Neuer Beiratsvorsitzender

Altwerden ist nichts für Feiglinge: Jörg Fleck will mitmischen

Rund 100 Tage ist Jörg Fleck (65) als Vorsitzender des Seniorenbeirats im Amt. Voller Tatendrang macht sich der Rechtsanwalt schlau, knüpft Kontakte und hat jede Menge Pläne.
Im Interview spricht Jörg Fleck über seine ersten 100 Tage als Vorsitzender des Seniorenbeirates. © Meike Holz

Altwerden ist nichts für Feiglinge, lautet ein launiges Sprichwort. Wie haben Sie denn den Einstieg ins Rentenalter empfunden?

Die Umstellung war gewaltig. Als Vorstandsvorsitzender einer Versicherungsgruppe, die ich fast 20 Jahre zum Marktführer in Deutschland aufbauen durfte, stand ich ständig unter Strom. Ich war zehn Stunden am Tag tätig und im gesamten Bundesgebiet unterwegs. Und plötzlich saß ich zuhause, von heute auf morgen, als Rentner. Da bin ich in ein Loch gefallen. Damit konnte ich mich nicht abfinden. Ich möchte doch noch etwas bewegen und mitmischen. In solch einer Phase versucht man natürlich, eine Beschäftigung zu finden. Ich wollte mich im Ruhestand nicht langweilen. Also beschloss ich, mich ehrenamtlich zu engagieren.

Und warum beim Seniorenbeirat?

Das war purer Zufall. Ich las in Ihrer Zeitung von der anstehenden Beiratswahl. Und diese Arbeit hat mich gereizt. Vorsitzender wollte ich da noch gar nicht werden. Aber nachdem alle anderen weggeguckt hatten…Wie ist Ihr erster Eindruck vom Seniorenbeirat? Wir haben eine tolle Truppe, darunter auch viele neue Mitglieder, und sind mit engagierten Leuten in den vier Arbeitskreisen „Kultur“, „Stadtentwicklung, Umwelt, Verkehr“, „Medien“ und „Soziales“ gut aufgestellt. Damit kann der Seniorenbeirat jetzt starten.

Das heißt?

Für uns ist entscheidend, dass wir uns für die rund 32.000 Menschen einsetzen, die in Recklinghausen im Seniorenalter sind, und ihnen ein schöneres Leben bereiten. Außerdem möchte ich im Team arbeiten mit meinen Stellvertretern Norbert Jandt und Eva-Maria Werth. Ich verstehe mich nicht als Vorsitzender. Wir sind gleichberechtigt. Aber zunächst müssen wir die Rahmenbedingungen verbessern.

Und zwar?

Das fängt bei unserem Budget an. Was sind schon 3800 Euro im Jahr? Wir haben erst einmal 15.000 Euro beantragt. Denn wir haben viele neue Ideen und Vorschläge, die Geld kosten. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten. Außerdem werden uns Sitzungsräume zur Verfügung gestellt. Das ist längst überfällig. Was haben Sie während Ihrer ersten 100 Tage als Beiratsvorsitzender erledigt?Wir haben den Kontakt zur Verwaltung gesucht, um die Zusammenarbeit zu verbessern, und ich war überrascht, mit welch offenen Armen wir empfangen wurden. Dann haben wir, und das war ebenfalls wichtig, mit den politischen Fraktionen gesprochen. Wenn wir etwas in Recklinghausen durchsetzen wollen, müssen wir sie auf unsere Seite ziehen. Denn das sind die Entscheidungsträger, auf die es in den Ausschuss- und Ratssitzungen ankommt. Wir haben ja nur beratende Funktion und ein Vorschlagsrecht. Mehr nicht.

Ärgert es Sie sehr, dass Sie so wenig Einfluss haben?

Ja, natürlich, aber so sieht es das Recht nun einmal vor. Wir können nur Vorschläge an die Verwaltung und den Rat machen. Allerdings besteht die Chance, sachkundige Bürger in die Ausschüsse zu entsenden. Dann dürfen wir uns dort zu Wort melden und sogar abstimmen. Allerdings muss dafür die Hauptsatzung der Stadt geändert werden. Und genau das ist auf unseren Wunsch hin vor wenigen Tagen geschehen. In der nächsten Legislaturperiode mischen wir also mit.

Dann müssen Sie wenigstens nicht mehr bei den Politikern Klinken putzen!

Von wegen. Wir haben doch nur eine Stimme in den Ausschüssen, brauchen aber die Mehrheit. Es ist immer noch wichtig, Kontakte zu den handelnden Personen zu knüpfen. Anders funktioniert das nicht. Sonst können wir Vorschläge ohne Ende machen und haben keinen Erfolg. Effizienz erreichen wir nur dadurch, dass die politischen Parteien hinter unseren Ideen stehen. Und darum müssen wir dafür werben. Diese Gespräche finden jetzt mindestens zweimal im Jahr statt.

Ist Recklinghausen eine seniorenfreundliche Stadt?

Das ist schwer zu beantworten. Denn es gibt nicht DEN Senior oder DIE Seniorin. Wir müssen eine große Bandbreite abdecken. Folglich ist da eine Menge zu tun.

Womit wollen Sie beginnen?

Zum Beispiel mit abgesenkten Bordsteinen. Davon profitieren auch Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen. Hitzeprävention ist ebenfalls ein wichtiges Thema. Bei heißen Perioden mit Temperaturen von bis zu 40 Grad dürfen wir die Älteren, die einsam sind und keine Angehörigen haben, in ihren Wohnungen nicht sich selbst überlassen. Ein E-Bike-Training ist ebenfalls angedacht. Und natürlich sind Parkbänke immer wieder ein Thema. Außerdem müssen wir Senioren mehr für Kultur begeistern, ihnen Mut machen, das Angebot zu nutzen. Viele von ihnen wissen gar nicht, wie groß es in Recklinghausen ist.

Was ist Ihr Herzensprojekt?

Das Absenken von Bürgersteigen ist mir schon sehr wichtig. Denn ich hatte eine 92-jährige Mutter, die auf den Rollator angewiesen war und die Straße nur rauf- und runtergehen konnte, weil die Bordsteine zu hoch waren. Als fitter Mensch kann sich das keiner vorstellen, aber es ist eine große Einschränkung. Ich weiß, dass das natürlich auch eine Frage des Geldes ist, aber die Stadt kann das Projekt über Jahre hinweg in Angriff nehmen. Und selbstverständlich muss man das Thema bei Neubaugebieten und Straßensanierungen im Blick behalten.

Haben Sie Angst vor dem Altwerden?

Nein, ich lebe im Jetzt, schmiede Pläne und genieße das Leben.

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