Straßengeschichten

Der Herzogswall: Vorbei an Mittelalter, Barock und Neuzeit

Eine spannende Reise durch die Geschichte Recklinghausens bietet der Herzogswall. Auf rund 650 Metern vereint er verschiedene Epochen und Jahrhunderte.
Markenzeichen des Herzogswalls und Überbleibsel aus dem 14. Jahrhundert: die mittelalterliche Stadtmauer. © André Przybyl

Am Lohtor beginnt der Herzogswall. Ein kleiner Hinweis unter dem eigentlichen Straßenschild weist darauf hin, warum die Straße ihren Namen trägt: Von 1802 bis 1810 gehörte Recklinghausen dem Herzogtum Arenberg an, von 1811 bis 1813 dem Großherzogtum Berg.

Am Anfang: Kirkeby-Skulptur und die Gebäude der Sparkasse Vest liegen sich gegenüber. © André Przybyl © André Przybyl

An der Kreuzung herrscht geschäftiges Treiben. Fußgänger und Radfahrer queren die Verkehrsader, Autos, Busse und Motorräder rauschen vorbei. Alt und Neu, Historie und Moderne liegen hier direkt gegenüber. Auf der Linken schrauben sich die Glasfassaden der Sparkasse Vest in den Himmel. Zur Rechten soll die Skulptur des dänischen Künstlers Per Kirkeby an das einstige Lohtor und die historische Stadtmauer erinnern. Hinter den sechs Torbögen aus rotem Backstein liegt Recklinghausens älteste Begräbnisstätte: der alte Friedhof am Lohtor.

Jede Menge Verkehr: Der Herzogswall – hier in Höhe der Sparkasse Vest – ist stark befahren. © André Przybyl © André Przybyl

Schicke Stadtvillen prägen das Bild

In einem sanften Bogen führt der Herzogwall entlang der Altstadt. Nach einem Geschäftshaus bestimmen vorwiegend alte Stadtvillen das Straßenbild auf der rechten Seite. Ärzte, Rechtsanwälte und Steuerberater haben hier ihre Büros.

Auf der anderen Seite wird gerade das Willy-Brandt-Haus saniert. Von 1905 bis 1980 war das Gebäude der Sitz der Kreisverwaltung. Nun sind hier eigentlich Volkshochschule und der städtische Fachbereich Kultur untergebracht – für die Sanierungsarbeiten mussten diese allerdings umziehen.

Wird zurzeit saniert: das Willy-Brandt-Haus. © André Przybyl © André Przybyl

Es folgt eines der ältesten Relikte aus der Geschichte Recklinghausens: die Stadtmauer. Rund 200 Meter sind von der mittelalterlichen Befestigung noch erhalten. Von den einstmals 16 Türmen stehen heute noch zwei – darauf weist eine Tafel hin. Entlang der dicken Mauern führt ein Rad- und Fußweg, der von Wiesen eingerahmt wird. Bänke laden dazu ein, eine Pause zu machen. An sonnigen Tagen spenden alte Bäume – Ahorn und Kastanien – Schatten.

Wurde 1701 erbaut: die Engelsburg. © André Przybyl © André Przybyl

Die Fassade leuchtet weiß und pastellgelb, grün sind die Gauben, rot ist das Dach – hinter der Befestigung taucht die Engelsburg auf. Das heutige Hotel, das seinen Namen dem Engelsbrunnen im Vorhof verdankt, wurde 1701 für einen Richter erbaut. Wie in der gesamten Hotellerie macht sich die Pandemie auch in dem Vier-Sterne-Haus bemerkbar. Nur Reisende, die geschäftlich unterwegs sind oder dringende private Gründe haben, darf das Hotel zurzeit empfangen.

Kopfzerbrechen im Salon „Alles Kopfsache“

Schräg gegenüber betreibt Nadine Blacha ihren Friseursalon „Alles Kopfsache“. „Vor neun Jahren habe ich mit einer Mitarbeiterin, einem Azubi und vier Plätzen für meine Kundinnen und Kunden angefangen“, erinnert sie sich. „Heute habe ich elf Angestellte, zehn Plätze und nutze das gesamte Haus.“ Der Salon geht mittlerweile über zwei Etagen und in dem Gebäude wohnt sie auch.

Betreibt seit neun Jahren ihren Friseursalon am Herzogswall: Nadine Blacha. © André Przybyl © André Przybyl

Corona macht ihr zu schaffen. „Durch den ersten Lockdown bin ich gut gekommen – ich hatte mir ein finanzielles Polster aufgebaut“, berichtet sie. „Doch im zweiten wurde es schwierig.“ Momentan sei für sie die Situation am schlimmsten. „Als wir wieder öffnen durften, haben uns die Leute die Bude eingerannt“, erzählt sie. „Doch nun sagen viele Kunden ihren Termin spontan ab.“ Sie hätten keine Zeit für einen Corona-Test oder würden keine Betreuung für die Kinder finden – so die Begründungen. Um über die Runden zu kommen, baut sich Nadine Blacha während der Pandemie ein zweites Standbein auf: „Über Instagram verkaufe ich nun auch Deko-Artikel.“

Ihren Wohn- und Arbeitsplatz schätzt sie. „Das ist der schönste Teil des Walls“, findet sie. „Die Engelsburg gegenüber, es ist sehr grün und ich bin schnell in der Krim – ich fühle mich hier wohl.“

Geschlossenes Restaurant unter alten Bäumen

Alte, knorrige Bäume flankieren im weiteren Verlauf den Herzogswall. Wohn- und Geschäftshäuser stehen zur Rechten. Ebenfalls von Corona getroffen ist das Kolpinghaus. Nach Renovierungsarbeiten wurde das Restaurant Ende 2019 neueröffnet – doch seit mittlerweile sechs Monaten dürfen keine Gäste mehr bewirtet werden.

Gegenüber liegt das älteste Gymnasium der Stadt: das Petrinum. Seine Gründung geht bis ins 15. Jahrhundert zurück. Der heutige Altbau wurde jedoch erst 1911 errichtet, der Neubau 1982 fertiggestellt.

Von historischen Gebäuden flankiert: die alte Feuerwache steht neben dem Gymnasium Petrinum. © André Przybyl © André Przybyl

Frisch renoviert präsentiert sich das Nachbargebäude: Die alte Feuerwache wurde 1909 eingeweiht und 2018 saniert. Der Bio-Markt „Lebewehr“, der zwischenzeitlich hier untergebracht war, ist der Pandemie zum Opfer gefallen – er musste seine Türen schließen.

Nachdem eine Anhöhe passiert ist, fällt der Herzogswall auf seinen letzten Metern ab. Dann ist das Ende erreicht. Rechts führt die Hertener Straße stadtauswärts, links gewährt das Steintor Eintritt in die Altstadt. Die Straße wird hier zum Königswall – der protzt allerdings nicht mit Geschichte, wie sein Vorgänger.

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