Besonderes Hobby - mit Video

Der Highlander von Speckhorn

Andreas Kleinehr ist in Speckhorn kein Unbekannter. Seit gut einem Jahr beschallt er das Dorf mit dem unverwechselbaren Klang seines Dudelsacks und verfolgt damit einen besonderen Traum.
In Speckhorn kein Unbekannter: Andreas Kleinehr ist bei gutem Wetter mit seiner schottischen Great Highland Bagpipe unterwegs und beschallt das Dorf mit dem unverwechselbaren mehrstimmigen Klang. © Jörg Gutzeit

Wenn Andreas Kleinehr durch das beschauliche Speckhorn spaziert, dann sieht man ihn vielleicht nicht sofort, aber man hört ihn – ohrenbetäubend laut und meterweit. Der 52-Jährige spielt Dudelsack. Und weil das nun mal kein besonders alltagstaugliches Instrument ist, das man ruhigen Gewissens in den eigenen vier Wänden spielen kann, dudelt der Recklinghäuser gerne durchs Dorf oder die Felder. Mit bis zu 140 Dezibel ist das altertümliche Holzblasinstrument so laut wie ein Kampfflugzeug. Daher: Wer in Speckhorn wohnt, kennt und hört ihn.

Doch bis der Recklinghäuser das majestätisch klingende Holzblasinstrument so weit beherrschte, war es ein langer Weg. Seit anderthalb Jahren übe er mindestens fünfmal die Woche und fährt jeden Morgen eine Stunde früher zur Arbeit, um dort ungestört zu proben. Der Speckhorner ist Geschäftsführer bei der Hella-Tochter FWB Kunststofftechnik GmbH.

Pusten, drücken und spielen

Wer das unförmige Instrument beherrschen will, müsse diese Zeit investieren. Denn anders als die Gitarre oder Geige ist der Dudelsack äußerst anspruchsvoll. „Man muss drei Dinge gleichzeitig tun: blasen, mit dem Arm Druck ausüben und spielen – und zwar auswendig.“ Andreas Kleinehr macht ausnahmsweise sogar vier Dinge gleichzeitig. Er läuft ja auch noch.

„Die Kunst ist es, einen möglichst langen, gleichmäßigen Ton zu erzeugen. Blasen und gleichzeitig den Druck mit dem Arm entsprechend auszugleichen, ist ganz schön knifflig. Wie oft habe ich das versucht, dann aber vergessen zu spielen. Oder ich hab gespielt und geblasen, aber vergessen zu drücken“, erzählt der Speckhorner und lacht. Besonders verblüffend ist, dass er nie zuvor ein Instrument erlernt hat, geschweige denn Noten lesen konnte.

Das Dudelsack-Spielen sieht leichter aus, als es ist. Zwei dudelsack-bedingte Operationen hat der Speckhorner schon hinter sich. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Der Sackpfeife überhaupt ein allererstes Tönchen zu entlocken, hat den Spieler an die Grenze der Verzweiflung gebracht („Ich bin definitiv ein emotionaler Spieler“). Auch das passgenaue Bearbeiten der Reeds, den Doppelrohrblättern für das Mundstück, raubte ihm den letzten Nerv. „Irgendwann wollte ich das Ding einfach nur noch in die Ecke werfen. Auf der Arbeit durfte man mich nicht mehr ansprechen. Ich hatte die Schnauze voll.“ Aber aufgeben kam für den „Piper“ nicht infrage.

„Ich bin zwar kein Schottland-Fan oder Whisky-Trinker, aber Dudelsack-Musik fand ich schon immer toll. Mein großer Traum ist es, in meiner Rente mit dem Segelschiff um die Welt zu reisen. In der Lagune von Bora-Bora in Französisch-Polynesien mitten im Pazifik möchte ich anlegen und die Bucht mit meiner Dudelsack-Musik beschallen. Das stelle ich mir großartig vor.“

Den Lebenstraum angehen

Und wer einen Traum verfolgt, der muss irgendwann anfangen, sich darauf vorzubereiten, sprich Dudelsack zu lernen, sonst ist es irgendwann zu spät“, meint Andreas Kleinehr. „Mit 63 brauche ich nicht mehr anzufangen.“ Segeln – das kann er schon. Seine Frau Renate („Ihr verdanke ich sehr viel“) hat ihn bei seinem ehrgeizigen Vorhaben unterstützt und ihn nach ausführlicher Recherche bei dem Ruhr-Piper Björn Frauendienst angemeldet. Bei dem professionellen Dudelsackspieler aus Witten lernte der Speckhorner, dass man nicht auf dem Dudelsack, sondern auf dem sogenannten Practise Chanter startet, einer klarinettenartigen Übungsflöte.

schottisches nationalinstrument

Musik für Hof, Schlacht und Militär

  • Der Dudelsack oder auch Sackpfeife genannt, ist nicht schottischen Ursprungs. Die wahre Herkunft lässt sich nicht mehr ermitteln, klar ist jedoch, dass das Holzblasinstrument in allen Ecken der Welt zu verorten ist und in ähnlicher Form bereits ca. 1000 v. Chr. im arabischen Raum gespielt wurde.
  • In Schottland hat der Dudelsack eine Tradition als Instrument am Hof. Heute werden die Great Highland Bagpipes einerseits als schottisches Nationalinstrument angesehen, andererseits haben sie sich durch die Militärmusik der Briten weltweit verbreitet.
  • Die Sackpfeifer waren innerhalb des schottischen Heeres besonders geachtet. Ihre Musik musste früher über das gesamte Schlachtfeld erschallen oder diente als Kommunikationsmittel in den Weiten der Highlands.

Apropos Übung: Die ersten Monate hatten es in sich. Doch Andreas Kleinehr hat Nerven aus Stahl und blieb am Ball, beziehungsweise Sack. Als er umsteigen konnte auf das eigentliche Instrument, legte er sich ein echtes Schmuckstück zu: eine Great Highland Bagpipe – der Bekanntesten unter den schottischen Sackpfeifen – in Schwarz-Gold, angelehnt an den BVB. Mit Sack und Pfeifen marschierte er dann bei gutem Wetter „stuuundenlang“ durch die Felder. Irgendwann erwischte er den ersten Ton. „Den habe ich 30 Schritte lang gehalten, dann 40.“

Ein Multitasking-Talent: Andreas Kleinehr marschiert, bläst, drückt und spielt gleichzeitig. © Jörg Gutzeit © Jörg Gutzeit

Die Speckhorner Pferde nahmen angesichts dessen sofort Reißaus. Die Nachbarn hingegen blickten neugierig aus ihren Fenstern, der eine triezt ihn scherzhaft, ein Kind staunt („Papa, Papa, der komische Nachbar geht wieder mit dem komischen Ding los“). Grundsätzlich seien ihm aber all seine Mitmenschen wohlgesonnen. Nur einmal habe er negative Erfahrungen machen müssen.

Zwei Handoperationen nahm er in Kauf

Das zähe Üben zeigte nach Monaten Wirkung – musikalisch, aber auch gesundheitlich. Nach nur einem Jahr aktiven Spielens hat Andreas Kleinehr zwei dudelsackbedingte Handoperationen hinter sich. Eine dritte komme bestimmt noch, fürchtet der Musiker. Für den Piper aber viel wichtiger: Musikalisch hat sich einiges getan – und zwar schneller als gedacht, meint auch sein Musiklehrer. Kaum einer seiner Teilnehmer hätte ein solches Durchhaltevermögen.

Inzwischen kann Andreas Kleinehr erste Lieder wie „Highland Cathedral“, „Auld Lang Syne“, „Amazing Grace“ und „Sailing“ dudeln. Im Kroatien-Urlaub habe er schon die ersten Buchten mit dem unverwechselbar mehrstimmigen Klang beschallt. Sein großer Traum rückt damit in greifbare Nähe.

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