel zu große Distanz erzeugen, noch am Nachmittag fleißig trainiert.

Vom Papst, der Teekoch werden wollte

Aber dann spielt die Band erstmal den Blues. Und der erzählt die Geschichte vom Papst, der eigentlich doch lieber einen anderen Beruf gewählt hätte. Zum Beispiel Teekoch. Ein solcher ist – Fans wissen das – üblicherweise bei jedem Schneider-Auftritt dabei und reicht auch an diesem warmen Sommerabend dem illustren Bandleader die Tasse. Ob der Papst gerade auf dessen Teufelskostüm in rotem Lack neidisch ist?

Bestechendes musikalisches Niveau

Als Ruhrpöttler mit ganzer Seele sagt Helge Schneider die Dinge ehrlich heraus: Die meisten, ja eigentlich alle anderen Auftritte wären besser als dieser hier – eben aufgrund der gerade herrschenden Rahmenbedingungen. Was also bleibt, ist, sich mit Haut und Haaren in die Musik zu flüchten. Das bestechende musikalische Niveau der Jazz- und Blues-Arrangements hält dabei auf jeden Fall jedem Flachsinn locker stand.

Helges größer Hit „Katzeklo“ trägt zum Beispiel einen leichtfüßigen Swing vor sich her, bevor es sich in den Fünfvierteltakt von Dave Brubecks Klassiker „Take Five“ hineinstürzt. Das Titelstück der neuen Platte „Mama“ offenbart zudem liebevollen Nonsens aus heutigen Tagen. Und der Gitarrist gibt in bestens geöltem Gipsy Swing wirklich alles.

Ein Berufsspaßmacher mit kritischem Geist

Eine hintergründige Momentaufnahme liefert dann der Song „Mann ohne Gesicht“ – in Zeiten, wo Gesichter im öffentlichen Raum oft verborgen sind. Denn hinter der sprühenden Musikalität und dem schrillen Klamauk-Feuerwerk verbirgt sich viel Nachdenklichkeit: Wer hat an diesem Abend mehr verpasst? Jemand, der hier im Stadion hinterm Metallgitterzaun sitzt? Oder wer sich zuhause bei Will, Lanz und Co. die Welt erklären lässt? Das Nachdenken über solche Fragen überlässt Helge Schneider seinem Publikum. Vor allem zeigt sich hier einmal mehr, dass hinter dem wohl talentiertesten Berufsspaßmacher viel kritischer Geist und eine sehr empfindsame Künstler-Seele stehen. Also ist es wohl kein Zufall, dass jenes lange, intensive Saxofon-Solo, welches der erfahrene Multiinstrumentalist schließlich als finale Zugabe hinlegt, auch so manchen klagenden Unterton hat.

Der Abend in Recklinghausen

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