Ehe-, Familien- und Lebensberatung

Auch alte Paare kämpfen um ihre lebenslange Liebe

Die Scheidungsquote steigt, aber immer mehr alte Paare versuchen auch, ihre Ehe zu retten. EFL-Leiterin Dr. Ute Kieslich hat darüber ihre Doktorarbeit geschrieben, und zwar mit 62 Jahren.
Eine harmonische Beziehung ist auch nach vielen gemeinsamen Jahren nicht selbstverständlich. Immer mehr ältere Paare wollen daran arbeiten und suchen deshalb professionellen Rat. © DPA (Archiv)

Auffallend viele Paare, die sich 2020 scheiden ließen, waren 26 Jahre und mehr verheiratet. In Zahlen bedeutet das: Rund 21.750 von 150.000 Ehen endeten nach der Silberhochzeit. Aber Frauen und Männer sind auch bereit, für ihre langjährige Liebe zu kämpfen. Bei der Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Recklinghausen und Datteln/Ostvest sind ein Drittel der Ratsuchenden „alte“ Paare.

Ute Kieslich, Leiterin der beiden Beratungsstellen, hat dazu dissertiert und mit 62 Jahren ihren Doktortitel erlangt. Die Idee, über langjährige Beziehungen und die Besonderheiten in der Paarberatung zu promovieren, kam durch ein Angebot der Universität Duisburg-Essen. „Die suchte einen Praktiker, der über das Thema forschen wollte“, berichtet die Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, „und ich dachte mir, das passt.“ Zumal Ute Kieslich auch als Mentorin im Master-Studiengang Ehe-, Familien- und Lebensberatung der katholischen Hochschule NRW tätig ist.

Ohne Daten keine Forschung, und die bekam die Doktorandin über Fragebögen, die sie über das EFL-Team an die Paare weitergeben ließ. „Darin ging es um die subjektive Wahrnehmung der Gesundheit, Depressionen, Lebenszufriedenheit und Zufriedenheit mit der Paarbeziehung vor und nach der Beratung“, erklärt sie.

Nach dem Familienstress kommen neue Probleme

Doch warum geraten Beziehungen noch in die Krise, wenn die Paare doch Herausforderungen wie Berufsstress, Kindererziehung und vieles mehr gemeinsam bewältigt haben? „Es gibt viele andere Probleme“, erklärt die Expertin, als da wären die nachlassende körperliche Kraft und Krankheiten, Stress mit den nun erwachsenen Kindern, Depressionen, Pflegeverantwortung, Trauer und Verlust. Und auch die oft langersehnte Rente bringt nicht unbedingt Entspannung. „Oft tritt erst dann die emotionale Entfremdung zu Tage“, so Ute Kieslich. Frauen, die seine Zurückgezogenheit lange als Erschöpfung von der Arbeit toleriert haben, akzeptieren nun nicht mehr, dass er sich und seine Gefühle hinter einer Mauer des Schweigens versteckt: „Das führt häufig zu Stress und Aggressionen.“

Dr. Ute Kieslich, Leiterin der Ehe-, Familien und Lebensberatung in Recklinghausen und Datteln/Ostvest, berichtet, wie Corona die Arbeit ihres Teams verändert, für viele Klienten aber auch durchaus bereichert hat. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Doch die „alten Paare“ von heute wollen sich mit der Situation nicht zufrieden geben, „gut versorgt“ zu sein reicht nicht als Basis. „Es ist nicht mehr verpönt, sich nach einer langjährigen Partnerschaft zu trennen und eine neue Beziehung einzugehen“, erklärt die Psychologin. Aber die Paare, die zur Ehe-, Familien- und Lebensberatung kommen, wollen an ihre alte Liebe und Vertrautheit anknüpfen: „Sie wünschen sich Stabilität und emotionale Sicherheit.“

Wer nicht miteinander redet, hat selten Körperkontakt. „In der Beratung sprechen das Thema aus Scham nur wenige an, aber in fast allen Fragebögen gaben die Frauen und Männer an, dass sie sich Gedanken über die Sexualität machen“, berichtet Ute Kieslich. Denn was in jungen Jahren einfach „funktioniert“, wird im Alter durch hormonelle Veränderungen und körperliche Einschränkungen im wahrsten Sinne des Wortes zum Akt. „Wenn Paare sich darauf einigen, dass es ihnen reicht, zu kuscheln, ist das okay“, betont Kieslich. „Aber Intimität ist ein elementarer Bestandteil einer Paarbeziehung.“

Lehrreich für sie als Beraterin war, dass die Paare in der Beratung angaben, dass ihre Zufriedenheit wieder zunahm. „Aber eine gewisse Zeit nach der Beratung hatte dieses positive Gefühl oft nachgelassen, die Paare hatten wieder mehr Stress.“ Für sie ein Zeichen, dass die Beziehung nicht stabil genug war: „Darum ist es sinnvoll, im Gespräch zu bleiben.“

Info: Dr. Ute Kieslich ist Dipl.-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin und Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatung in Recklinghausen und im Ostvest. Sie ist 62 Jahre alt, verheiratet, Mutter von zwei Kinder und vierfache Großmutter.

Die Ehe-, Familien- und Lebensberatung ist ein kostenloses Angebot des Bistums Münster. Die Beratungsstellen in Recklinghausen (Kemnastraße 7, Tel. 02361/59929) und Datteln/Ostvest (Hachhausener Straße 67, Tel. 02363/3875400) bilden ein Team und kooperieren eng mit den EFL-Stellen in Dorsten-Marl.

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