Interview

„Wir zehren noch von der Aufbruchstimmung“

Dr. Jochen Grütters, Standortleiter Emscher-Lippe der IHK Nord Westfalen, bewertet die langfristigen Perspektiven der Wirtschaft in der Region trotz Corona positiv.
Ein Teil des „Flächen-Vierecks Emscher-Lippe“: Das Industrie- und Gewerbegebiet gate.ruhr in Marl. © Thomas Stachelhaus

Die Corona-Krise sorgt in manchen Branchen der regionalen Wirtschaft für Einbrüche, von denen sich die Betriebe so schnell nicht erholen werden. Gastronomie, Handel und die Veranstaltungsbranche sind hier besonders betroffen. Doch die langfristigen Perspektiven der Wirtschaft in der Emscher-Lippe-Region stimmen nach wie vor, sagt Dr. Jochen Grütters (56), Leiter des Standortes Emscher-Lippe der Industrie- und Handelskammer Nord Westfalen (IHK). Im Interview mit dieser Zeitung fordert er jedoch eine engere Verzahnung zwischen den Kommunen des nördlichen Ruhrgebiets.

Vor Corona war im Vest eine deutliche Aufbruchstimmung zu spüren. Die Arbeitslosenzahlen waren auf dem Tiefpunkt, Großinvestitionen der Industrie bestimmten die Schlagzeilen. Was ist davon geblieben?

Wir zehren noch von dieser Aufbruchstimmung. Die Chancen und Potenziale sind weiterhin vorhanden. Es gibt eine Reihe von Projekten, die diese Region für ansiedlungswillige Unternehmen richtig interessant machen.

Welche kommen Ihnen da in den Sinn?

Als Beispiel möchte ich die Wasserstoff-Pipeline nennen, die von Lingen bis nach Marl und Gelsenkirchen führen und nicht nur die Chemiestandorte, sondern auch mittelständische Firmen mit grünem Wasserstoff versorgen wird. Die von Ihnen angesprochenen hohen dreistelligen Millionen-Investitionen von Evonik und Ineos Phenol im Chemiepark Marl oder das zwei Milliarden Euro umfassende Modernisierungsprogramm von BP am Raffinerie-Standort Scholven beruhen auf Unternehmensentscheidungen, die weit in die Zukunft gerichtet sind und durch Corona keine Beeinträchtigung erfahren haben.

Wasserstoff ist ein gutes Stichwort. Wo sehen Sie das nördliche Ruhrgebiet hier im Wettbewerb der Regionen?

Die Emscher-Lippe-Region hat bei diesem Thema Begabungen und Kompetenzen, die andere Regionen so nicht haben. Die Wasserstoff-Pipeline habe ich bereits angesprochen. In einer „Road Map für die Wasserstoffregion Emscher-Lippe“, die in den nächsten Wochen veröffentlicht wird, werden in der Summe fast 40 Projekte aufgelistet, die geplant oder bereits in der Umsetzung sind. Diese Zahl macht deutlich, dass wir uns nicht verstecken müssen. Hilfreich kann dabei das 5-Standorte-Programm sein: Um den vom Ausstieg aus der Kohleverstromung betroffenen Kommunen neue Perspektiven zu eröffnen, will die Bundesregierung fünf Standorte von Steinkohlekraftwerken, darunter Gelsenkirchen, bis 2038 mit maximal 662 Millionen Euro unterstützen. Davon können auch die angrenzenden Kommunen in der Emscher-Lippe-Region profitieren.

Wir reden beim Wasserstoff aber nicht nur über eine stoffliche Verwendung wie zum Beispiel in der Chemieindustrie, sondern auch über eine energetische Nutzung. Hier benötigen wir ein Experimentierfeld, in dem auch mittelständische Unternehmen Prozessumstellungen erproben können. Die Erfahrungen sollten dann auch anderen Betrieben zugutekommen.

Immerhin kann die Region mit Flächenangeboten punkten…

Das „Flächen-Viereck Emscher-Lippe“ könnte in der Tat zu einer Marke dieser Region werden: gate.ruhr in Marl, newPark in Datteln, Freiheit Emscher in Bottrop/Essen und die Kraftwerksfläche in Scholven bilden dieses Viereck. Dahinter stehen Potenziale auf unterschiedlichen Zeitachsen. Sie werden sich wundern, wie schnell diese Flächen vermarktet sein werden, wenn sie baureif sind. Es muss uns deshalb gelingen, weitere Brachflächen zu wettbewerbsfähigen Preisen nutzbar zu machen. Darin sehe ich eine Aufgabe der öffentlichen Hand im gesamtgesellschaftlichen Interesse. Denn zwischen Wohlstand und Wirtschaft gibt es einen untrennbaren Zusammenhang. Grundsätzlich gilt: Es gibt zu wenig verfügbare Flächen – und leider viele Unternehmen, die nicht Jahre warten können.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für Arbeitsplätze und Wirtschaftswachstum im nördlichen Ruhrgebiet?

Die Westfälische Hochschule verfügt über ein Institut für Internetsicherheit, es hat Ausgründungen aus der Hochschule gegeben und auch die Neuansiedlung von Unternehmen, die sich mit IT-Sicherheit und künstlicher Intelligenz befassen. Dieses Cluster muss stabilisiert und ausgebaut werden, dann sind hier auch bald zusätzliche positive Arbeitsplatzeffekte und wirtschaftliche Impulse zu erwarten. Vorteilhaft wäre es, wenn wir auch den Fachkräftebedarf für diese Branche aus der Region bedienen könnten. Und da kommt die Projektidee eines Bildungs- und Innovationscampus ins Spiel, die von der Gelsenkirchener Oberbürgermeisterin Karin Welge initiiert worden ist.

Was verbirgt sich hinter diesem Begriff?

Es geht darum, Menschen aus der Region für die Ausbildung sowie durch Fort- und Weiterbildung fit zu machen, auch für zukunftsfähige Arbeitsplätze und Technologien – zum Beispiel auf den Feldern der Digitalisierung oder auch beim Thema Wasserstoff. Über das 5-Standorte-Programm könnte solch ein Campus in Gelsenkirchen, etwa am Standort Scholven, baulich und inhaltlich realisiert werden.

In einer Resolution fordern die IHK-Regionalausschüsse der Emscher-Lippe-Region die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung auf, die Chancen für die Region „gemeinsam“ zu nutzen. Das hört sich nach Kritik an.

Die regionale Wirtschaft bringt damit lediglich ihre Erwartungshaltung zum Ausdruck. Ist die Emscher-Lippe-Region mehr als eine geografische Teilregion des Regierungsbezirks Münster oder des Ruhrgebiets? Um diese Frage geht es doch. Wenn man sieht, wie die Städte Dortmund, Bochum, Duisburg und Essen sich positionieren, sollte man sich die Frage stellen, ob die Emscher-Lippe-Region nicht ebenfalls schlagkräftiger werden muss.

Kooperationen hat es zwischen den Kommunen im nördlichen Ruhrgebiet aber doch schon immer gegeben…

In der Vergangenheit haben der Kreis Recklinghausen und die Städte Bottrop und Gelsenkirchen durchaus gezeigt, dass sie die Herausforderungen in der Region gemeinsam angehen wollen. Ein Beispiel dafür ist das Projekt Umbau 21. Aber es geht jetzt nicht mehr nur um eine Vernetzung, erforderlich ist vielmehr eine enge Verzahnung. Dafür bieten sich die Zukunftsprojekte regelrecht an. Die Aufbruchstimmung, um auf Ihre Eingangsfrage zurückzukommen, würde dadurch in der Emscher-Lippe-Region noch mehr Schub bekommen.