Ärger über Filialschließung

100-Jährige klagt: „Die Sparkasse raubt mir meine Selbstständigkeit“

Sie ist 100 Jahre alt. Wenn ihre Beine so fit wären, wie ihr Verstand, würde Clementine Wille es lockerer sehen, dass die Sparkasse an der Dortmunder Straße seit April geschlossen ist.
Die 100-jährige Clementine Wille und Karl-Heinz Lutterbeck fordern, dass die Sparkasse Vest ihre Filiale an der Dortmunder Straße zügig wieder öffnet. © Silvia Seimetz

Clementine Wille ist eine von vielen langjährigen Kunden der Sparkasse Vest, die sich von ihrer Bank im Stich gelassen fühlen. Seit dem 19. April ist die Filiale an der Dortmunder Straße geschlossen, laut Aushang im Fenster nur „vorübergehend“. Doch daraus wurden nun fast vier Monate – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Das hatte Sparkassen-Sprecher Stefan Fokken bereits kürzlich auf unsere Anfrage erklärt. Die Schließung sei aufgrund personeller Unterbesetzung durch Krankheit notwendig geworden. Die beiden verbliebenen Mitarbeiter wurden an die Castroper Straße verlegt. Nach Angaben von Fokken sei dort die erhöhte Zahl von Ansprechpartnern in Kombination mit der dauerhaften Anwesenheit eines Wachmanns bei der Kundschaft gut angekommen. „Die Zusammenlegung hat sich bewährt“, so der Sprecher. Eine konkrete Aussage, ob die Filiale an der Dortmunder Straße überhaupt wieder eröffnet, gab es nicht.

Als Clementine Wille, die allein in einer kleinen Wohnung lebt, das in der Zeitung las, ärgerte sie sich maßlos. „Die Sparkasse Vest raubt mir meine Selbstständigkeit“, sagt die 100-Jährige. Mit Karl-Heinz Lutterbeck, dessen verstorbene Mutter einst „Tinis“ beste Freundin war, will sie notfalls eine richtige Protestaktion gegen die dauerhafte Schließung starten.

Ältere Kunden bleiben auf der Strecke

„Ich bin auch schon bald 70, aber zum Glück noch mobil“, erklärt Lutterbeck. „Doch ich kenne viele alte Menschen hier in Ost, die den Weg zur Castroper Straße nicht schaffen. Die rufen mich an und sagen: Karl, mach was!“ Seine Nachbarn vom Lohweg etwa, die kein Auto mehr haben, wären mit dem Bus zur Filiale an die Dortmunder Straße gefahren. „Jetzt müssen sie in der Stadt umsteigen, um zur Castroper Straße zu kommen. Die Sparkasse kann mir nicht weismachen, dass das bei der Kundschaft gut ankommt.“

Zumal die persönliche Bindung der Bürger in Ost zu „ihren“ Filialmitarbeitern wunderbar gewesen sei. „Die Berater kennen jeden, der reinkommt und wissen, was er braucht“, sagt Lutterbeck: „Die sind töfte.“ Clementine Wille nickt: „Mein Berater hat mir mein Geld sogar in einen Umschlag gepackt und es sicher verstaut.“ Jetzt steht nur noch ein Geldautomat zur Verfügung, mit dem sie, wenn er überhaupt funktioniere, nicht zurechtkomme. Aber da sie zu ihrer kleinen Rente auch regelmäßig Geld vom Sparbuch zubuttern müsse, sei der Besuch in der Filiale ohnehin unverzichtbar. „Die Castroper Straße ist für mich mit meinem Rollator unerreichbar. Mein Stiefenkel ist schon 62 und wohnt in Münster. Den rufe ich doch nicht, damit er mich zur Bank fährt.“

Mit diesem Aushang informiert die Sparkasse ihre Kunden über die angeblich vorübergehende Schließung der Filale. © Silvia Seimetz © Silvia Seimetz

Auch im hohen Alter möglichst selbstständig zu bleiben, ist für die 100-Jährige ein Muss: „Ich habe keine eigenen Kinder.“ Nur so viel Hilfe wie nötig – das ist ihr Motto. Erst mit 78 Jahren gab sie ihre Firma auf, die sie nach dem Tode ihres Mannes allein weitergeführt hatte. Sie belieferte damals Lokale und Unternehmen mit Hygieneautomaten für Papierhandtücher und Seife. „Das war auch körperlich anstrengend“, blickt sie zurück. „Dass mein Rücken heute wehtut, liegt nur daran.“

Mit 92 Jahren meldete sie ihr Auto ab: „Ich wollte nicht zur Gefahr für andere werden.“ Dass sie damit auch nicht mehr zum Training in die Süder „Muckibude“ kam, bedauert Clementine Wille sehr.

„Aber man muss sich eben mit seinem Alter arrangieren“, erklärt sie. Doch dass die Sparkasse sie durch die Schließung der Filiale quasi zwinge, ihre Hoheit über die Finanzen aufzugeben, bringe sie zur Verzweiflung: „Ich will meine Geldkarte mit PIN und mein Sparbuch nicht jemand Fremdes anvertrauen, damit er für mich Geld abholt. Das ist mir zu gefährlich.“

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