Neue Spuren jüdischen Lebens (mit Video)

Die Unterdrückung begann schon vor Jahrhunderten

Jüdisches Leben gab es bereits im Mittelalter in Recklinghausen. Dr. Matthias Kordes hat den Fokus, der zumeist auf der NS-Zeit liegt, vorverlegt und im Stadtarchiv neue Dokumente gefunden.
Dr. Matthias Kordes, Leiter des Recklinghäuser Instituts für Stadtgeschichte/Stadt- und Vestisches Archiv, hat sich auf Spurensuche begeben und Dokumente über jüdisches Leben in der Stadt vor 1933 gefunden. © Christian Pozorski

Isaac Tourgman, Kantor der jüdischen Kultusgemeinde Recklinghausen, hatte Dr. Matthias Kordes Ende des vergangenen Jahres um einen Gefallen gebeten. Angesichts des Jubiläums „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ fragte er den Leiter des Instituts für Stadtgeschichte/Stadt- und Vestisches Archiv, ob er Jahreszahlen und Ereignisse jüdischen Lebens in Recklinghausen zusammenstellen könne, die vor dem Nationalsozialismus datieren. Kordes recherchierte – und wurde fündig.

„Für die Jahre 1933 bis 1945 gab es bereits eine Online-Chronik, nicht aber für die Zeit davor“, sagt der Archivar. Aus den an der Hohenzollernstraße eingelagerten Akten förderte Kordes gedruckte und handgeschriebene Texte, Urkunden und Abbildungen zutage. Das älteste Fundstück ist der Rest einer hebräischen Bibel aus dem 14. Jahrhundert. „Sie war gewissermaßen als Buchumschlag recycelt worden. Wie sie in unser Archiv gelangt ist, ist nicht ganz klar“, sagt Kordes. Dass er erst so spät damit begonnen habe, den Blick derart weit in die jüdische Vergangenheit zu werfen, halte er sich selbst ein bisschen vor, so der Archivar. „Ich bin fasziniert davon, das hat sich vorher niemand angeschaut!“

„Das Günstigste, was Juden passieren konnte, war es, geduldet zu werden“

Die Geschichte der Unterdrückung der Juden habe bereits vor mehr als 1000 Jahren begonnen: „Das Günstigste, was Juden passieren konnte, war es, geduldet zu werden.“ Vom Anfang des 17. bis Anfang des 18. Jahrhunderts sei es ihnen verboten gewesen, sich im Vest Recklinghausen anzusiedeln. Sie erfuhren im kurkölnischen Territorium Vertreibungen und Ausweisungen. „Das änderte sich erst Anfang des 19. Jahrhunderts“, so Kordes.

Aus drei Archivakten erstellte Kordes für die Jüdische Kultusgemeinde Recklinghausen eine aufschlussreiche Galerie mit 30 historischen Dokumenten. © Christian Pozorski © Christian Pozorski

Ein Schriftstück weckte bei Kordes besonderes Interesse, nämlich eine Verordnung von Herzog Prosper Ludwig von Arenberg, der von 1803 bis 1810 als Landesfürst agierte. „Über diese Sache habe ich gestaunt“, sagt der Leiter des Stadtarchivs. „1808 erließ der Herzog eine Verordnung, die das französische Zivilgesetz von Napoleon, den ,Code civil‘, als geltendes Recht einführte.“ Und die habe weitgehend liberale und freiheitliche Standards beinhaltet. So weit, so ungewöhnlich. Aber folgender Passus in der Verordnung bedeutete eine Verbesserung für Juden: „In Hinsicht auf bürgerliche Rechte gilt kein Unterschied unter den verschiedenen Religionsgenossen.“ Und auch die freie und öffentliche Ausübung von jüdischen Gottesdiensten ließ der Herzog zu. Kordes: „Ab dieser Zeit kommen Juden wieder ins Vest, das lässt sich beobachten.“ Wirtschaftliche und rechtliche Aktivitäten wurden Mitgliedern der Religionsgemeinschaft wieder erlaubt. Der Historiker spricht von einer „Dynamik in positivem Sinne“ für den Zeitraum zwischen der Mitte des 19. Jahrhundert und 1933.

„Integrative Erfolgsgeschichte“ ab Mitte des 19. Jahrhunderts

Von wirklicher Freiheit für Juden kann aber selbst ab da nicht gesprochen werden. So sei laut Kordes Druck auf sie ausgeübt worden, ihre Namen dem preußischen System anzugleichen. Wer dabei blieb, den Vornamen des Vaters als Nachnamen zu verwenden statt sich einen klassischen Familiennamen zuzulegen, musste mit Geldstrafen rechnen. Dennoch spricht Kordes von einer integrativen „Erfolgs- und Emanzipationsgeschichte“, die darin gipfelte, dass zur Einweihung der Synagoge an der Limperstraße im Jahr 1904 Vertreter der Stadt eingeladen worden waren.

Eine die Religionsfreiheit betreffende Verordnung des Herzogs Prosper Ludwig von Arenberg aus dem Jahr 1808 weckte das besondere Interesse von Matthias Kordes. © Christian Pozorski © Christian Pozorski

Das Ergebnis der Bemühungen des Historikers ist eine Galerie von 30 Dokumenten, die er in drei Archivakten fand – so etwa in der „Acta ,Die Juden und deren bürgerliche Verhältnisse betreffend‘“, die die Jahre 1815 bis 1861 bündelt. Darin enthalten sind Bürgermeister-Korrespondenzen und Anweisungen vorgesetzter Behörden wie Landrat und Bezirksregierung sowie Berichte an diese.

Seine Arbeit sei noch nicht abgeschlossen, so Kordes: „Es gibt noch Luft nach oben, die Chronik wird weiter ergänzt.“ Die gesamte Präsentation richte sich an alle historisch interessierten Bürgerinnen und Bürger und ausdrücklich auch an die Schulen in Recklinghausen, „die dort – weit über die Jahre des Nationalsozialismus und Holocaust hinaus – informative Archivdokumente und Bildquellen zur jüdischen Geschichte Recklinghausen finden können.“

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