Stadtgeschichte bewahren

Auf dem Lohtorfriedhof greift endlich der Denkmalschutz

Er gilt seit Langem als Geschichtsbuch der Stadt. Und als solches soll der Lohtorfriedhof – oder das, was von ihm übrig ist – für die Zukunft erhalten bleiben.
Gastwirt Joseph Dämmer starb mit nur 44 Jahren. Seine trauernde Witwe Anna setzte ihrem geliebten Mann mit dieser Skulptur ein Denkmal, das nun auch offiziell unter Schutz steht. © Thomas Nowaczyk

Wer über den alten Lohtorfriedhof spaziert, kann sich heute kaum noch vorstellen, dass dort ab 1809 rund 20.000 Menschen beerdigt wurden. 1927 wurde der katholische Friedhof geschlossen. Bis in die 50er-Jahre durften Verstorbene noch in Familiengruften beigesetzt werden. Querwege, Gräber an Gräber – die klassischen Friedhofsmerkmale sind am Lohtor nicht mehr zu finden. „Und das ist auch der Grund, warum nicht der komplette Friedhof unter Denkmalschutz gestellt wird“, erläuterte die städtische Denkmalschützerin Luitgard Péron bei einer Führung für Mitglieder des Vereins für Orts- und Heimatkunde.

Aber beim Denkmalschutz gibt es mehr als „ganz oder gar nicht“. Die Gutachter der zuständigen Behörde beim Landschaftsverband haben festgestellt, dass einige der Grabmale und Grüften sehr wohl von historischem Wert sind.

Immer mehr Grabsteine verschwanden

Schon 1988 gab es einen ersten Vorstoß, den Friedhof unter Denkmalschutz zu stellen. Doch anders, als es später immer hieß, lehnten die Denkmalschützer den Antrag damals ab, so Péron. Der Friedhof verfiel weiter. Von den 232 Grabsteinen, die in den 80ern noch standen, sind heute nur noch knapp 100 übrig geblieben.

Laien mögen nicht verstehen, warum nicht alle Grabmale unter Denkmalschutz gestellt werden. „Aber es gibt Richtlinien“, erläuterte die Expertin. Sieben Grabanlagen attestierten die Denkmalschützer einen „architektonischen“ Wert. Ihre (bildhauerische) Gestaltung sei Zeugnis der damaligen Bestattungskultur. Dazu zählen etwa die beiden Kreuze am Friedhofseingang, die an Pfarrer Bernhard Theißen und Sattlermeister Anton Sternemann erinnern. Beide starben im Jahr 1893 im Abstand von nur zehn Tagen und bekamen ähnliche Grabmale: hohe Kreuze auf verziertem Sockel.

Die städtische Denkmalpflegerin Luitgard Péron hat Mitgliedern des Heimatvereins auf dem Lohtorfriedhof die Grabmale und -anlagen vorgestellt, die unter Denkmalschutz gestellt werden. Die Familiengruft Stahlherm zählt wegen ihrer besonderen Einfassung dazu. © Silvia Seimetz © Silvia Seimetz

Nicht zu übersehen ist das Grabmal von Joseph Dämmer. Allerdings ist es kein Engel, der von dem hohen Sockel seinen Blick gen Himmel richtet. „Es handelt sich um eine Symbolfigur der christlichen Hoffnung“, erläuterte Alfred Stemmler, Fachmann und Wächter des Lohtor-Friedhofs im Heimatverein. Dämmer, Gastwirt aus Süd (heute Hotel Bergedick) wurde nur 44 Jahre alt, hinterließ eine Frau und drei Kinder.

Einzigartige Zeugen der Erinnerung

Die Witwe Anna bezeugte ihre tiefe Trauer 1891 nicht nur vorne in der Inschrift am Grabmal, sondern auch mit einem Ablassspruch auf der Rückseite des stattlichen Denkmals: „Ruhe sanft, von deinen vielen Sorgen. Guter Gatte und Vater, empfange reichen Lohn. Dämmert einst der Auferstehungsmorgen, O dann seh’n wir dich an Gottesthron.“ Für die Gutachter aus Münster war es, so Péron, keine Frage, dieses eindrucksvolle Unikat unter Denkmalschutz zu stellen.

Die Einzigartigkeit sprach auch für die große Familiengruft Stahlherm. Zwar erinnern „nur“ weiße Marmorplatten an die vielen Verstorben, die dort ihre letzte Ruhe gefunden haben. Die bis heute von den Nachfahren gepflegte Gruft fällt allerdings durch ihre opulente Einfriedung auf.

Alte Fotos dokumentieren, dass auch die Gruft der Apotheker-Familie Strunk einst von einem schmiedeeisernen Zaun umgeben war. Dass der verschwunden und das Grab nicht mehr vollständig erhalten ist, sorgte erst für eine Ablehnung durch die Denkmalgutachter. „Aber im Nachgang wurde dieses Grab aufgenommen, da die Familie für die Stadt von großer Bedeutung war.“

Das Foto aus dem Stadtarchiv zeigt das noch komplett erhaltene Familiengrab des Apothekers August Strunk. Weil der Name und die Alte Apotheke für die Stadt von großer Bedeutung sind, wurde es unter Denkmalschutz gestellt,. © Stadtarchiv Recklinghausen © Stadtarchiv Recklinghausen

Für die unter Denkmalschutz stehenden Grabmale gilt nun, dass sie in ihrer Substanz erhalten und gepflegt werden müssen. Die Stadt ihrerseits übernimmt weitere Verantwortung und sichert den Bestandsschutz, indem sie die Ruhestätten von Ehrenbürgern, Stadtplakettenträgern und Personen, die mit einem Straßennamen gewürdigt wurden, zu Ehrengräbern ernannte.

In der Vergangenheit war nicht nur der Zustand der Grabsteine, sondern auch des gesamten Friedhofes Anlass für Klagen von Bürgern. Ein in der Recklinghäuser Zeitung erschienener Leserbrief und die daraus folgende Berichterstattung setzten 2018 die Stadt in Marsch, wie Stefan Frackowiak, Abteilungsleiter Stadtgrün bei der Stadt Recklinghausen, berichtete. Die Folge war die Instandsetzung einiger umsturzgefährdeter Grabsteine.

Wildbienen leben in den hohen Bäumen

„Außerdem wurde ein Konzept für die Grünpflege entwickelt“, so Frackowiak. Eine geschlossene Pflanzendecke aus Bodendeckern sorge nun dafür, die damals so kritisierten Brennnesseln fernzuhalten. Dabei sei darauf geachtet worden, dass etwa mit blühendem Geranum und Kamille auch Insekten Nahrung finden. „Wir sind sehr stolz, dass sich in den Bäumen bereits zwei Wildbienenvölker angesiedelt haben“, vermeldete der Fachmann erste Erfolge.

Durch die Verdopplung der Pflegeintervalle sei zudem garantiert, dass sich die Natur auf dem Lohtorfriedhof zwar ausbreiten, aber nicht mehr wuchern kann.

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