Ruhrfestspiele

Wo Grauen und Humor nah beieinander liegen

„Komik kennt keine Gnade“: Der Autor und Schauspieler Joachim Meyerhoff bei den Ruhrfestspielen im Stadion Hohenhorst im Gespräch mit Dennis Scheck. Ein großes Vergnügen.
Autor und Schauspieler Joachim Meyerhoff bei den Ruhrfestspielen im Stadion Hohenhorst. © Mareike Graepel / Ruhrfestspiele

Was haben Paul Celans „Todesfuge“, ein Rasen mähender Todeszelleninsasse, schlechtgemachte Pizza-Tätowierungen (mit drei Scheiben Salami) und ein Witz eines einst Vierjährigen über zwei im Grab plaudernde Skelette gemeinsam? Nichts. Aber: Wenn Joachim Meyerhoff im Stadion Hohenhorst mit Denis Scheck bei den Ruhrfestspielen über all diese Themen spricht, dann gehören sie zusammen dorthin.

Er liest aus „Hamster im hinteren Stromgebiet“

Das Kompliment zu einem seiner Auftritte – er gebe jedem Gast das Gefühl, der besondere und einzige Gast zu sein – dreht der Schauspieler und Autor gleich ein wenig weiter: „Wenn ich lese, dann denke ich ja, dieses Buch ist nur für mich geschrieben. Das hatte ich auch bei den Platten von The Police – diese Lieder, die waren doch nur für mich.“ Meyerhoff erreicht mit seinen autofiktionalen Romanen diesen Effekt, den „Moment des Unmittelbaren“ wie er ihn nennt, mühelos – aus dem aktuellen, „Hamster im hinteren Stromgebiet“, wird er lesen. Und er erreicht das auch, wenn er in Recklinghausen ins Plaudern gerät, und von seinem Sohn und dessen Skelett-Witzen erzählt. Und schonungslos von Auftritten zu Zeiten seiner Schauspiel-Ausbildung berichtet, als er in Dortmund im Harenberg Center mal eine legendäre Zeile vermasselte – in „Die Todesfuge“ geht es um die „schwarze Milch der Frühe“, nicht die schwarze Milch der „Kühe“.

Der Mann erzählt noch lieber als dass er vorliest

Es ist schnell spürbar, der Mann erzählt noch lieber als dass er vorliest – und Meyerhoff gibt auch zu, warum: „Da bleibt alles ein bisschen wolkiger.“ Er erzählt, wie er eine Figur aus einer seiner Geschichten für Auftritte fiktional erhalten hat, obwohl er mit dem Mann, einem US-Todeszelleninsassen gar keinen Kontakt mehr hatte – für den Effekt hat er einen deutschen Statisten gebucht. „Wenn der aufstand, gab es Applaus! Für einen Mörder!“ Lustig: Als das aufflog, flog es auch noch verdreht auf, und der Statist hatte in seinem anderen Job als Gartenarbeiter einen „Mörderruf“.

Dann kämpft die Abendsonne sich durch die Wolken

Es ist erst bisschen wolkiger, tatsächlich, über dem Stadion. Aber als Joachim Meyerhoff dann doch in das Buch einsteigt und liest, wie er sich an den Moment seines Schlaganfalls erinnert, da kämpft die Abendsonne sich durch die Wolken und taucht die grüne Böschung hinter der Bühne in ein goldenes Licht. Vor dieser Kulisse ist es ein Gänsehaut-Moment, wenn er beschreibt, wie eine Körperhälfte wie ausradiert wirkte, Räume wie zerfallen und Gesichter völlig verzerrt waren. Und wie Textzeilen von Juliane Werding ihm helfen sollten, sein Hirn anzuspitzen, um so viel zu retten wie möglich, denn bei einem Schlaganfall gilt: „Zeit ist Hirn“. Die panische Szene hat aber auch extrem lustige Momente – zum Beispiel als ihm das Pizza-Tattoo des Sanitäters auffällt.

„Ich will nie schadenfroh sein, in meinen Büchern“

Wie denn das Realität-Fiktion-Verhältnis sei, will Denis Scheck von ihm wissen. „Das ist sehr hoch, leider“, sagt Joachim Meyerhoff und sagt aber auch, dass seine Familie die Bücher lesen und eingreifen darf, wenn etwas nicht gut ankommt. Und kann Grauen und Humor so beieinander liegen? „Ja“, findet Meyerhoff. „Ich mag Comedy oft überhaupt nicht. Aber Komik kennt keine Gnade. Ich will nie schadenfroh sein, in meinen Büchern.“ Er hält kurz inne: „Außer es geht um mich.“

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