Ruhrbesetzung 1923-1925

Als die Recklinghäuser Zeitung drei Tage lang verboten war

Die Besetzung Recklinghausens durch französische Truppen von 1923 bis 1925 verlief nicht so friedlich, wie es erste Untersuchungen glauben ließen. Es gab Repressalien und Gewalt.
Gewaltsames Ende einer Theateraufführung: Diese Karikatur erschien nach dem Vorfall vom 7. Februar 1923 in der Satirezeitschrift "Simplicissimus". © Stadtarchiv Recklinghausen

In die Arbeit des französischen Historikers Benjamin Volff ist Bewegung gekommen. Er forscht derzeit wie berichtet über die Besatzungszeit in Recklinghausen. Von 1923 bis 1925 besetzten französische Truppen neben der Festspielstadt das gesamte Ruhrgebiet, um deutsche Kohlelieferungen zu erzwingen. Die Franzosen beriefen sich dabei auf den Versailler Vertrag, der Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg (1914-1918) und enorme Reparationszahlungen festschrieb. Die Deutschen reagierten nicht nur mit passivem Widerstand. In Recklinghausen sprengten Bergleute den Rhein-Herne-Kanal in die Luft, um den Transport der Kohle auf Schiffen zu sabotieren. Das gelang, wie der Geschichtskreis König Ludwig schilderte.

Nach Sichtung von Akten im Stadtarchiv war Benjamin Volff zunächst davon ausgegangen, dass die Besatzungszeit in Recklinghausen vergleichsweise friedlich verlaufen ist. Mittlerweile hat er weitere Quellen aus dem Stadtarchiv hinzugezogen. Volff schreibt: „Mindestens 256 Ausweisungen, rund 250 Verhaftungen, französische Misshandlungen, Raube, Vergewaltigungen und vier Todesfälle verdeutlichen die schwierigen Verhältnisse zwischen den Besatzern und den sich verteidigenden Einwohnern.“

Auf die Sprengung des Kanals am 8. April 1923 reagierten die Besatzer mit einem Zutrittsverbot für die Bevölkerung. So sollten weitere Sabotageakte verhindert werden. Der kommandierende General Degoutte unterzeichnete eine öffentlich gemachte „Warnung“, nach der es verboten war, auf den Brücken des Kanals stehen zu bleiben. Ebenfalls verboten: das Betreten der Treidelwege am Kanal und Bootsfahrten auf dem Wasser. Wer zuwiderhandelte, lief Gefahr, „von den Truppen beschossen zu werden“. Auch Geld- und Gefängnisstrafen drohten.

Auf den passiven Widerstand der Recklinghäuser, der sich auch in einem Warenboykott äußerte, reagierten die Franzosen schon kurz nach ihrem Einmarsch mit einer Ausgangssperre.

Franzosen verhängen Ausgangssperre

Diese Ausgangssperre unterliefen die Recklinghäuser im Februar 1923 – mit einer Theateraufführung. Auf der Bühne wurde König Lear gegeben. Französische Soldaten sprengten gegen 21 Uhr die Vorführung und trieben die Besucher auseinander. Die zeitgenössische Satirezeitschrift „Simplicissimus“ widmete diesem Vorfall eine Karikatur. Die Zeichnung zeigt französische Soldaten, die ein zumeist weibliches Publikum mit Reitpeitschen malträtieren. Darunter steht die Zeile: „Offiziere der 47. I.D. (Infanterie-Division) machen sich einen vergnügten Abend“.

Diese Postkarte zeigt die Herner Straße um 1923. Ein französischer Soldat schickte sie in die Heimat. Sein Wohnhaus hat er mit einem Kreuz markiert. © Stadtarchiv Recklinghausen © Stadtarchiv Recklinghausen

Auch die Recklinghäuser Zeitung bekam den Zorn der Besatzer zu spüren. Ihr Erscheinen wurde für drei Tage verboten. Ein Grund dafür war nicht zuletzt die Berichterstattung über das jähe Ende der Theateraufführung. Der Titel „Kulturtaten mit Reitpeitsche“ missfiel den Besatzern. Auch ein Artikel darüber, dass die neuen Herren keine Lebensmittel- und Personenzüge fahren ließen sowie ein Text mit der Schlagzeile „Der Abwehrkampf“ führten zum Drei-Tage-Verbot.

„In Geduld das neue Mißgeschick tragen“

Die RZ durfte am 7., 8. und 9. Februar also nicht erscheinen. Um dies ihren Lesern mitzuteilen, veröffentlichte sie die Verfügung des französischen Zivilbüros. Darunter standen folgende Zeilen an die Leserschaft: „Infolge dieser Anordnung kann die nächste Nummer unseres Blattes erst am Samstag, 10. Juli, erscheinen. Unsere Leserschaft muss bis dahin ihre liebe ‚Recklinghäuser‘ einmal entbehren. Aber sie ist ja in diesen Zeiten an Entbehrungen aller Art leider schon so gewöhnt, daß wir hoffen dürfen, sie wird mit uns in Geduld das neue Mißgeschick tragen.“

Abseits aller Auseinandersetzungen gab es aber auch friedliche Zeiten und Mußestunden. Benjamin Volff ist im Stadtarchiv auf die Postkarte eines französischen Soldaten gestoßen, der als Übersetzer Dienst schob. Seinen Eltern schrieb er von „einem guten Leben“ in der Fremde. Der junge Mann namens Lucien Renard war in einem Haus an der Herner Straße untergebracht, das auf der Postkarte abgebildet ist. Renard hat es mit einem Kreuz markiert.

Ein anderer Rekrut berichtet laut Volff, dass er eine „ruhige Kugel schieben“ könne. Und ein anderer, der in der katholischen Schule in Süd (vermutlich der heutigen Reitwinkelschule) untergebracht war, schrieb: „Die Einwohner sind ruhiger als in Buer, viele begrüßen uns und andere unterhalten sich mit uns.“ Ein Mitglied der Militärpolizei wiederum berichtete von einer diffusen „Aufwallung in der Bevölkerung“. Benajmin Volff zieht daraus den Schluss: „Die Wahrnehmungen in dieser Zwischenkriegszeit waren in Recklinghausen mannigfaltig und zwiespältig.“

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