Job-Abbau bei Zulieferer

Corona: Hella-Werk in Recklinghausen kämpft sich durch die Krise

Die Pandemie trifft auch den größten Industriebetrieb der Stadt: das Hella-Werk in Recklinghausen-Süd. Zusätzlich müssen die 665 Mitarbeiter dort die großen Probleme der Auto-Branche meistern.
30.000 Quadratmeter Produktionsfläche: Im Hella-Werk 5 in Recklinghausen-Süd muss wieder Kurzarbeit gefahren werden. © Gutzeit (Archiv)

„Wirtschaftlich war das letzte Jahr eine Achterbahnfahrt“, sagt Hella-Unternehmenssprecher Dr. Markus Richter. „Von April bis Juli hatten wir darum in unserem Recklinghäuser Werk eine hohe Kurzarbeit von 70 bis 80, zeitweise 90 Prozent.“ Doch seit September 2020 lief die Produktion vieler Auto-Hersteller wieder besser – und damit auch die Produktion beim Zulieferer. „Aktuell liegen wir in Recklinghausen bei 10 bis 20 Prozent Kurzarbeit.“

Es hakt in der Lieferkette: Chips sind Mangelware

Jetzt hat die Kurzarbeit jedoch einen neuen Grund: Chipmangel. In der gesamten Branche fehlen Halbleiter, oder neudeutsch: Chips. Mehrere Hersteller drosseln deshalb ihre Produktion – und brauchen folglich weniger Gaspedale oder Lampen, die ihnen Hella liefert. „Auch uns selbst trifft der Halbleiter-Mangel“, sagt Richter. „Wir brauchen die Chips ja auch für unsere Produktion. Die Automobil-Produktion ist inzwischen so vernetzt, dass schon ein Zulieferer, der ausfällt, die gesamte Produktion beeinträchtigt. Im Konzern beschäftigen wir 200 Mitarbeiter nur damit, die Lieferketten am Laufen zu halten.“

Der plötzliche Chipmangel hat laut Richter mehrere Gründe, und die meisten haben mit Corona zu tun. Als 2020 die Pandemie begann und immer mehr Menschen im Homeoffice arbeiteten, richteten sich Chip-Hersteller darauf ein: Laptops erzielten Verkaufsrekorde, nicht Autos. Dann zog die Auto-Konjunktur wieder an, und plötzlich fehlten die elektronischen Helferlein. Dann reichten ein später Wintereinbruch in Texas, der Chip-Hersteller durch Stromausfälle lahmlegte, und die Blockade des Suez-Kanals, um den Halbleiter-Mangel bei Europas Autobauern eskalieren zu lassen.

Das Hella-WerK 5: Eines von 125

Im weltweiten Hella-Produktionsnetz mit 36.000 Mitarbeitern ist das Werk 5 in der Südstadt nur einer von 125 Standorten in 35 Ländern. Der Weltkonzern mit seinem Hauptsitz in Lippstadt gilt bei der Lichttechnik, der Radarsensorik und anderen Elektronik-Bauteilen für Autos als führend. Jahresumsatz 2019/20: 5,8 Milliarden Euro.

Doch langfristig hat das Werk 5 noch andere Probleme: „Es muss sich im Wettbewerb mit Hella-Werken in anderen Ländern behaupten“, sagt Richter. Gemeint sind in Länder wie Rumänien oder Litauen, wo das Lohn-Niveau deutlich niedriger ist. Auch deshalb gibt es am Standort Recklinghausen wieder ein Altersteilzeit-Programm, so Richter, das einen „sehr hohen Zuspruch“ bekomme. Es sei eine „goldene Brücke hinüber in den Ruhestand“. Die Beschäftigtenzahl, die hier seit Jahren kontinuierlich sinkt, werde so „weiter sozialverträglich angepasst“.

Schlecht für die Zahl der Arbeitsplätze heißt aber im Umkehrschluss mitunter: gut für die Produktionskosten und damit gut für den Erhalt des Standortes. Zurzeit werden im Süder Werk noch die Fußpedale für Autos, vor allem Gaspedale samt der Elektronik, die hinter dem Pedal hängt, produziert – außerdem Lichtelektronik, Leiterplatten und Steuergeräte, etwa Sensoren für den Lenkwinkel.

Hochtechnisierte Produktionsabläufe: Innenansicht der Hella-Werkshalle 5 in Recklinghausen-Süd. © Kowalski/Hella © Kowalski/Hella

„Die neueste Produktionslinie im Werk 5, die gerade eingerichtet wird, dient der Herstellung von Lenksteuerungsmodulen für die elektrische Servolenkung, was für das Werk ein ganz neues Produktfeld darstellt. Diese Steuerung ermöglicht eine Unterstützung der Lenkung mithilfe eines elektronisch gesteuerten Elektromotors. Das spart Energie ein“, sagt Richter. Und es sei ein Produkt, das auch für das automatisierte oder autonome Fahren bedeutsam sei. Solche Innovationen seien für die Zukunft des Standortes Recklinghausen wichtig: Die Produktion sei technisch anspruchsvoll und brauche weniger Personal als der Bau von Komponenten wie Gaspedale. Wie lange diese noch in Recklinghausen gefertigt werden, kann Richter zurzeit nicht sagen. Nur so viel: Es sei schwer, arbeitsintensive Produktion am Standort zu erhalten. „Der Autokäufer will ja am Ende nicht mehr zahlen, weil uns Arbeitsplätze in Deutschland wichtiger sind als in anderen Ländern.“

Zweimal wöchentlich: Corona-Tests im Hella-Werk 5 in Recklinghausen-Süd. © Kowalski/Hella © Kowalski/Hella

Durch die unmittelbaren Belastungen der Corona-Krise sei das Werk 5 mit Masken, Abstand und Lüften „dank der sehr disziplinierten Mitarbeiter“, so Richter, „gut durchgekommen“. Es gebe zurzeit keine Krankheitsausfälle. Auch in der seit drei Wochen im Werk aufgebauten Corona-Teststrecke, wo sich jeder Mitarbeiter zweimal pro Woche testen lassen kann, habe es „noch nicht einen positiven Fall gegeben“.

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