Offene Tür

Das Gasthaus: viel mehr als ein Zufluchtsort in dieser verrückten Zeit

Die Corona-Krise trifft Wohnungslose besonders hart. Während des Lockdowns gab es kaum Spenden in der leeren City. Schwer war es auch für Flaschen-Sammler. Ihr Zufluchtsort ist das Gasthaus.
Franziska Bücking engagiert sich seit Januar ehrenamtlich im Gasthaus. Sie kommt oft mit den Gästen wie mit Ruslan (l.) und Harry (r.) ins Gespräch. © Pressestelle des Bistums

Am Eingang geben sich die Gäste die Türklinke in die Hand, in der Küche herrscht Hochbetrieb. Der Salat und das Kartoffelpüree sind vorbereitet, der Leberkäse und die Spiegeleier werden gebraten. Um 12 Uhr ist Essenszeit im Gasthaus in Recklinghausen an der Heiligen-Geist-Straße. Susann, Harry und Ruslan sind drei der rund 50 Gäste. „Ab Mitte des Monats wird das Geld knapp. Das Angebot ist eine große Hilfe“, berichtet Ruslan. Der 21-Jährige kommt seit vier Jahren regelmäßig. Neben seinem Teller liegen zwei Bücher. Ein Krimi und eine Taschenbuchausgabe von „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nitsche. „Ich lese sehr viel. Mir macht das Spaß, und ich lerne dazu“, erklärt der junge Mann.

Gasthaus-Pfarrer Ludger Ernsting. © Pressestelle des Bistums © Pressestelle des Bistums

„Er weiß total viel“, wirft Susann ein. Auch sie kommt immer wieder zum Frühstück und zum Mittagessen. Durch die Corona-Krise sei es besonders eng in ihrem Portmonee geworden. „Ich habe vorher unter anderem in der Gastronomie und in einer Reinigung in Teilzeit gearbeitet. Die Jobs sind weggefallen“, berichtet Susann und fügt bedauernd hinzu: „Wir haben keine Möglichkeit mehr, wie normale Menschen zu leben.“ Das beginne schon beim Einkauf von Kleidung. Lange waren die Geschäfte geschlossen und online war eine Bestellung für sie nicht möglich. „Ich bin so froh, dass das Gasthaus während der ganzen Zeit geöffnet war“, lobt sie.

Versteckte Armut ist vor allem bei Frauen ein Thema

Susann, die Wert auf ihr Äußeres legt und froh ist, dass beispielsweise eine Friseurin ihre Dienste im Gasthaus anbietet, spricht von der versteckten Armut, die gerade bei Frauen ein Thema sei. „Ich weiß ein Lied davon zu singen“, bedauert sie. Auch für Harry ist die Tischgemeinschaft wichtig. „Ohne diese regelmäßigen Sozialkontakte würde ich gar nicht mehr rauskommen. Außerdem gibt es einen guten Zusammenhalt. Wir helfen uns gegenseitig“, merkt er an. Er sei glücklich, dass es diese Möglichkeit in der Recklinghäuser Innenstadt bestehe.

Das Team der Gastkirche und des Gasthauses weiß um die Themen seiner Gäste. „Es ist eine verrückte Zeit. Alles ist anders. Aber Gottseidank gibt es ein bisschen Licht am Ende des Tunnels“, sagt Ludger Ernsting. 90 Prozent der regelmäßigen Gäste hätten vor vier Wochen das Impfangebot des Gasthauses angenommen. „Es bestand großes Interesse. Wir haben viele Gespräche im Vorfeld geführt“, berichtet der Seelsorger.

Zu keinem Zeitpunkt habe es im Gasthaus einen Lockdown gegeben. Die Tür sei wie immer ab dem Frühstück bis 14 Uhr geöffnet und der Empfang besetzt gewesen. Rund 20 Prozent mehr Gäste und Besucher seien gekommen, da andere soziale Einrichtungen geschlossen oder ihr Angebot minimiert hätten. Auch sei man in der „harten Lockdown-Phase“ abends noch einmal mit warmer Suppe durch die Stadt zu Aufenthaltsorten der Freundinnen und Freunden von der Straße gegangen. „Jeden Abend haben wir Dank gesagt, dass alles gut gegangen ist und sich niemand mit Corona infiziert hat“, gibt Ernsting zu. Sicherlich seien die Schutzmaßnahmen mühselig und anstrengend, aber die meisten würden sich daran halten.

Untereinander gibt es eine große Solidarität

Corona wirke wie ein Brennglas, das die Situation der Menschen offenlege. „Die Obdachlosen wurden in der Stadt sichtbarer, weil nicht so viele Menschen unterwegs waren. Sonst hat man sie vielleicht eher am Rand wahrgenommen“, erklärt er. Viele von ihnen habe die Situation belastet. „Sie sind allein und schutzlos, vor allem am Abend, wenn niemand mehr auf der Straße unterwegs ist und sie keine schützende Tür hinter sich schließen können“, berichtet er. Das habe sich mit den fallenden Inzidenzwerten inzwischen etwas verändert. Die größte Solidarität gebe es allerdings untereinander. Wenn beispielsweise jemand einem Kumpel einen Platz in seiner Wohnung angeboten habe, habe das schon einiges aufgefangen.

Schwester Judith Kohorst hat wie die anderen Hauptamtlichen immer ein offenes Ohr für die Anliegen der Gäste. © Pressestelle des Bistums © Pressestelle des Bistums

Zwischen 35 und 80 Menschen lebten in Recklinghausen auf der Straße, schätzt Ernsting. Rund ein Fünftel der Bedürftigen seien auf der Straße unterwegs. „Die anderen versuchen, ihre Armut zu verstecken. Sie gehen im Stillen die Mülleimer ab. Besonders habe es die Flaschensammler getroffen, die einen Teil ihres Lebensunterhalts über das Pfand finanzierten. „Es gibt keine Feste, bei denen sie ein gutes Zugeld verdienen können“, macht er aufmerksam.

Immer mehr Jüngere wollen im Gasthaus mithelfen

Die Corona-Krise belaste die Einzelnen. „Egal, ob sie auf der Straße leben oder eine Wohnung haben. Ihre kleinen Jobs sind durch Corona weggefallen“, berichtet er. Zudem steige die Zahl der psychisch Erkrankten merklich. Aber auch für die Helferinnen und Helfer sei es eine schwere Zeit. „Zahlreiche unserer Ehrenamtlichen gehören zur Risikogruppe. Trotzdem haben viele ihre Dienste weitergeführt, weil es ihnen um die Menschen geht, die ins Gasthaus kommen“, berichtet Ernsting. Zudem hätten sich vermehrt Jüngere gemeldet und ihre Unterstützung angeboten.

So wie Franziska Bücking. Die 20-Jährige engagiert sich seit Januar im Gasthaus. Eigentlich wollte sie ein Studium der sozialen Arbeit beginnen. Das verzögert sich allerdings wahrscheinlich bis in den Herbst. „So habe ich Zeit. Es ist eine tolle Sache, hier mitzuhelfen. Die Atmosphäre ist gut und ich fühle mich in diesem offenen Haus sehr wohl“, sagt sie.

Der Abend in Recklinghausen

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