Brandbrief abgeschickt

Corona: Marler Arzt kritisiert „willkürliche Vorgaben“ der Politik

In einem sarkastischen Brandbrief an die Gesundheitsminister von Bund und Land und die Ärztevertreter geißelte Hausarzt Dr. Rüdiger Podlaha aus Marl das Versagen der Politik in der Pandemie.
Ein junger Mann erhält im Impfzentrum seine Booster-Impfung mit dem Wirkstoff Biontech. Der wird allerdings knapp. © dpa

Der Marler Internist ärgert sich darüber, dass die Politiker nach eigenen Versäumnissen und Kommunikationsfehlern nun die Ärzte mit unsinnigen Vorschriften überzögen: „Alle dreifach geimpften Ärzte und Angestellten in deutschen Praxen mussten täglich einen Schnelltest abliefern. Der musste vom Gesundheitsamt kontrolliert werden“, berichtet Rüdiger Podlaha.

In den Augen der Politik würden Ärzte offensichtlich ein größeres Risiko für die Bevölkerung darstellen als protestierende Querdenker, betrunkene Karnevalisten und volle Fußballstadien, kommentiert der Marler sarkastisch. Nach dem Protest vieler Ärzte sei diese „Drangsalierung“ wieder ausgesetzt worden.

Minister und Politiker hätten sich lange nur im Wahlkampfmodus befunden. Rüdiger Podlaha hielt Ihnen in seinem Brandbrief ihre Fehler vor. Sie hätten

  • keine Pandemiekommission eingerichtet,
  • eine einheitliche Teststrategie verschleppt,
  • den Lockdown mit Blick auf Stammwähler bewusst erst nach den Karnevalsfeiern 2020 eingeführt,
  • Impfstoffe zu spät und zu spärlich bestellt,
  • die pandemische Lage mitten im Anstieg der vierten Welle für beendet erklärt,
  • die Impfpflicht für medizinische Berufe und Pflegeberufe verschleppt
  • und die Auslieferung von BioNTech-Impfstoff gedeckelt.

Podlaha wirft der Politik vor, dass sie nicht auf die vierte Welle vorbereitet war und die Bevölkerungsgruppen nicht hinreichend informiert habe. Geimpft werde nach willkürlich wechselnden Vorgaben. Anfangs habe es viel zu wenig Impfstoff gegeben, nun sei die Wirksamkeit des Impfstoffs von Moderna „schlecht kommuniziert“ worden. Auch die Vorsitzende des Ärztenetzes für Marl, Dr. Maya Ong, hatte dies kritisiert.

„Ich habe samstags Infektionssprechstunden eingerichtet und auch im Impfzentrum Dienst gemacht“, sagte Rüdiger Podlaha im Gespräch mit unserer Redaktion. Doch die Auseinandersetzung mit Patienten über die Sprunghaftigkeit der Politiker nehme zu viel Zeit in Anspruch. Den Marler Arzt nervt der Zeitverlust durch „Diskussionen, in denen wir Informationen vermitteln, die eigentlich von Regierungsseite verbreitet werden müssten.“

Deshalb kündigte er in seinem Brief an, nur noch seine eigenen Patienten und nicht mehr in Zentren zu impfen. Seine Patienten erhalten den Impftermin von der Praxis telefonisch oder persönlich.

Den Brandbrief hatte Rüdiger Podlaha Ende November losgeschickt – bevor die Ministerpräsidentenkonferenz sich auf schärfere Kontaktbeschränkungen und einen Lockdown für Ungeimpfte im Handel geeinigt hatte. Die aktuellen Entscheidungen sind nach Podlahas Meinung überfällig: „Das hätte man schon vor Wochen beschließen müssen.“

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